Über die Relevanz von Schwarzer und EMMA

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Emma

Fast könntest Du ja eine Absicht unterstellen. Da greift die EMMA einen Tag nach Alice Schwarzers Geburtstag ein Thema auf, über das hier und anderswo vor guten zwei Monaten berichtet wurde. Vermutlich haben die „akribischen Recherchen“ so lange gebraucht. Dank derer und einem „Zufall“ wird nun die Definitionsmachtskarte in Sachen Rassismus ausgespielt und alle Kritiker konsequent als nicht ernst zu nehmender „sektiererischer“ (!!!!!) Zirkel dargestellt. Den ganzen Artikel gibt es dann erst in der Januar/Februar Ausgabe (Link zum Artikel hier am Ende). Aber wo ist nun die Absicht und was hat das mit Schwarzers Geburtstag zu tun?

Da müsstest Du Dir die einfache Frage stellen welche Relevanz Schwarzer und Ihr Magazin heute noch haben. Nadine Lantzsch schreibt in einem enorm lesenswerten Artikel:

„Alice Schwarzer und der Personenkult. Eine Dialektik für sich. Die ‚politischen‘ Feuilletons und ‚die Führungsfigur des Feminismus in Deutschland‘. Sie brauchen sich, die konstruierten Feindbilder, die beliebig zu Verbündeten werden, wenn es um Scheindebatten und bestimmte politische Konflikte geht.“

Man kann eigentlich in Anbetracht des aktuellen Artikels nur zum selben Schluss wie Nadia Sehhadeh kommen:

„Was bleibt? Die EMMA braucht mich nicht, weil sie weiterhin ihr latent-rassistisches, orientalistisches, stark begrenztes Weltbild braucht. Und deswegen brauche ich die EMMA und auch Alice Schwarzer nicht.“

Und da muss man der EMMA fast für danken, deutlicher, als mit diesem Artikel, hättet Ihr diese Aussagen nicht unterstreichen können.

    5 Kommentare:

  • Emanon schreibt am 4. Dezember 2012 um 17:11

    Der Artikel von Nadine Lantzsch ist wirklich ausgesprochen gut. Vor allem gefällt mir die saubere und scharfe Analyse. Es ist schön, wenn darauf hingewiesen wird, dass die Entwicklung eines zum aktuellen Gesellschaftskonzept antagonistisches Konzept sich genauso an diesem verwerflichen Konzept ausrichtet und im vorliegenden Fall eben genauso androzentrisch ist.

    Dennoch darf man eine Sache nicht vergessen. Der Prozess der Emanzipation in der BRD ist ein sehr schleichender evolutionärer Prozess, der sich stufenweise etabliert. Das liegt unter anderem daran, dass diejenigen, die den Staat aufgebaut haben, in einem anderen System sozialisiert wurden. Vor diesem Hintergrund halte ich Alice Schwarzer für einen notwendigen Zwischenschritt in dem evolutionären Prozess der Emanzipation, der jetzt ausgedient hat, zum Zeitpunkt der Entstehung allerdings hinreichend war.

    Wahrscheinlich erscheint uns Alice Schwarzer, ihre Analysen und ihre Konzepte deshalb so verwerflich, weil sie sich nur geringfügig von dem vorherigen Gesellschaftsbild unterscheiden und viele Facetten übernommen haben und nicht bearbeitet haben.

    Bei der Rolle der Frau glaube ich aber, dass sie gerade durch ihre unaufgeklärte, polternde und wenig intellektuelle Art und Weise etwas populär gemacht hat, das den Weg für ein ausgeglicheneres und besseres Konzept bereitet hat.

    Man muss sich schließlich fragen, warum sie in der öffentlichen Debatte so bekannt ist. Die Antwort besteht vielleicht darin, dass sie einfache Parolen verbreitet, denen eine Menge Menschen folgen können und dass ihre einfachen Parolen auch gefundenes Fressen für die Gegner sind.
    Hier wird aber auch deutlich, dass wichtige Basisarbeit, aufgeklärte Artikel und bessere Konzepte genau aus diesen Gründen nicht so bekannt werden und in der Gefahr stehen, die öffentliche Debatte nicht so beeinflussen zu können.

    Es ist also das alte Bild von dem extremen Ideal, das an sich verwerflich ist, allerdings die Masse insgesamt zu einem aufgeklärten Kompromiss führt.
    Basisarbeit und intellektuelle Debatte sind, trotzdem sie so wichtig sind, dabei immer undankbar und wenig beachtet.

    Insofern würde ich doch sagen, dass man Alice Schwarzer geschlossen betrachtet ablehnen muss, ihre historische Rolle allerdings ein logischer Schritt war…zumindest in der BRD.

    Man konnte das sehr schön aus ostdeutscher Sicht beobachten, als sich die allein erziehenden Frauen Ostdeutschlands 1990 völlig irritiert im gesellschaftlichen Mittelalter fanden, da ihnen gesagt wurde, dass sie einen staatlich bestellten männlichen Vormund für die Kinder brauchen und auf der anderen Seite aber auch nicht durch die feministische Bewegung vertreten werden wollten und Alice Schwarzer ablehnten.
    Hier wurde der emanzipatorische Prozess in Teilen von oben schneller bestimmt, als erst mühsam von unten erarbeitet.

    Ich denke, dass alle Faktoren zusammen für unsere heutige Situation ursächlich sind und wir deshalb nicht unbedingt von falschen oder schlechten Faktoren reden können. Wir sollten eher froh sein, dass alle Faktoren dazu beigetragen haben, dass wir uns nun hoffentlich nicht mehr mit absoluten und rückwärtsgewandten Ideen beschäftigen müssen, sondern inzwischen gesellschaftlich soweit aufgeklärt sind, dass wir uns fortschrittlichen Konzepten zuwenden können.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 4. Dezember 2012 um 17:23

    @Emanon Das erinnert mich an eine Diskussion über die 10 Gebote. Jemand meinte das wäre damals gesellschaftlich wichtig und revolutionär gewesen. Nachdem wir klärten, dass selbst bei sowas einfachem wie den zehn Geboten die heutige Relevanz fehlt und man einen nicht unerheblichen Teil auf die heutige Zeit bezogen in die Tonne kloppen kann, meinte sie: Ja, aber das muss man so sehen. Das war fortschrittlich und toll.

    Woraufhin ich meinte: Der C64er wäre damals auch fortschrittlich, toll und wichtig gewesen, dennoch laufe ich mit nem Smartphone durch die Gegend. Retro ist ja nett, hat aber in gesellschaftlichen Fragen nichts verloren!

    Fortschritt braucht jeder! Wobei ein C64er zum Mitnehmen auch geil wäre…

  • Emanon schreibt am 4. Dezember 2012 um 18:26

    Genau das meine ich. Ich hab deshalb auch bewusst die Worte „wichtig“ und „revolutionär“ nicht verwendet, weil mir klar ist, dass dem nicht so ist. Es passt halt besser „hinreichend“ und „evolutionär“ zu verwenden.

    Wie das bei den 10 Geboten war, ist schwer nachzuforschen, zumal es viele Stimmen von Theologen und Historikern gibt, die die 10 Gebote nicht als Fortschritt sehen, da sie sich nicht vom damaligen gesellschaftlichen Konsens unterscheiden.

    Ein Beispiel um den Widerspruch zu verdeutlichen, ist die Inquisition. Es gibt, zumindest unter den meisten Menschen hierzulande, keine Diskussion, dass die Inquisition verwerflich, unmoralisch, ungerecht und menschenverachtend war. Zudem wurde sie als Machtinstrument gebraucht und traf Menschen, die vor dem kirchlichen Codex schuldig waren und auch Menschen, die vor diesem Codex unschuldig waren. Obwohl aus heutiger Sicht natürlich beide Gruppen unschuldig waren.

    Allerdings wird heutzutage auch anerkannt, dass die Prozesse der Inquisition die Rechtsstaatlichkeit insgesamt vorangebracht haben, weil sie recht fortschrittlich waren, was die Prozessführung und die Ermittlung angeht (Das genau auszuführen, würde jetzt etwas weit gehen, aber ist leicht recherchierbar). Die Verfahren der Inquisition haben also letztendlich zu einem gerechteren Strafprozess geführt, obwohl das Verfahren insgesamt hochgradig verwerflich war.

    Der Umstand, dass die Inquisition einen hinreichenden Zwischenschritt darstellt, macht sie nicht wichtig, revolutionär und man muss ihr auch nicht dankbar sein, aber die Neuerungen im Strafprozess, verglichen mit der Situation davor, waren zumindest ursächlich für unsere heutige Form des Strafprozesses.

    Ich wollte also Alice Schwarzer nicht verteidigen. Ich will nur darauf aufmerksam machen, dass man bei der Kritik an ihr, ihren Anteil am Prozess, sei er auch noch so gering und in ihr rückständiges Gesellschaftsbild eingebunden, nicht vergisst, um den Gegnern der Emanzipation keine Steilvorlage für Kritik am dem Prozess an sich zu geben.

    Wie bei unserem heutigen Strafprozess wird es sicher auch bei unserer heutigen Sicht auf die Gesellschaft in der Zukunft Menschen geben, die angewidert auf uns, unsere Forderungen und unsere Rückständigkeit zurückblicken…Das ist halt alles ein Prozess.

    Ich würde mir bspw. wünschen, dass die Verursacher und Profiteure vom neokolonialistischen Rohstoffhandel und daraus folgendem Elend bestraft werden, obwohl unser ganzes Konzept von Strafe in 200 Jahren durchaus als mittelalterliches und grausames Konstrukt angesehen werden könnte. Dennoch wäre es ein notwendiger Schritt zu mehr Gerechtigkeit.

  • Nadia Shehadeh via Facebook schreibt am 5. Dezember 2012 um 12:16

    das beste is: „verwandte artikel – schwarzer deloreon“ lulz

  • Kotzendes Einhorn via Facebook schreibt am 5. Dezember 2012 um 12:45

    Nadia Shehadeh Wenn Du draufgeklickt hast, weißt Du ja warum. Beides Sachen die nicht gehen!

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