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Musik-Lobbyismus im Wandel der Zeit

Von Daniel • 03.03.2012

Wer denkt, dass die aktuellen Debatte über Privat-, Raub- und Sonstwaskopien sowie Urheberrecht neu seien, der hat sich geschnitten. Vor allem weil das Urheberrecht, so wie wir es kennen, noch recht jung ist. Knapp über 100 Jahre vielleicht.

Copy Kills Music

Die Ironie ist, dass alles just a little History repeating ist. Geschichte widerholt sich. Eine neue Technologie kommt und der aktuelle Zustand ändert sich. Klar, das macht Angst und ja, da gibt es immer Verlierer. Aber meist eben auch Gewinner. Die potentiellen Verlierer – die vorher oft die Gewinner waren – tun sich zusammen und handeln so wie es Loser eben tun. Konservativ und schissig, lobbyistisch und idiotisch. Zumindest rückblickend. Wenn ich viele Punkte der aktuellen Debatte sehr gut nachvollziehen kann und öfter als mir lieb ist auf Seite der Komponisten und der GEMA bin habe ich doch die Vermutung, dass vieles rückblickend so albern und peinlich wirkt wie die hier vorgestellten Beiträge.

Gegen den Tonfilm? WTF?! 1927 kam der erste Tonfilm ins Kino. Bis 1930 verloren in den USA 22.000 Musiker, die Stummfilme begleiteten, ihre Jobs. Das ist tragisch, natürlich. Doch was wäre die logische Konsequenz gewesen? Hätten wir heute auch noch Stummfilme oder würde lediglich Filmmusik verboten werden?

Und wusstet Ihr, dass die GEMA in den 50ern versuchte Grundig zu verklagen, weil die Tonbandgeräte für den Heimgebrauch herstellten? Herstellung und Verkauf solcher Geräte sollten juristisch verboten werden.

1964 erzielte die GEMA dann einen Teilerfolg vor dem Bundesgerichtshof. Gerätehersteller seien an einer unerlaubten Handlung beteiligt und müssen deswegen eine Abgabe an die Verwertungsgesellschaft zahlen. Mit dieser sogenannten Geräteabgabe werden Rechteinhaber wegen potentiell privat kopierter Musik entschädigt. Genauso verfuhr man auch im Falle der Ende der 60er Jahre aufkommenden Fotokopiergeräte und dann auch bei der Einführung von CD-Rohlingen. Was ja voraussetzt, dass man mit solchen Geräten grundsätzlich was illegales tut. Geil, oder?

Und so wiederholt sich alles. 1980 war die Kassette der Feind und tötete die Musik und die Schallplatte als Medium. Home Taping Is Killing Music, ja genau.

1999 verlor die RIAA in den USA einen Prozess, mit dem sie versucht hatte, die Produktion eines MP3-Abspielgerätes zu verbieten und in Deutschland leitete die GEMA beim deutschen Patent- und Markenamt gegen den CD-Brenner-Hersteller Hewlett-Packard ein Verfahren ein um 20 DM pro verkauftem Gerät zu bekommen. Im selben Jahr startete die Kampagne “Copy kills music”. Der grammatikalisch inkorrekte Slogan kam von der Agentur “Zum goldenen Hirschen” und die Pläne waren skurril. So berichtete Tim Renner, damals noch bei Universal, dass er A&Rs an Schulen schicken wolle um dem Nachwuchs klar zu machen, dass sie keine Musikerkarriere erlangen könnten, wenn das Kopieren weiter geht. Schon 10.000 kopierte CDs vernichten eine Nachwuchsband. Und genau deswegen gibt es keine Nachwuchsbands. Merkt Ihr, nicht?
Und bereits 2000 wollte man das Netz stärker kontrollieren und das World-Wide einfach streichen:

“Der Bundesverband der deutschen Phonoindustrie plant, die Verbreitung digitaler Raubkopien einzudämmen, indem er Internet-Adressen mit urheberrechtswidrigen Inhalten in eine Sperrliste aufnehmen lassen will. Alle Internet-Provider sollen durch Internet-Filtervorrichtungen gemeinsam verhindern, daß ihre Kunden von Deutschland aus auf gesperrte Adressen zugreifen können. Durch ein derartiges ‘Rights Protection System’ (RPS) soll im globalen Internet der längst verlorengeglaubte nationale Rechtsraum wiedererrichtet und das oftmals fruchtlose Bemühen, eigene Urheberrechte gerichtlich im Ausland durchzusetzen, vermieden werden.”

2003 folgte dann die Filmindustrie mit “Raubkopierer sind Verbrecher” und 2007 hieß es “Piracy Kills Music”. Und 36 Euro von jedem Smartphone gehen an die GEMA und andere Verwertungsgesellschaften.

Die Ironie? Musik lebt. Nachwuchsbands werden weiterhin berühmt. Ja, sogar die Schallplatte gibt es noch.



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