Sick Sad World: Das Problem mit Frei.Wild

Sick Sad World

Nazirock in den Charts? Nationalismus als Pop? Mehrere LeserInnen haben mich darum gebeten über Frei.Wild zu berichten. Ich hab die Band vorher nur am Rande mitbekommen. Sie nie gehört und mich nie damit beschäftigt. Doch die Artikel auf antifaschistischen Seiten sind alarmierend. Zu Recht, denn dass eine solche Band die Spitzenplätze der Charts belegt ist erschreckend. Doch sind Frei.Wild Nazis?

Frei.Wild spielen nicht meine Musik. Und Frei.Wild schreiben ziemlich schlechte Texte. Vieles liest sich als hätte man das Gestammel aus einem Gespräch zur Lyrik erklärt. Wahrscheinlich wollen Frei.Wild aber auch keine Lyrik schreiben, sondern hart und real sein. Im Mittelpunkt ihrer Texte steht, wie auch schon bei den Vorbildern Oneklz, vor allem ein Wir-Gefühl. Und um dem Wir-Gefühl einen Pol gegenüber zu stellen gibt es natürlich auch das Ihr.

Die anderen sind das “Ihr”. Die anderen sind “Volidioten” (aus “Das Land der Vollidioten”), Provokateure die ihre Schnauze halten sollten (aus “Halt Deine Schnauze”), “Gutmenschen, Moralapostel” (aus “Gutmenschen und Moralapostel”) oder dumm (aus “Nur Dumme sagen Ja und Amen”). Es wird durch alle Alben hindurch ein Feindbild geschaffen. Das der dummen Gutmenschen, die eine Multikulti-Gesellschaft fördern (vgl. hierzu “Das Land der Vollidioten”: “Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt vor den ansdersgläubigen Kindern”). Frei.Wild stilisiert dabei sich und seine Hörer in die Rolle der Minderheit und Opfer. Das klappt meinetwegen gut als Süd-Tiroler in Italien führt aber in Deutschland zu einer unglaublich bigotten Ironie. Diese Unterscheidung nimmt die Band nicht vor, wieso sollten dann auch ihre Hörer dies tun? Und warum auch? Wäre diese Reflektion nicht auch wieder politisch korrekt?

Frei.Wild bedienen sich dabei immer wieder eines vorbelasteten Vokabulars. Sprechen von Heimat, Ehre, Verrat usw. Ich denke da kann man der Band tatsächlich nicht mal einen Vorwurf machen. Die Aussage, dass sie eine unpolitische Band seien weißt darauf hin, dass keine politische Bildung stattfand. Die Texte scheinen mir nicht bewusst auf diese Richtung schielend, sondern unglaublich naiv. Das unterscheidet Frei.Wild auch von Bands wie Rammstein oder Laibach, die mit entsprechendem Wissen mit einer rechten Symbolik flirten. Frei.Wild sind zur Reflektion nicht in der Lage. Das nimmt man ihnen alleine vom qualitativen Anspruch ab. Und was allen Künstlern des populären Rechtsrock gemein ist: Durchhalteparolen! Bloß nicht Verlierer sein, Aufstehen, nicht unterkriegen lassen. Das haben Frei.Wild, Onkelz und Sacha Korn gemein.

Dass sie dabei trotz stetiger Distanzierung dennoch ein rechtes Publikum bedienen nehmen sie in Kauf. Frei.Wild bedienen Klischees und werfen den anderen (Remember: Ihr, der Feind!) Schwarzweißmalerei vor. In Liedern wie “Aids” singen sie, dass HIV nur “Sünder” treffen könne. In “Das Land der Vollidioten” stellen sie Anarchismus und Nationalsozialismus auf eine Stufe. All das spricht für ein geringes (politisches) Bildungslevel. So betont die Band auch immer wieder gegen jeglichen Extremismus zu sein und greift dabei auf veraltete Definitionen zurück.

Das eigentlich Schlimme an Frei.Wild ist: Sie transportieren die Werte einer christlich geprägten zutiefst reaktionären Mitte. Die “Das wird man ja sagen dürfen”, “Heimat ist keine Nation” und “Nationalistisch ist nicht Rechts” Mitte. Die Sarrazin und Buschkowsky Mitte. Die Mitte die von einer gleichgeschalteten Presse redet, von Anwälten des Schweigens. Das alles verpackt mit der vermeintlichen Widerspenstigkeit von Rock und Oi. Lederjacken und Tattoos.

Das ist das Traurige und erklärt ihren Erfolg. Die Mitte ist mittlerweile so weit nach rechts gedriftet, dass eine solche Band goutiert werden kann und man jegliche Kritik abschmettert und von Verleumdungskampagnen spricht. Bands und Musiker wie Frei.Wild oder Sacha Korn liefern den Soundtrack dazu.

Sind Frei.Wild also Nazis? Vermutlich nicht. Sind sie rechts? Leider auch nicht mehr als viele andere. Sind sie scheiße? Definitiv! Und dennoch haben sie Tausende Fans. Traurige Kranke Welt.

P.S.: Außerdem ist die Musik auch echt mal kacke! Ernsthaft!

P.P.S.: Die Rechtsrockvergangenheit des Sänger Philipp Burger bei Kaiserjäger ist mir bekannt. Ich habe sie in diesem Post nicht erwähnt, da ich mich hauptsächlich auf die Band Frei.Wild beschränken wollte und auch keine “Das war früher” und “Ja, aber er sagt doch Jugendsünde” Debatten anregen will. Ein Fehler von mir, denn in dem Kontext darf es zumindest nicht unerwähnt bleiben, was ich hiermit nachhole.

Von: Daniel • Tags:

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