17 Kommentare

Ein Interview mit H.P. Lovecraft auf einer einzigen Postkarte

Von Daniel • 10.01.2013

Mit Lovecraft verbindet mich eine Hassliebe. Es ist immer die Schwierigkeit Werk und Künstler zu trennen und die damit einhergehende Frage ob und/oder wie weit das möglich sein sollte/darf. Arthur H. Good­e­nough stand damals mit Lovecraft in einem kurzen Briefverkehr. Auf einer Postkarte die hin und zurück geschickt wurde führten er ein Interview mit dem Schriftsteller, der kurz zuvor eine Kurzgeschichte inspiriert von Brat­tle­boro, der Heimatstadt von Goodenough, veröffentlichte: “The Whis­perer in Dark­ness” z.dt. “Der Flüsterer im Dunkeln”.

Ein interessantes Zeitdokument und auch Lovecrafts Rassismus findet seinen Ausdruck in dem Interview. Nick Mamatas erstand die Karte und transkribierte das gesamte Interview so weit wie möglich.

Interview auf einer Postkarte mit H.P. Lovecraft

UPDATE: Die Postkarte ist ein Fake. Bin da voll drauf reingefallen. Sehr gut gemacht. Hier findest Du einige Details zur Enttarnung des Fakes.

(via mefi)



2 Trackbacks »

    15 Kommentare »

  • Stefan schreibt am 10. Januar 2013 um 16:54

    Wo liest du denn bei dem Interview Lovecrafts Rassismus raus ? Ich kann im Interview nix finden was da rassistisch wäre… oder meinst du die Stelle “bes­tial tribe of (..) from dark­est Africa” ?

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 10. Januar 2013 um 17:01

    Ja, “bestialische Stämme [...] aus dem finstersten Afrika”. Absolut nicht rassisistisch, vor allem wenn Du die klare Wir-Abgrenzung davor nicht dazu nimmst. Die Bestrebungen der Kommunikation.

    Übersetzungsmöglichkeiten von “bestial”: entmenscht, viehisch etc.

    Wo beginnt denn Rassismus für Dich?

  • Stefan schreibt am 10. Januar 2013 um 17:15

    Ich hab das eher in nem anderen Kontext gelesen, was Lovecraft (und andere Autoren) gern verwendet haben als Topos. Da taucht sehr oft irgendein unbekannter (meist kannibalistischer) Stamm auf, die (laut Text) nichts mehr menschliches haben. Sicher war ich mir auch nicht, ob er sich, weil er ja das auf die Mi-Go bezieht, nun real solche Stämme meint, oder einfach nur den Topos verwendet.

    Das er den typischen Rassismus seiner Zeit hatte ist klar.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 10. Januar 2013 um 17:38

    Ja, das dient zur Erklärung, aber er hat sich in diversen Briefwechsel dahingehend geäußert. Auch ist “Rassenvermischung” (dann allerdings nicht auf menschlicher Ebene) ein stetiges Thema in seinen Erzählungen.

    Mit dem biografischen Background bekommt das natürlich einen ganz faden Beigeschmack (Ich fand da “Schatten über Innsmouth” am deutlichsten). Es gibt aber gerade viele die sich über den Rassismus von Lovecraft auf verschiedensten Ebenen streiten. Insbesondere weil er sich auch antisemitisch äußerte, aber mit Sonia Greene auch eine jüdische Ehefrau hatte. Die er allerdings als “assimiliert” bezeichnete.

    Eine andere Theorie wieder besagt, dass Lovecraft Xenophob im wahrsten Sinne des Wortes war und das alles Teil einer psychischen Erkrankung sei.

    Hier der Part dazu in der englischen Wikipedia:
    http://en.wikipedia.org/wiki/H._P._Lovecraft#Race.2C_ethnicity.2C_and_class

    Klar kann das im Kontext der Zeit gelesen werden, ob es dadurch kein Rassismus mehr ist?! Ich finde nicht.

  • Alreech schreibt am 10. Januar 2013 um 21:02

    Lovecrafts Storys handeln oft vom Einbruch des fremden in eine vertraute Umgebung.
    Das ist grundsätzlich xenophob, und spricht auch die grundlegende Furcht vor dem fremden und unbekannten an, die in jeden Menschen steckt.

    Ohne Lovercrafts “Rassismus” wären seine Storys nicht so gut.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 11. Januar 2013 um 09:25

    Wow, der gute Stories schreibende “Rassismus”. Kotz! Xenophobie und Rassismus ist nicht das selbe.

  • JL schreibt am 11. Januar 2013 um 11:02

    Ein ähnliches Problem hat man (etwas schwächer) auch bei Tolkien mit seinen schwarzen Menschen des Südens und natürlich den Orks. Ich sehe das vor allem als Ergebnis eines kolonialistisch-evolutionistischen Weltbildes (ca. 19. Jhd.), in dem die “edlen”, “hoch entwickelten” Menschen oder “Völker” eher westlich-nordische Attribute aufweisen, und die “primitiven” oder “degenerierten” wie eine Vermischung von Nicht-Weißen, Neanderthalern und folkloristischen Schreckgespenstern wirken. Schön ist das nicht — vor allem, weil dem in diesem Gedankengebäude auch gleich noch ein intellektueller und ethisch-moralischer Verfall gleichgesetzt wird. Sprich, die “Anderen” sind die “Hässlichen” und dann auch noch “böse”.

    S.T. Joshi, der indischstämmige Biograph Lovecrafts, den wahrscheinlich eine ähnliche Hassliebe mit ihm verbindet, hat Lovecrafts (vor allem autodidaktisch aus verschiedenen Büchern zusammengeschustertes) Weltbild an mehreren Stellen umfassend aufgearbeitet. Empfehlenswert ist z.B. “The Decline of the West”.

    Mein persönlicher Eindruck ist, dass Lovecraft vor allem ein übersteigertes Mitteilungsbedürfnis hatte, und zum Glück nie in die Verlegenheit kam, seinen Worten entweder Taten folgen lassen oder sein (sonst recht gut funktionierendes) Hirn einschalten zu müssen. Insgesamt gibt es Anzeichen dafür, dass er gegen Ende seines Lebens ein paar Dinge dazugelernt hat.

  • Alreech schreibt am 11. Januar 2013 um 18:18

    nun, vielleicht sollte man dann Lovecraft und Tolkiens Werke kultursensibel bearbeiten und schauen was davon übrig bleibt ? ;)

  • JL schreibt am 12. Januar 2013 um 16:37

    Bei Lovecraft fürchte ich: nicht viel ;) Im Gegensatz zu Preußler, Lindgren und Co richten sich diese Geschichten allerdings auch an Leser, die alt und gebildet genug sind, damit umzugehen. Zumindest trifft das auf den Großteil der Leute zu, die Lovecraft heute noch lesen und lebendig halten.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 12. Januar 2013 um 17:00

    @JL Von den Kommentaren nach zu urteilen, die ich hier nicht hab durchgehen lassen, muss ich das leider verneinen.
    Außerdem finde ich wird das literarische Talent in der Debatte runtergespielt. Er hat einen Mythos erdacht, er hat ein Talent mit Sprache umzugehen. Und, was viele nicht realisieren, er war schon zu Lebzeiten “retro”. Schrieb nicht wie zeitgenössische Autoren, sondern eher wie Poe, der immerhin 70 Jahre tot war.

  • JL schreibt am 13. Januar 2013 um 19:23

    Das ist absolut richtig. Plus, er hat es fertiggebracht, viele seiner Lieblingsthemen auch noch in einem Sonettzyklus festzuhalten, das auch nur die Spitze seines lyrischen Outputs darstellt. Will sagen: Ja, er hat ein sehr ergiebiges Werk hinterlassen, und er war ein sehr belesener Mann (weswegen es besonders schade ist, dass er manches erst spät oder gar nicht hinterfragt hat).

    Wenn Dir Lovecrafts schwärmerischer Stil gefällt (also nicht nur die Mythos-, sondern z.B. auch die Traumlandgeschichten), halt mal nach Lord Dunsany Ausschau. Der war lange Jahre sein erklärtes Idol (besonders die frühen Kurzgeschichten, z.B. in A Dreamer’s Tales).

  • Alreech schreibt am 13. Januar 2013 um 21:20

    Natürlich sind die Leser von Lovecraft alt und gebildet genug um damit umzugehen.

    Alter und Bildung immunisieren ja bekanntlich gegen Fremdenfeindlichkeit. Wenn gebildete Menschen z.B. über dumme Amis oder goldkettchenbehängt Prolls in 3er BMWs lästern hat das dann auch nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun, schließlich ist man ja gebildet…

  • JL schreibt am 14. Januar 2013 um 15:06

    Ich glaube, eben reden wir aneinander vorbei, deshalb kurz die Erklär-Bremse: Ich las Deinen Vorschlag, man solle Lovecraft “kultursensibel” bearbeiten aufgrund des Smileys als Ironie und als Anspielung auf die aktuelle Debatte um die Bearbeitung von Kinderbüchern. Mit meiner Antwort wollte ich ausdrücken, dass ich, während ich die Streichung rassistischer Ausdrücke in Kinderbüchern durchaus befürworte, ein solches Vorgehen bei Büchern, die sich an ein erwachsenes Publikum richten, für den falschen Ansatz halte. Plus, ich persönlich kenne keine Lovecraft-Fans, die den Rassismus seiner Texte übernommen haben. Ich kenne auch keine, die an Cthulhu glauben. Man liest Lovecraft meines Erachtens vor allem aus literarischem Vergnügen, nicht weil man seine Weltsicht teilt. Wenn ich mich irre, tut mir das leid (auch um Lovecraft).

    Und natürlich schützt Bildung nicht vor Fremdenfeindlichkeit (auch wenn ich nicht wirklich sehe, was Prolls in BMWs damit zu tun haben). Falls das naiv oder herablassend klang, entschuldige ich mich.

  • Alreech schreibt am 17. Januar 2013 um 20:18

    sorry, ich habe das mit der Bildung als typisches elitäres Gehabe, das ich zu gut aus der studentisch geprägten Szene kenne, in der ich mich eine Zeit lang bewegt habe.
    Da gibt man sich gerne links und tolerant, um dann doch nach dem dritten Bier seinen Vorurteilen freien Lauf zu lassen.

    Natürlich liest man Lovecraft weil es Spaß macht. The Outsider ist mein Favorit, The Red Hook Horror folgt auf meiner Hitliste kurz darauf.
    Und gerade diese Geschichte baut sehr geschickt auf der unheimlichen Wirkung auf, die von Fremden ausgeht.
    Das die Fremden in dieser Geschichte auch zu den Opfer zählen ändert nichts daran das sich der Held (ein Polizist der in einem von Migranten bewohnten Slum ermittelt) sich fremd fühlt und der Leser dieses Gefühl nachvollziehen kann, weil es ihm vertraut ist.

  • Emanon schreibt am 18. Januar 2013 um 01:59

    @Alreech Das Wort Xenophobie kommt nicht vom Adjektiv “fremd” sondern vom Substantiv “Der Fremde”. Das ist grundsätzlich eine fremde Person und nicht das diffuse Fremde, oder etwas, das fremd ist.

    Was du meinst ist das Ungeheuerkonzept. Das Wort ungeheuer bedeutet schon im Wortsinn, dass es nicht zu dem eigenen subjektiven Wahrnehmungskreis gehört. Hier wird der Unterschied deutlich. Was das Ungeheuer ist, unterliegt der subjektiven Definition. Wer der Fremde ist, jedoch der objektiven. Dabei kann der Fremde als Ungeheuer bezeichnet werden, nur weil er fremd ist und der Fremde kann diesen Status auch wieder verlieren. Je nachdem, ob man aus dem Fremden seiner Fremdheit wegen ein Ungeheuer macht oder nicht ist es ein Rassismus. Macht man aus nicht-personenbezogenen Dingen ein Ungeheuer, ist es aber kein Rassismus mehr.

    “Bildung als typisch elitäres Gehabe”. Zum Glück ist deine eigene subjektive Wahrnehmung genauso fest wie empirische Studien. Ich kann mir bei dieser Einstellung nicht vorstellen, dass du Menschen kennenlernst, bei denen es anders ist. Abgesehen davon sollte man Menschen nicht allein deshalb verurteilen, wenn sie sich bilden oder intelligent sind. So wie man Menschen auch nicht deshalb verurteilt, weil sie es nicht tun, oder es nicht sind.

Dein Kommentar:

Kommentarfeed zu diesem Artikel via RSS abonnieren.

Aktuelle Posts

Blog Of The Day: Columboldies – Kleidung und Möbel bei Columbo

Ich bin großer Fan von Columbo und als ich die Serie das letzte Mal komplett sah, wollte ich selbst einen Tumblr aufmachen mit dem Thema “Columbo isst”. Das tut er nämlich recht gerne...

It’s Wombat Wednesday

Wie verprochen, ab sofort: Wombats (fast) jeden Mittwoch!

Das Schwert von Galgano – Inspiration für Artus-Sage?!

Das wusste ich auch nicht. Jeder kennt die Legende. Merlin triebt das Schwert Caliburn durch einen Stein und es hieß, dass nur der wahre künftige Herrscher es dort rausziehen könne. Daher auch der...