Kein Schlaf bis Langenselbold – Auszug aus Linus Volkmanns neuem Roman

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Kein Schlaf bis Langenselbold von Linus Volkmann

Linus Volkmanns Arbeit verfolge ich schon ewig. Das fing an mit dem Komm Küssen wo er die ersten Geschichten veröffentlichte, die später zu Superlupo führen sollten. Später arbeiteten wir beim Intro Magazin zusammen und mittlerweile hat er mit ein paar Kumpels wieder ein neues Fanzine. Bücher schreibt er aber immernoch und erst kürzlich erschien Kein Schlaf bis Langenselbold, ein Coming-Of-Age-Roman in den frühen 90ern. Oder wie es im Info steht:

„Eine provinzbehaftete Jugend voll verzweifeltem Sex, Neid, Helmut Kohl, Freundschaft, Wahnsinn, Benzin und den neuen Postleitzahlen.“

Also all das was mir in den 90ern egal war oder verwehrt blieb. Exklusiv beim Einhorn gibt es hier einen sexy Auszug aus dem Buch. Es ereignete sich am Samstag dem 03. Juli 1993:

„Wie, du willst kein Eis? Ich habe dir aber schon ‘ne Waffel mitgebracht. Kannst dir aussuchen, Schlumpfeis und Zitrone oder Nuss und Stracciatella. Ich nehm, was übrig bleibt!“
Malte hielt Sandra beide Eis hin. Sandra griff allerdings keins, sondern wandte sich ab. Als hätte er in den Hörnchen eine Art Abfall.
„Ach, du willst gar nicht? Ist, öh, auch gut“, sagte Malte leicht verunsichert und leckte einfach an beiden. Dann war diese Eis-Zurückweisung nicht so peinlich. Nicht so peinlich? Nicht auszuhalten!
Aber ruhig, ganz ruhig. Mehr Kohlenhydrate, Zucker, Vitamin Waffel für ihn. Er konnte alles gebrauchen. Als Sportler besaß er einen Stoffwechsel wie ein kleines Kraftwerk.
„Wir müssen aber jetzt mal rein!“
Sandra meinte das Rex-Kino am Freiheitsplatz in Hanau. Sie wollten sich einen Film ansehen, wie viele in ihrem und anderem Alter.
Entschieden hatten sie sich für „Jurassic Park“. Ein Film über Amok laufende Urzeitwesen. Angeblich sehr gut, angeblich sagenhafte Computertricks und die Dinosaurier seien total der Horror und würden die Menschen in Film wie Publikum zusammenschweißen.
So einen Film konnte man ja mal gut gucken mit seiner Freundin, war sicher irgendwie, naja, nicht romantisch, aber Angst versprach Nähe.
In Krieg, Geiselhaft oder auf dem Totenbett kamen die intensivsten Beziehungen zustande.
Malte linste zu ihr rüber, während er unter Schmerzen und Zeitdruck in die eiskalten Kugeln biss wie in einen Apfel. Sandra hatte Recht, sie mussten jetzt mal rein. Sein linkes Auge frostete von extremem Pochschmerz. Sandra trug ein Sommerkleid in weiß und hellblau, zusammen waren sie seit ein paar Wochen. Konnte man das so sagen? Schon. Nur zur Sicherheit nachfragen, das war nicht drin.

Wieder griff sie seine feuchte Hand, zog ihn ins Foyer vom Rex, in den Kinosaal, mittlerweile hatte er beide Waffeln und deren Inhalt komplett im Mund, schlucken konnte er noch genug bei „Jurassic Park“.
Da saßen sie also.
Er beugte sich zu Sandra, ihr irgendwas Nichtssagendes ins Ohr flüstern, nur um mal an ihr zu riechen, nur um mal den Höflichkeitsabstand zu überbrücken, das akademische Viertel zu beschneiden.
„Siehst du gut?“, fragte er.
Sie nickte.
Hatte sie sich ein wenig abgewandt? Roch sein Atem störend nach dem Waffelbrei oder war er kühl, schlumpfeisfrisch? Oder sagte man zu der Sorte ohnehin nur noch Engelsblau, weil der Begriff Schlumpfeis mittlerweile als diskriminierend galt? Malte konnte sich nicht sicher sein.

Jurassic Park
Ein herrlicher Freizeitpark auf einer Insel wird erbaut. Zur Unterhaltung zukünftiger Besucher werden Herden todbringender Saurier aus in Bernstein konservierter DNA geklont. Die bunt zusammengewürfelte Testgruppe ist allerdings eher unzufrieden. Dauernd regnet es und sie werden stark attackiert. Ein wirklich anstrengender Urlaub, der darüber hinaus auch nicht ganz billig sein dürfte. Die Animation der aggressiven Tiere ist ungeheuerlich. Vielleicht ist ja doch irgendwann Zukunft!
aus: „Das Hanauer Lexikon des internationalen Films“, 1993

Mit fürs menschliche Auge unsichtbaren Bewegungen hatte Malte es mittlerweile soweit geschafft, dass sich sein und ihr Arm auf der Armlehne berührten. Der lange Marsch durch die Institutionen. Und jetzt? Vielleicht mal streicheln? Oder war das nur ihre Tasche? Oder die Lehne selbst? Rätselhaft, wie man einer Filmhandlung folgen konnte, wenn daneben jemand so reizendes saß. Malte ackerte weiter fast regungslos an dieser Armsache. Hier ein Zentimeter, da eine Berührung, sich noch mal ein bisschen hinwenden. All die Zeitlupe in love auf der Lehne, alles ging ins Leere, ins Leere streicheln, hoffentlich merkte sie das alles gar nicht. Andere legten den Arm um andere. Andere aus ihrer Schule sogar. Malte fühlte sich meilenweit von diesem Wahnsinn entfernt. Vielleicht sollte er einfach aufgeben? Irgendwann musste sich doch schon zufällig mal eine Berührung ergeben. Das Gesetz der großen Zahlen.
Sandra beugte sich unvermittelt zu ihm, flüsterte: „Ich will gleich mit dir schlafen.“
Ach, das war ja mal eine überraschende Wendung. Ob das alles auf sein heißes Armlehnenpetting zurückzuführen war?
Die Raptoren und der extrem gewalttätige Tyrannosaurus wurden eventuell für immer erschossen. Der Film ließ das Ende offen. Egal, dachte Malte, alle sollen badengehen, mit mir will wer schlafen!

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