Das Problem heißt Rassismus – Auch 20 Jahre nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen

Rostock-LichtenhagenGestern wurde dem Progrom von Rostock-Lichtenhagen gedacht. Vor 20 Jahren belagerten ein Mob aus Nazis und Rassisten fünf Tage lang die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber_innen und setzten diese mit Molotowcocktails in Brand. Neben einer offiziellen Gedenkfeier mit Joachim Gauck gab es auch eine weitere Demonstration unter dem Motto “Das Problem heißt Rassismus”. 5000-6500 Menschen zogen bereits gestern durch Rostock. Eine Demonstration, die Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) versuchte zu kriminalisieren. Aus Angst vor “linksextremistischen Übergriffen” war ein Großaufgebot der Polizei vor Ort. Caffier dazu:

“Es wird nicht passieren, dass wir zu wenige Einsatzkräfte haben. Da bin ich ein gebranntes Kind.”

Zwischenfälle gab es dennoch nicht. Bei den Rostocker Bürgern selbst wurde der antifaschistische Demonstrationszug angeblich beiläufig wahrgenommen. So berichtete zumindest die Zeit. Man wolle lieber den Opfern stiller gedenken. Wie auf der Veranstaltung mit Gauck. Eine deutsche Eiche pflanzen und so. So still wie eben auch der Faschismus geworden zu sein scheint. Der steht nicht mehr mit Brandsätzen vor den Häusern, ein beiläufiger Kommentar reicht.

“Heute immerhin bleiben die Nazis ziemlich unsichtbar. Bis auf einen jungen Glatzkopf, der beim Anblick des riesigen Polizeiaufgebots sagt: ‘Ach stimmt, heute kommen ja die Zecken.’”

Auch ein Video der Filmpiraten zeigt, dass die Xenophobie in Deutschland tief verwurzelt ist (Ab 00:45!):

Doch Du musst gar nicht die Leute auf der Straße befragen um diese Strukturen aufzudecken. Jasper von Altenbockum feiert das Progrom in der FAZ als Weckruf. In seinem Artikel jongliert er mit Extremismusbegriff und Leitkultur, dass es nur so scheppert und begräbt nachträglich den Multikulturalismus im Jahre 1992. Oder eben heute bei der Rede von Gauck. Der soll die Antifa mit Nazis gleichgesetzt haben während Bürger die Protestierenden angeblich mit Regenschirmen attackierten, ihre Schilder zerrissen und ihnen den Mund zuhielten.
Applaus Herr Präsident, solide Antwort auf die Kritik. Sie können sich zu Recht über das Stören der Veranstaltung aufregen, doch ob ein solcher Vergleich nötig gewesen wäre?! Wohl kaum!

Schließlich waren es Antifaschisten, die sich in Lichtenhagen gegen die Nazis stellten. Als Dank wurden 60 von ihnen festgenommen. Gerade in diesem Zusammenhang ist die Gleichsetzung ein absoluter Fail. Dies anschließende Video um ihnen vor Augen zu führen wo die Staatsmacht damals blieb, schließlich wusste Sie diese Frage nicht zu beantworten.

Dabei sollte sich Gauck seiner Verantwortung als Politiker durchaus bewusst sein. So sagt er selbst in seiner Rede, dass die Situation von Menschen geschaffen wurde. Die Politik trug Anfang der 90er nicht unerheblich zur Stimmung bei. So schreibt Patrick Gensing im Tagesschau-Blog:

“Veteranen der Neonazi-Szene berichten noch heute mit leuchtenden Augen über die Nachwendezeit, als sich die braunen Schlägerbanden zum Vollstrecker des ‘Volkswillens’ aufschwangen. Sie fühlten sich legitimiert von Politikern, die in aggressiver Wortwahl gegen Flüchtlinge zu Felde zogen. Bekanntestes Beispiel für diese politische Verantwortungslosigkeit dürfte Edmund Stoiber gewesen sein, der vor einer ‘durchrassten Gesellschaft’ sprach. Dem damaligen Bundesinnenminister Rudolf Seiters fiel bei einer Pressekonferenz während der Ausschreitungen in Lichtenhagen, bei denen der Mob Menschen verbrennen wollte, nichts Besseres ein, als über den angeblichen Missbrauch des Asylrechts zu klagen.”

Offensichtlich heißt das Problem nicht nur Rassismus, es heißt auch Faschismus. Und damit verbunden sich deutlich gegen diesen zu positionieren.

Setzte Gauck Antifa mit Nazis gleich?

Hat er oder hat er nicht? Die Kritik bezieht sich auf einen Teil seiner Rede, den er als direkte Reaktion auf die “Heuchler”-Rufe und das Ausrollen des “Rassimus tötet”-Transparent äußerte. Hier einige Stimmen zum Vorfall und zur Rede selbst:


Gauck vs. Antifa

Verglich der Bundespräsident Kritiker wirklich mit Nazis weil diese "Heuchler" riefen?! Hier einige Stimmen zum Vorfall und der Rede selbst.

Storified by Kotzendes Einhorn · Sun, Aug 26 2012 08:51:35

#Gauck setzt kritische Begleiter_innen seiner Rede,die Transpi mit "Rassismus tötet" trugen mit #Nazis gleich. #notmypresident #LichtenhagenKatharina König
Sinngemäßes Zitat #Gauck,mit dem er #Antifas,die "Rassismus tötet" Transpi trugen mit #Nazis gleichsetzt: #lichtenhagen http://pic.twitter.com/v6iAzIXaKatharina König
Was für ein Gedenken war das bitte? Bürger zerreißen "Rassismus tötet" Transpi, #Gauck setzt #Antifa mit #Nazis gleich #Lichtenhagen #fbKatharina König
#Gauck setzt in Rostock-#Lichtenhagen #Antifa mit #Nazis gleich. Mit Verlaub, Herr Präsident, … http://youtu.be/2RSsTMIyXAg #fail #pogromDIE LINKE. Berlin
Ein Freund, der mit ihm sprach sagt mir, #Gauck habe gedacht, es seien Nazis gewesen, die gestört haben. #LichtenhagenSteffen Bockhahn
allerdings wäre es auch ein Armutszeugnis, wenn #Gauck Antifas und Faschos nicht unterscheiden konnteDutschi✩Dutschino
Gauck setzt Nazis mit der Antifa gleich, spricht von den "Ostdeutschen" und pflanzt ne deutsche Eiche. Mhmm… ist das feinsinniger Zynismus?Michael Rudolph
Die linke Szene enthüllt: Gauck habe eine "deutsche Eiche" gepflanzt. Der Mann muss wahnsinnig geworden seinAndreas Kynast
Gauck nennt Antifas in seiner Rede "verwirrte Menschen" und setzt sie in der Tat mit Nazis gleich. Wurde gerade auf Phoenix gesendet.Frank
Die Ausfälle von Gauck gegen das Publlikum fehlen im SPON-Redemanuskript natürlich ganz! :DFrank
"wer sich den nazis in den weg stellt ist selber ein nazi" – hat das gauck tatsächlich so gesagt? oder nur so gemeint?siemers
Gute Rede von Gauck heute auf der Gedenkfeier in Rostock-Lichtenhagen. Endlich wieder ein BP mit klaren Statements gegen Rechts! #phoenixArndt_Klocke
Kann es sein, dass #Gauck’s spontan formulierte Beiträge in der in den Printmedien veröffentlichten Rede nicht enthalten sind?#RostockAnke Julie Martin
"Wir Ostdeutsche" – Herzlichen Glückwunsch, so schafft man natürlich 20 Jahre nach dem Mauerfall ein Einheitsgefühl. #gauck #lichtenhagenMarcus
Es muss mal wieder betont werden: Antifas haben vor 20 Jahren in #Lichtenhagen versucht, Leben zu retten. Polizei, Bürger und Gauck nicht.7h3linguist

In den Transkripten ist die entscheidende Stelle nicht zu finden, da es sich höchstwahrscheinlich um eine vorab an die Presse geschickte Abschrift handeln dürfte.

Unerwünschte Gäste

Zwei Mitgliedern des deutsch-afrikanischen Freundeskreises Daraja e. V., darunter Vorstandsmitglied Marouf Ali Yarou Issah, wurde der Einlass zur Gedenkveranstaltung der rassistischen Pogromen von vor 20 Jahren verwehrt – trotz offizieller Einladung des Oberbürgermeisters der Stadt. Eine Begründung gab es nicht. Ob der Vorfall rassistisch motiviert war, ist diskutabel. Bei einer solchen Veranstaltung jedoch in jedem Fall eine Blamage.

AntiFa fällt die Deutsche Friedenseiche in Rostock-Lichtenhagen

Was für ne doofe Aktion. In der Nacht vom 28. auf den 29. August hat die AG antifaschistischer Fuchsschwanz die Sonntags gepflanzte Friedenseiche gefällt. In ihrem Bekennerschreiben heißt es:

“Denn dieses Symbol für Deutschtümelei und Militarismus ist für die Menschen, die 1992 dem Mob in Rostock-Lichtenhagen ausgesetzt waren, ein Schlag ins Gesicht.

Auch dass dieser Baum in der Zeit des Nationalsozialismus als sogenannte Hitlereiche gepflanzt wurde, macht ihn unvertretbar. Dass ausgerechnet Joachim Gauck, der Sarrazin einen mutigen Man nennt und der Meinung ist, dass das Wort Überfremdung legitim sei, auf einer der Veranstaltungen reden durfte, zeigt für uns wie fehlerhaft und falsch der momentane Ansatz einer offiziellen Aufarbeitung in Rostock ist.”

Auch wenn ich in dem Schreiben mit nahezu allen Punkten übereinstimme kann der Baum nichts dafür und ich glaube nicht, dass das Zeichen so ankommt wie es sollte.

Weiterlesen:
- Rassistischer Normalzustand bei der FAZ
- Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände
- Der Fall der Eiche
- Demonstranten gedenken der Opfer rassistischer Gewalt

Von: Daniel • Tags:

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