3 Kommentare

Die Revolution beginnt in uns selbst – Ein Bericht eines Besetzers im #campduesseldorf

Von Daniel • 05.11.2011

Occupy Düsseldorf

Hanno ist ein alter Bekannter aus Düsseldorf. Als ich erfuhr, dass er tatsächlich Tag und Nacht in Düsseldorf campiert bat ich ihn darum mir aufzuschreiben, wie seine Tage so aussehen und warum er das macht. Dies ist seine Antwort:

Hallo kotzendes Einhorn, hallo kotzende Welt,

ihr fragt Euch sicher warum sich Vollblutirre, diesen Terminus nutze ich bewusst (“Wer nicht verrückt ist, der ist einfach nur schlecht informiert.”), im nahenden Winter in Kaltland aus ihren warmen Wohnungen in die Kälte verpflanzen, auf Stein und Asphalt ein Camp aufschlagen und dort für eine ominöse 99%-, eine Occupy-, eine “echte Demokratie jetzt”- Bewegung den Arsch abfrieren und für was eigentlich protestieren…? Auf diese Frage gehe ich später noch mal ein, was kam aber davor?

Die jüngsten Vorbilder für die Bewegung campten nach meinem Kenntnisstand in Nordafrika, namentlich auf dem Tahir-Platz und diese Protestform wanderte dann übers Mittelmeer nach Spanien und wurde dort mit den Philosophien der Empörung und der Herrschaftskritik gefüttert,
so weit mein Wissen über die Historie in Kurzform. Ich hatte in den letzten Monaten oft über diese Protestform nachgedacht und nicht nur der “erfolgreiche” Wandel in Ägypten, erfolgreich apostrophiert, weil das neue ägyptische Staatssystem noch auf einer Herrschaft des Militärs
basiert, auch die Camps in Spanien und in Folge im Rest Europas, in den USA und der Welt haben als Protestform ein hochkommunikatives Potential eines gesellschaftlichen Wandels, welcher mich immer noch elektrisiert.
Camps als Orte der Begegnung und Bildung, Orte des inneren und gesellschaftlichen Wandels.

Der globale Aspekt dieser Bewegung ist zudem ein solitäres Ereignis mit der Option eines recht überschaubaren Zeitfensters. Die Internettechnologie bietet aktuell ein hohes Vernetzungspotential;
anschaulich machen kann ich das durch meinen “Arbeitsplatz” im Hier und Jetzt im #campduesseldorf. Ich sitze gerade, es ist 01.44h, auf einem Liegestuhl im Zelt vor der Projektion eines Livestreams aus dem #camp-occupyparis auf unserer Zeltwand, sodass auch Passanten die Bilder und die weltweiten Kommentare aus dem Chat außerhalb des Zelts sehen und die Reden der Protestler hören können. Gestern haben wir live die Bewegung in Oakland begleitet, die zu einem Generalstreik aufgerufen haben und haben unsere Grüße und Wünsche über den großen Teich gesendet, ein Gefühl von vereinter Willenskraft und Mitmenschlichkeit, dass viele von uns schon seit Jahren herbeisehnen.

Ein Detail, dass diese weltweite Verbindung sehr schön wiedergibt ist die Tatsache, dass sich in der vergangenen Woche spontan solidarische Aktivisten in Ägypten zu einem erneuten Marsch zum Tahirplatz begaben, um für die Protestler und gegen die gewalttätigen Übergriffe auf das Camp in Oakland, Kalifornien.
Präsenz zu zeigen. Ägypter für Kalifornier, ein Phänomen unter vielen unglaublichen Phänomenen dieser Bewegung.

Ich komme nochmal auf die eingangs gestellte Frage zurück: Wofür protestiere ich hier? Zentral ist in dieser Bewegung tatsächlich das -> für <- etwas einstehen, für Gerechtigkeit und Menschlichkeit, für
Bewusstheit und Achtung vor dem Leben auf diesem Planeten. Ich habe durch die vielen Projekte der letzten Jahre viel an meiner Einstellung zum Einsatz für eine bessere Welt verändert. Ich kämpfe nicht mehr gegen die bestehenden Verhältnisse, nicht mehr gegen die Vertreter des Systems, nein ich setze mich für einen Umbau auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen ein. Miteinander, nicht gegeneinander.

Du, das kotzende Einhorn, die kotzende Welt, Ihr möchtet Erfahrungen aus dem Camp? Kommt doch mal vorbei und macht Euch Euer eigenes Bild. Erlebt solidarisches Leben und arbeitet mit an Kommunikationsstrategien für Eure eigene Empörung. Was empört Euch an den Zuständen? Ist es der Tod von Unschuldigen hervorgerufen durch Spekulation mit Nahrungsmitteln, ist es der Handel mit Tötungswerkzeugen oder ist es die Zerstörung unserer aller Lebensgrundlagen? Ist es der Tod, die Sklaverei, die Ausbeutung, die wir an der Supermarktkasse, am Bankschalter in Auftrag geben? #occupyyourself, dieser relativ radikale Ansatz ist es, der durch diese Bewegung vermittelt wird. Die Revolution beginnt in uns selbst.

Danke Hanno! Nicht nur für den Bericht, sondern dafür, dass Du da draußen campierst! Mehr zum Camp in Düsseldorf findest Du u.a. beim Freitag.



Ein Trackback »

    2 Kommentare »

  • Dat Hannoeken schreibt am 5. November 2011 um 13:12

    Hey kotzendes Einhorn, moin moin kotzende Welt,

    das ging aber rasant, kaum abgeschickt schon im Netz, bedankt u well.

    Mein Nachtrag ist ein Appell an alle Besitzenden. Heute ruft die belebte Welt erneut um Hilfe. Werdet bewusst, dass besitz versklavt. Euch und alle anderen. Hebt als Symbol des kleinsten gemeinsamen Nenners Euer geld von den Banken ab und kauft Euch dafür Zukunft für alle: Solarpanels, biologisches Saatgut, Windkraftanlagen, Fahrräder, Equipment für Volxküchen, etc. pp. und teilt es mit der Bewegung. Ob nun occupy, foodnotbombs und/oder private Initiative, egal, seid dabei die Welt zu gestalten und löst Euch aus den Fesseln der Sklaverei des Arbeitens, Kaufens, Sterbens,

    mit revolutionärem Grinser,

    Hanno

    Ps.: Dieser Blog spült mir immer wieder einen alten Affekt ins Gedächtnis:

    Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.

    LOVE

  • daMax schreibt am 5. November 2011 um 13:54

    td;dr aber ich bin sicher ich stimme zu 99% überein :-)

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