Trinken zwecks Ausrede?!

-

Bier
Foto unter GNU Free Documentation License von John White

Oskar hat in seinem Blog einen interessanten Vortrag von der Sozialanthropologin Kate Fox aufgetan. In dieser heißt es:

„Die britische und andere ambivalente Trinkkulturen gehen davon aus, dass Alkohol enthemmt und er Appetit auf Sex oder aggressiv macht, so dass die Probanden in Experimenten nach Alkoholgenuss – und sogar nach alkoholfreien Placebos – dazu übergehen, ihrer Hemmungslosigkeit freien Lauf zu lassen. […] Unsere Meinungen hinsichtlich der Wirkungen des Alkohols sind sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Wenn man fest davon überzeugt ist und erwartet, dass man vom Alkohol aggressiv wird, dann wird man es auch. Ja man kann selbst nach dem Konsum von alkoholfreien Placebos stockbetrunken werden.“

Konkreter: Enthemmungen durch Alkohol seien nicht chemisch sondern kulturell bedingt. Es findet eine selbsterfüllende Prohezeihung statt. Wir erwarten in unserer Trinkultur Aggressivität, gesteigerte Libido und asoziales Verhaltes und bekommen auch das. In Ländern ohne diese „ambivalente Trinkkultur“ findet sich dieses Verhalten dagegen angeblich nicht wieder.

Das heißt natürlich nicht, dass die körperlichen Beeinträchtigungen die ein Rausch mit sich bringt ebenso eingebildet sein könnten. Lediglich das Klischee der Enthemmtheit ist scheinbar ein eben solches. Wahrscheinlich beruft sich Fox u.a. auf eine Studie französischer Wissenschaftler, die Probanden alkoholische und ohne ihr Wissen nicht-alkoholische Getränke gaben und feststellten, dass in beiden Testgruppen sich die Selbstwahrnehmung veränderte:

„Unsere Studie zeigt, dass die schlichte Tatsache zu glauben, dass man Alkohol getrunken hat, dazu führt, sich attraktiver zu finden. […] Hingegen hat die Alkohol-Dosis selbst keinen Effekt.“

Ähnliche Beobachtungen machten auch Neuseeländische Forscher während einer Studie 2002. Besonders interessant finde ich aber den Umkehrschluss von Kate Fox:

„Die Pointe wäre gleichwohl faszinierend: Gut gemeinte und steuerfinanzierte Anti-Alkohol-Kampagnen […] wären demnach kontraproduktiv.

Denn statt abzuschrecken, in dem sie alkoholbedingtes Fehlverhalten benennen, argumentiert Kate Fox, stärken sie den Mythos, dieses Fehlverhalten sei alkoholbedingt.“

Damit hat jeder eine willkommene und gesellschaftlich akzeptierte Ausrede für sein Fehlverhalten. Gleichwohl relativiert das Ganze auch die soziale Gefahr die Alkohol zugesagt wird. Bleibt also lediglich die rein physische Beeinträchtigung.

Wer die ein ähnliches Experiment im Edutainment-Format aufbereitet haben will kann sich an diesem Video von Welt der Wunder erfreuen. Den Vortrag von Kate Fox gibt es hier als englischen Audiostream und hier gekürzt als Transkript in deutscher Sprache.

    7 Kommentare:

  • Thomas Reichmann via Facebook schreibt am 26. September 2012 um 21:54

    komisch, ich suche mir immer ausreden, um zu trinken…:-)

  • Oskar schreibt am 26. September 2012 um 23:19

    Aha! Da sind sie, die vermissten Studien! Herzlichen Dank, ich schaue mir das mal an.

  • Von Eynern Matthias via Facebook schreibt am 27. September 2012 um 06:40

    Blödsinn wir haben eine Ausrede um Alkohol zu trinken und nicht umgekehrt Thomas hat recht :-) !

  • Maik schreibt am 27. September 2012 um 15:14

    Schon traurig, was die Gesellschaft mit den Menschen anstellt. Herdentrieb vom feinsten.

    Zu schade, dass ich nicht sagen kann, ob ich mich auch enthemmt, war nie ein grosser Fan von Saufgelagen und aehnlichem. Gut, viel enthemmen kann man bei mir auch kaum noch, ich kann das auch ohne Alkohol ganz gut mit dem scheisse-benehmen.

  • Emanon schreibt am 27. September 2012 um 17:03

    Ich halte die Studie für nachlässig durchdacht. Was hier beschrieben wird, ist der Placebo- bzw. Nocebo-Effekt. Aber nur weil man einen Placebo- oder Nocebo-Effekt nachweisen kann, kann man nicht behaupten, dass der eigentliche Wirkstoff diese Wirkung nicht hat.

    Das Spiel funktioniert nämlich nur dann, wenn man die Wirkung bereits kennt. Man müsste einen Kontroll-Test mit jemandem machen, der noch nie in seinem Leben Alkohol getrunken hat und dessen Wirkung noch nicht durch die Medien vorgespielt bekommen hat, um auszuschließen, dass man auf Alkohol nicht doch aggressiv wird oder sich schöner fühlt.

    Ich hab mal über Parkinsonkranke gelesen. Parkinson lässt einen ja eigentlich durch schlechte Dopaminproduktion/-aufnahme verkrampfen, nur das Medikament „El Dopa“, welches künstliches Dopamin ist, lässt einen so schütteln, weil man es halt nicht genau dosieren kann. Nun hat einer einfachmal XTC genommen, um sich einfach glücklicher zu fühlen und konnte sich dann widererwartend für ein paar Stunden völlig normal bewegen und sogar Flick Flacks schlagen.

    Das hat er einem Arzt erzählt und im klinischen Versuch fanden sie heraus, dass diese Wirkung auch durch Placebos erreicht werden konnte. Hier sieht man, dass es keinesfalls bedeutet, dass XTC nicht diese Wirkung hat, sondern dass hier einfach das Phänomen Placebo wirkt.

    Das ist ein klassisches „cum hoc ergo propter hoc“-Problem, bei dem unzulässig eine „e contrario“-Schlussfolgerung gezogen wird. Das passiert aber quasi täglich in den höchsten akademischen Kreisen.

    Allerdings unterstütze ich die Konsequenz des Versuchs. Die Einflussnahme der Medien/Kultur auf unser Verhalten ist enorm und verstärkt negative Verhaltensweisen egal, ob sie positiv oder negativ dargestellt werden. Bei Cialdini ist das wunderbar als „soziale Bewährtheit“ beschrieben. Der Betreffende empfindet es als sozial bewährt sich so zu verhalten, egal ob es akzeptiert ist oder nicht. Dieses Prinzip wird beim Werther-Effekt z.B. deutlich.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 27. September 2012 um 17:17

    @Emanon Das Problem ist Kate Fox bezieht sich konkret auf keine Studie, die hier von mir erwähnten sind lediglich ähnliche Studien. Der Kontroll-Text könnte ja auch mit Menschen aus anderen Trinkkulturen funktionieren…

  • Emanon schreibt am 27. September 2012 um 17:24

    @Daniel Das „Wahrscheinlich“ hab ich überlesen. Na gut, dann teil ich halt in:

    – Kate Fox hat Recht, wenn sie der Kultur einen großen Einfluss zuspricht und der Pointe stimme ich auch zu.

    – Bei den Studien behaupte ich den beschriebenen unzulässigen Umkehrschluss zu erkennen.

    Dein Einwurf zum Schluss stimmt natürlich. Aber kennst du andere Trinkkulturen, in denen man ganz andere Auswirkungen durch Alkohol hat?

    Bei „Alternativlos 15“ von Fefe und Frank haben die über Bier mit Bilsenkraut erzählt, das im Mittelalter in Europa wohl in war und fast schon high machte und wohl auch aphrodisierend wirkte.

Dein Kommentar:

Kommentarfeed zu diesem Artikel via RSS abonnieren.

Hinweis: Kommentare werden moderiert. Sie können auch ohne Angaben von Gründen gelöscht werden. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht!