“Auch wir sind keine Einhörner” – Die Piraten, Frauen und die Wahlen in Berlin – Julia Schramm im Interview

Julia Schramm von den PiratenHallo Julia, Glückwunsch zum Wahlergebnis der Piraten. Hast Du damit gerechnet? Bzw. wann zeichnete sich für Dich ab, dass das Ergebnis so hoch sein wird?

Danke! Also gerechnet habe ich mit nichts. Ich habe gehofft und gebangt – natürlich zeigten die letzten Umfragen bereits unglaubliche Prognosen, so dass es wirklich realistisch und zum Greifen nahe erschien. Aber so richtig realisiert habe ich es erst, als ich im Presseraum einen kurzen Moment mit Fabio, der jetzt ins Abgeordnetenhaus einzieht, hatte.

Wie beurteilst Du die Berichterstattung über die Piraten im Vorfeld? Man denke an die BILD, die die Piraten als Chaostruppe darstellte oder das RBB Interview mit Eurem Spitzenkandidaten Andreas Baum. Ich glaube härtere Fragen bekamen nur NPD und Sonneborn gestellt.

Nun, also ehrlich gesagt haben uns die Medien auch gepusht. Ohne die Berichterstattung in den Offline-Medien wären wir in der Gruppe 50+ niemals so stark gewesen. Auf der anderen Seite haben die Medien einfach noch nicht begriffen, wie wir ticken. Dass wir eigentlich das mit dem Spitzenkandidat doof finden und Arbeitsteilung mögen; dass wir uns mit allen möglichen Themen beschäftigen und das Internet nur das Betriebssystem ist; dass wir eine Mischform aus repräsentativer und direkter Demokratie über das Internet organisieren wollen; dass wir alles gar nicht so ernst nehmen – und vor allem nicht uns selbst. Wir konstruieren die Realität anders und das haben die Medien noch nicht ganz begriffen. Die sind noch ziemlich im 20. Jahrhundert verhaftet.

Schnell wurden Stimmen laut, die die Bekleidung eines einzigen Sitzes durch eine Frau rückständig empfanden. Ist die Frauenquote etwa auch ein Relikt des 20. Jahrhunderts? Selbst die CDU führte 1996 ein Frauenquorum ein.

Leider spiegelt sich in unseren Reihen die gesellschaftliche Geschlechterdifferenz in Bezug auf Technik und Politik auch wider. Bis auf die Grünen (und auch die Linke) haben die Parteien massive Probleme mit der weiblichen Repräsentation. Auch wir sind keine Einhörner, sondern nur in dieser sexistischen Gesellschaft sozialisierte Menschen, die sich damit rumschlagen müssen. Mich ärgert, dass immer auf den Piraten rumgehackt wird, obwohl es bei den anderen Parteien auch nicht ideal ist. Das ist ein gesellschaftliches Problem und kein Piratenproblem. Schlimm finde ich es bei der CDU, die ein traditionalistisches Familien- und Frauenbild hat und Frauen “vorschickt”, die dann sogar anti-feminitische Politik machen. Da zeigt sich die Fratze von Quoten und Quoren – sie sind nur ein Instrument und müssen begleitend betrachtet werden.

Dass die Grünen die Quote damals eingeführt haben finde ich großartig. Dass sie aber, auf Grund der Quote, gewissen Demokratisierungsreformen nicht zustimmen können finde ich wiederrum nicht gut. Ich finde es auch gut, dass die Telekom sich eine Quotenvorgabe gegeben hat, denn ich lehne Quoten nicht generell ab, ich will nur nicht, dass es sich auf Frauen beschränkt. Ich bin z.B. für eine Männerquote bei Grundschullehrern. Auch über Migrantenquoten kann man sprechen oder Quoten von Glaubensgemeinschaften. Das Ziel sollte doch sein: So viele Menschen so bunt wie möglich zusammen bringen für Toleranz und Respekt von klein auf – verschiedene Lebensentwürfe kennen- und akzeptieren lernen.

Siehst Du da also ein Missverständnis der Kritiker in Eurem Grundsatzpunkt, dass Ihr die Erfassung des Geschlechtes abschaffen wollt? Es ist doch so, dass bei einer Mitgliedsanmeldung auch keine Felder für Anrede oder Geschlecht vorhanden sind, oder?

Grundsätzlich halte ich es für richtig, kein Geschlecht zu erfassen. Was soll das bringen? Es wird nur nach biologischen Maßstäben gewertet – wie will man Biologismus überwinden, wenn man ihn in der Gesellchaft auf diese Weise festschreibt? Das biologische Geschlecht muss egal sein.
Ich denke, dass es viele Missverständnisse auf Seiten der Piraten und auf Seiten des Feminismus gibt.

Könntest Du das näher erläutern? Welche Missverständnisse bestehen bei den Piraten und welche bei den FeministInnen?

Also die Piraten bestehen zu einem nicht geringen Teil aus Nerds, die sich vom Feminismus verarscht fühlen. Das sogenannte Nice-Guy-Syndrom. Sie verhalten sich den Frauen gegenüber bewusst respektvoll und in Antizipation eines oberflächlichen Feminismus – sind aber stets die besten Freunde, nie die Liebhaber. Aus diesem Dilemma ist ja auch Pick-Up entstanden, was letztlich bedeutet, dass man lernt mit dem Selbstwert seines Gegenüber zu spielen.
Natürlich kann man keine Politik basierend auf schlechten Erfahrungen im Liebesleben machen – das wäre billige Betroffenheitspolitik, die letztlich einem Volksvertreter nicht gebührt. Dennoch ist das vielermals der Hintergrund. Und dann gibt es ja auch wirklich Felder, wo Männer mal den Mund aufmachen sollten und sich gegen klassische Rollenbilder wehren sollten. Wenn es um das Sorgerecht oder die Ernährerrolle geht. Das steht natürlich nicht im Gegensatz zum Feminismus.

Bei den Frauen ist es anders interessant. Fast alle Frauen bei den Piraten haben immer nur mit Jungs Zeit verbracht, hatten selten bis gar keine Freundinnen und waren bzw. sind anderen Frauen skeptisch gegenüber.
Außerdem fühlen sie sich oft emanzipiert, führen tolle, gleichberechtigte Beziehungen und basteln an ihrer Karriere.

Da ist dann der Affront: Aber ihr seid alle anti-Feministen auch für diese starken Frauen ein Angriff. Dabei sind die meisten Piraten nur frauenfern, also unabhängig vom Geschlecht, und finden das auch nicht immer toll ;)

Julia, Du bist ja in den eigenen Kreisen wegen der Spackeria nicht ganz unumstritten, nun behauptest Du von Deinen Parteikollegen sie erfüllen das Klischee des Forever-Alone-Nerds. Machst Du Dir schon Gedanken, wo es nach den Piraten hingeht? Vielleicht zu den Einhornisten?

Haha, naja, das gilt ja nicht für die Mehrheit der Partei ;) Ich versuche eher so grundsätzliche Mentalitäten zu eroieren. Ich selbst bin in der Tat nicht unumstritten, wobei der LV Berlin mir in den letzten Monaten wirklich den Rücken gestärkt hat und mich unterstützt hat. Das war wirklich toll. Nach so einem Erfolg macht man sich erstmal keine Gedanken – aber ich bin guter Dinge. Die Piraten lernen schnell, sie lernen gerne und das werden sie auch mit dem Feminismus tun.
Aber im Herzen sind wir sowieso alle Einhornisten!

Noch eine letzte persönliche Frage, wie ist das so unter vielen Männern? Ich meine da unterschwellig konkrete Erfahrungen rauszulesen und Du bist ja auch nicht unprominent als Piratin – deswegen interviewe ich Dich ja. Ist das manchmal problematisch oder wirst Du auch als Aushängeschild vorgeschickt?

Also Aushängeschild, klar, das passiert, aber vor allem, weil ich jeden totreden kann, wenn es notwendig ist und weder kamerascheu, noch untelegen bin. Abgesehen davon bin ich es gewohnt unter vielen Männern zu sein und fühle mich da z.T. sehr viel wohler als unter Frauen. Das war früher sehr krass, weil ich mit Frauen kaum etwas anfangen konnte, bzw. nur mit Ausnahmen. Ich habe zwar Kontakte geknüpft und gepflegt, habe mich aber meistens fremd gefühlt unter Frauen. Meine Leidenschaft für Politik, Geschichte und Internet teilten nicht viele. Von daher bin ich es gewohnt. Mittlerweile habe ich sehr gute Freundinnen und phantastische Mädels bei den Piraten gefunden, mit denen ich eine tolle Zeit habe und die ähnliche Erfahrungen gemacht. So ist auch der Kegelklub entstanden – unser Forum für Fragen rund um die Piraten, die sich ab und an oder oft weiblich fühlen.

Abseits davon: Klar flirten wir auch – übrigens sehr unabhängig von Geschlecht und sexueller Präferenz. Außerdem herrscht eine wahnsinnig tolle Sensibilität für Sexismus. Nicht bei allen, klar, aber in der Masse ist das schon vorbildlich. Deswegen ärgern mich auch diese Pauschalurteile über den frauenfeindlichen Nerd und die Opferfrau – das Bild ist viel differenzierter, wenn man Teil der Partei ist.

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Von: Daniel • Tags:

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