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Von Twitter zum Roman – Alexandra Tobor im Interview

Von Daniel • 03.06.2012

Alexandra ToborAlexandra kenne ich schon lange, sogar noch vor Twitter. Weil wir die selben Platten besprachen. Sie für die Spex und ich damals für die Intro. Außerdem wuchsen wir in der selben Gegend auf, nachdem sie aus Polen nach Deutschland kam. Nun erscheint mit Sitzen vier Polen im Auto ihr erster Roman über genau diese Zeit. Grund genug sie mal dazu auszufragen. Wir kommt man von Twitter zu einem eigenen Buch und wie schwer ist es wirklich Sachen zu schreiben, die über 140 Zeichen lang sind?!

Hi Tiffy, die Geschichte wie das mit Deinem Buch passiert ist, ist ja nicht die klassische Story. Du hast zwar bereits daran geschrieben, aber wurdest dann tatsächlich auf Twitter entdeckt, oder?

Ohne Twitter hätte ich die Geschichte gar nicht erst angefangen. Ich wurde vom großen Huck Haas aufgrund meiner ulkigen Tweets gebeten, für das Stijlroyal Magazin einen Beitrag zum Heimatthema meiner Wahl zu verfassen. Aus diesem Text wiederum habe ich einen weiteren – unterhaltsameren – für eine Twitter-Lesung gebastelt. Es waren Twitterer, die mich gedrängt haben: “Mach doch mal ein Buch draus, ey!” – Meine und anderer Leute Follower waren also erst Anlass für mich, überhaupt darüber nachzudenken, so etwas Großes wie einen Roman zu schreiben.

Das heißt vorher kam Dir gar nicht die Idee sowas zu tun? Immerhin hattest Du doch schon als Autorin gearbeitet. Für die Spex z.B.

Doch. Die Vision hatte ich schon lange. Aber ich hatte lange Zeit überhaupt keine Vorstellung von dem Stil, oder was das ganze denn werden könnte. Ich dachte, ich würde irgendwann, “wenn ich groß bin”, schon irgendwas schreiben. Diese Gewissheit habe ich seit 1985, als ich von meinen Eltern meinen ersten Schreibblock geschenkt bekam.
Was Spex angeht, würde ich gerne eine Anekdote loswerden: Es muss 2003 gewesen sein, als ich gebeten wurde, für Seite 3 eine damals so im Heft übliche, kurze Betrachtung zu verfassen. Ich schrieb einige Zeilen darüber, wie ich 1989 mein erstes Wassereis in der Hand hielt und nicht recht wusste, was ich damit anstellen soll. Aus Jux schrieb ich darunter, bei dem Textlein handelte es sich um einen Auszug aus meinem in so und so vielen Jahren erscheinenden Roman. 2012, also fast 10 Jahre später, hat sich diese Prophezeihung also tatsächlich selbst erfüllt. Und die Anekdote habe ich sogar mit in den Roman genommen. Dank an meinen damaligen Mentor Carsten Sandkämper, der mir schon damals verklickern wollte, er lese mich lieber als Max Goldt

Nun hattest Du dank Twitter den Elan einen Roman zu schreiben, aber wie kommt man dann an einen Verlag?

Das habe ich dem elefantösen Jan-Uwe Fitz zu verdanken, der mich nicht nur auf seinem Jour Fitz etliche Male hat lesen lassen, sondern die Texte in seine Agentur schleuste. Dort zeigte man sich an meinem Stoff interessiert, und nachdem das Exposé fertig war, meldeten sich bereits einige Verlage, darunter Ullstein, wo mein Buch sich aufgrund der Multikulti-Thematik in der dafürvorgesehenen Reihe „Lesezeichen“ gut positionieren ließ.

Wie läuft das denn so ab? Wie sieht so ein Exposé dann aus?

Es ist im Grunde ein unerträglicher Werbetext, der – wie mir später Insider berichteten – eigentlich nicht vom Autor selbst verfasst werden sollte. Mir tat es weh, eklige Formulierungen rauszuhauen wie “Kleine und große Problemchen sind vorprogrammiert!” – Stell dir einen Chicklit-Klappentext auf 20 Seiten vor. Die größte Herausforderung lag aber darin, den Inhalt eines noch nicht geschriebenen, noch nicht einmal umrissenen Buches zusammenzufassen und dann auch noch interessant zu vermitteln. Klingt absurd, aber so wird es heutzutage gemacht. Außerdem hat michständig die Angst begleitet, dass ich in eine ganz andere Richtung gehen wollen könnte, als das Exposé suggiert – und dann? Würde der Verlag mitgehen? Zum Glück habe ich alles möglichst allgemein gehalten, so dass ich mir im Schaffensprozess relativ viel erlauben konnte.

Besonders viel Arbeit hat mir übrigens die Recherche gemacht, allerdings war das auch der angenehmste Teil. In dieser Arbeitsphase lässt man passiv alles auf sich einprasseln, und irgendwann wachsen die Ideen raus, sprießen aus dem Wulst des Angelesenen wie Pflanzen im Frühling. Das ist toll.

Ist das etwas was Du unterschätzt hattest? Ich meine, das Buch ist ja weitestgehend autobiografisch. Denkt man da nicht: Das ist mein Leben, was soll ich da recherchieren?

Genau so habe ich gedacht. Aber es kamen einfach so viele Fragen auf, die sich mit dem egozentrischen Ansatz nicht beantworten ließen. Zum Beispiel: Wie hat meine Mutter alles erlebt, die sich nicht so leicht wie ich von pink glänzendem Plastikspielzeug blenden ließ? Welche Probleme hatten meine Eltern, die nicht, wie ihre Kinder, jeden Tag in der Schule die Möglichkeit hatten, sich die deutsche Sprache anzueignen? Mich hat es auch interessiert, wie sich ihre Erfahrungen meiner Eltern zu den Erfahrungen anderer Spätaussiedler verhalten und wie sie sich von den Erfahrungen von sagen wir Gastarbeitern unterscheiden. Also ging es plötzlich nicht um MEINE Kindheitswehwehchen, sondern um die allgemeine Erfahrung von Fremdsein, um Identität, um die Auswirkungen kulturspezifischer Sozialisation, usw. – Irgendwann habe ich mich von der Autobiografie entfernt und betrachtete sie lediglich als Inspirationsquelle für eine universellere Geschichte, die eben nicht von MIR handelt, sondern auch von allen anderen, und alledem, was uns damals umgab.

Sitzen vier Polen im AutoDas klingt jetzt more sophisticated als ein Titel wie “Sitzen vier Polen im Auto” vermuten lässt. Oder um es in Bezug auf den Titel zu sagen. Inwiefern spielen Vorurteile und Klischees eine Rolle in Deinem Roman?

Ach, der Titel, der ist gar nicht von mir, das kann ich nicht oft und deutlich genug sagen. Wie das Buch vermarktet wird, liegt leider nicht in der Hand des Autors, darüber entscheidet der Verlag, der in Zielgruppen denkt, und man muss auch immer im Rahmen des Verlagsprogramms bleiben. Die können also nicht einfach hergehen, meinem Buch einen bedeutungsschweren Titel geben und ihm eine Illu verpassen, die nicht zum grafischen Gesamtkonzept passt. Ich habe den Stil der anderen Bücher aus der Reihe komplett ignoriert und einfach so geschrieben, wie ich es für richtig hielt. Also, entre nous: wer die seichte Unterhaltung, die Klischees und dümmlichen pc-freien Witzchen erwartet, die der Titel manchem suggerieren würde, wird bei mir nicht fündig. Vorurteile spielen in meiner Geschichte eine gewaltige Rolle. Aber ich hoffe, dass es mir gelungen ist, sie zu durchbrechen, anstatt zu reproduzieren, wie es der gewöhnliche Multikulti-Klamauk zu tun pflegt. Außerdem sind Vorurteile bei mir nicht etwas, das die “bösen Deutschen” gegen die “guten Polen” oder so haben. Ich thematisiere Vorurteile auf beiden Seiten, Deutsche gegen Polen, Polen gegen Deutsche, Polen gegen Russen, Polen gegen Polen. Niemand ist frei davon – in keiner Beziehung.

Abschließend eine letzte Frage, im Netz bildet sich jeder ein ein Autor zu sein, ein Journalist, Komödiant oder sonst wer, was würdest Du jemanden raten, der jetzt denkt, wenn Twitter-Tiffy ein Buch schreibt kann ich das auch. Meine Tweets haben mehr Favs!

Ich würde grundsätzlich jedem raten, zu schreiben. Vor allem denen, die meinen, es nicht zu können. Schreiben ist eine Fortbewegungsart des Geistes. Im Netz tummeln sich so viele große Talente, denen man nur den Mut und das Selbstvertrauen wünschen kann, aus ihrem Potenzial und ihren Ideen endlich etwas zu machen. Also: ich ermuntere grundsätzlich jeden, der meint, das Zeug dazu zu haben, schriftstellerische Ambition zu entwickeln und sich im Dunstkreis der Lesungsreihe um Fitz & Co. ein kleines Publikum zu schaffen. Ich bin Twitter-Tiffy, ich habe ein Buch geschrieben, das wäre ohne Twitter nicht passiert. Und du als Twitter-Soundso solltest die Chance ebenfalls nutzen. Die Sterne standen noch nie so günstig in dieser wunderbaren Internetwelt.

Wenn Du magst, kannst Du Dir die ersten zwei Kapitel von Alexandra vorlesen lassen. Ach pah, wenn Du magst – Solltest Du unbedingt. Ich freu mich auf Ihr Buch!



Ein Trackback »

    4 Kommentare »

  • Andreas Klemt via Facebook schreibt am 3. Juni 2012 um 20:57

    ach nee… das freut mich jetzt aber mal wirklich!

  • A. schreibt am 3. Juni 2012 um 22:01

    Ich habe mir das Vorgelesene vor einigen Wochen angehört und bin begeistert. Wird es irgendwann das komplette Buch in diesem Format geben? Muss man dazu den Verlag nerven? Als ob die bewundernswerte, allwissende, große Schwester aus dem geheimnisvollen Folianten vorträgt. Und die Ambientsounds!! Ich brauche das komplett! Ullstein wäre der coolste Verlag der Welt, wenn er das ermöglichen könnte.

  • Eva schreibt am 8. Juni 2012 um 16:39

    schon bestellt: http://www.robinbook.ch/rb/product/buch/taschenbuch/weltliteratur/sitzen-vier-polen-im-auto/1/2485355

    bin megagespannt. VG, Eva

  • Marie schreibt am 28. Juni 2012 um 11:00

    Ich bin auch sehr interessiert, das Buch zu lesen. Sicher wäre eine solche Buchform auch etwas für den Frieling-Verlag gewesen, denn was ich loben muss, ist, dass sie offen sind für viele verschiedene Werke. http://www.frieling.de Ich kenne den Verlag von meiner Oma, die dort mal ein Buch veröffentlichen durfte. Ich freue mich, wenn verlage nicht so engstirnisch sind und nicht nur ganz bestimte Genren zulassen.

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