Sick Sad World: Wann man ein Sprengstoffattentat planen darf

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Sick Sad World

Es birgt eine gewissen Ironie in sich. Das letzte mal als ich meine unregelmäßige Kolumne Sick Sad World schrieb ging es um Matthias Heyder, der mutmaßlich als Junker Jörg im Netz zu Gewalt und Vergewaltigung aufrief. Pikant dabei: Heyder ist NPD-Politiker und promotete Bombenanschläge im Netz. „Junker Jörg“ soll Berichten zufolge in einem Forum genau erklärt haben, wie Sprengstoff hergestellt werden könne.

Und was ist daran ironisch? Das ich jetzt in der aktuellen Kolumne wieder über die NPD und Bomben schreibe(n muss).

Der südbadener Thomas B., der den Lörracher Stützpunkt der NPD-Jugend leitet, hat sich 2009 über Monate hinweg hochexplosive Chemikalien und Bestandteile zum Bau von Sprengstoffen beschafft. Es war die größte Menge an Bomben-Grundstoff, die je bei einem Neonazi gefunden wurde. Binnen weniger Stunden hätte B. eine gefährliche Rohrbombe bauen können. Im Oktober 2010, erhob die Staatsanwaltschaft Lörrach Anklage, u.a. wegen „Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens“.

B., Sportschütze und ein ehemaliger Zeitsoldat bei den „Krisenreaktionskräften“ (KRK) der Bundeswehr, bleibt jedoch vorerst verschont. Zumindest was die Anklage wegen des Sprengstoffverbrechens anbelangt. Die wurde unter Berufung auf ein Urteil von 1977 vom Landgericht Freiburg Anfang April zurückgewiesen. Der Grund?

Der geplante Anschlag müsse bereits „hinsichtlich des Angriffsziels und des Zeitpunktes“ in seinen wesentlichen Umrissen feststehen. Dabei ist seit 2009 die Beschaffung von Komponenten zur Herstellung von Sprengstoff strafbar – aber nur, wenn sie zur Vorbereitung einer „schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ dient. Stichwort: Terrorismus, Sauerland-Gruppe, etc.

Doch was war das Ziel von B.? Sprengstoff horten als Hobby? Ist B. nur ein junger Waffennarr? Dass er auch Anzündlitzen, elektrische Zünder sowie eine ferngesteuerte Zündanlage bestellte weist auf mehr als ein rein theoretisches Interesse hin. Unterstützung bei seinen Einkaufstouren bekam B. dann auch vom Lörracher NPD-Chef Bauer, der ihm einen Teil der Chemikalien besorgte.

Dass B. das Autonome Zentrum KTS in Freiburg auskundschaftete, was die autonome Antifa Freiburg dazu bewegte die Staatsanwaltschaft zu informieren, scheint auch nicht alarmierend genug zu sein. Dabei fürchtete man einen Anschlag. Die Überraschung: Ein Angriff auf die Antifa ist scheinbar nicht „staatsgefährdend“, denn sonst hätten Staatsanwaltschaft und Landesgericht anders agiert.

Natürlich wird B. nicht ungestraft davon kommen, schließlich verstoß er auch gegen das Sprengstoff- und Waffengesetz. Nur eine staatsgefährdende Attentatsabsicht will ihm scheinbar niemand nachweisen können. Dementsprechend darf man bei Explosionsvorstellungen seiner Fantasie wohl freien Lauf lassen. Bloß nicht zu konkret werden. Traurige kranke Welt.

[via @dermaschinist]

    Ein Kommentar:

  • daMax schreibt am 26. April 2011 um 09:43

    Ach du Scheiße. Das ist echt mal wieder typisch für den grassierenden Neofaschismus hierzulande: auf dem >rechten Auge sind Polizei und Justiz ziemlich blind. Wehe, der Typ hätte den „falschen Glauben“ oder einen langen Bart gehabt…

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