st_ry – Fernsehjournalismus mit Userbeteiligung

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Daniel Bröckerhoff

Daniel Bröckerhoff kennst Du vielleicht aus dem Fernsehen. Dort arbeitet er für Klub Konkret oder auch ZAPP. Sein neues Projekt st_ry ist eine interaktive Dokumentationsserie. Die Zuschauer*innen können unter vier Themen eines auswählen, die Serie mit finanzieren und gestalten. Ein interessantes Konzept ist das allemal. Doch einige Fragen tun sich dennoch auf. Im Interview stellte sich Daniel diesen. Bis zum 22.04. könnt ihr noch für ein Thema abstimmen. Ich wäre ja für „Ich will meine Daten zurück!“ oder „Kann das Netz die Politik heilen?“ der Rest ist mir ein wenig zu Lifestyle. Mag auch daran liegen, dass ich als Vegetarier Fleisch eh doof finde und mich da keinerlei Enthüllung überraschen würde.

Lieber Daniel, ein halbes Jahr für ein Thema und 42.000 Euro. Was dauert so lange, was braucht so viel Geld?! Wen musst Du alles bezahlen?

Ganz grundsätzlich dauert es – je nach Thema – immer mehrere Monate, manchmal sogar Jahre,bis eine Doku oder Reportage fertig ist. Bei unserer Idee kommt noch dazu, dass wir die „Crowd“, also alle Interessierten, mit in den Prozess einbinden wollen. Sie sollen Feedback und Impulse geben, mitdiskutieren und mitentscheiden, wenn es z.B. geht, welche Protagonist interessanter ist oder wo wir drehen sollen.

Das dauert alles länger als gewöhnlich, zumal wir ein episodenhaftes Erzählen wollten, also jeden Monat einen Film veröffentlichen und dazwischen gemeinsam die Recherche voran treiben.

Ausserdem machen wir alle noch andere Jobs oder Projekte, mit denen wir unsere Hauptkohle verdienen, können also auch nicht 24/7 an st_ry arbeiten, da macht es Sinn, st_ry zeitlich zu strecken.

43.000€ klingt erstmal nach sehr viel Geld, ist aber für ein solches Projekt eher im unteren Durchschnitt. Am Ende stehen ja 6 Folgen á circa 10 Minuten, das kostet im „normalen“ Fernsehen je nach Aufwand, Länge und Reisekosten 40.000-80.000€.

Wir bezahlen davon die beiden VJ-Autoren Sebastian und Moritz, die Kamera und Schnitt machen werden, die Postproduktion, weil es ja auch schick aussehen soll, die Tonmischung, außerdem natürlich Reisekosten, Übernachtung, Spesen, Material und Kameramiete und ich muss ja auch von irgendwas leben. Wobei die 5.000€, die ich bekommen soll, weniger als ein Drittel davon sind, was ich z.B. beim NDR oder ZDF für so ein Projekt kriegen würde. Wir machen das alle nicht, um reich zu werden, sondern weil wir Bock auf das Ding haben.

Wenn ich das richtig verstehe machst Du sechs Folgen zu diesem einen Thema, das dann die Leute auswählen. Auch dürfen die Leute mitbestimmen und mitreden. Bei der Themenauswahl hast Du ja einige Themen vorgegeben. Dennoch keine Angst, dass Dich Deine Community – wie ja mal mit Justin Bieber geschehen – dann nach Nordkorea schicken will?

Nein, gar nicht. Dass wir vier Themen vorgegeben haben zum Voting hatte vor allem praktische Gründe. Hätten wir die Themen auch noch Crowdsourcen lassen, hätte es in der öffentlichen Wahrnehmung noch länger gedauert, bis wir „richtig“ anfangen können. Wir kriegen ja jetzt schon ständig Fragen, wann man denn sein Geld loswerden kann.

Dass die Crowd/Community mich zu irgendeinem Unsinn schickt befürchte ich nicht. Zum einen, weil ich hoffe, dass wenige Trolle dabei sind und mehr Leute, die ein ernsthaftes Interesse haben. Zum anderen, weil wir uns immer noch die letzte Entscheidung vorbehalten müssen – schon aus rechtlichen Gründen. Ich bin verantwortlich für alles, was wir da tun und behaupten, also muss ich auch ein Veto-Recht haben. Ich rechne aber nicht damit, dass es dazu kommen wird.

Im Video zu Deiner Aktion betonst Du, dass es Dir wichtig ist „wirklich unabhängig“ von allen Interessen zu sein. Du zählst da auch Auftraggeber hinzu. Bekommst Du in Deiner Arbeit als Fernsehjournalist tatsächlich öfters Steine in den Weg geschmissen?

Generell bin ich schon sehr zufrieden damit, wie ich in den Sendern für die ich arbeite (NDR & Einsplus) berichten und arbeiten kann. Aber trotzdem gab es schon ärgerliche Vorfälle, die kennt wahrscheinlich jeder Journalist.

Das sind dann keine Steine, eher Steinchen, die einem in den Weg gelegt werden. aber das allein reicht ja oft schon. Da geht es dann um redaktionelle Entscheidungen, ob man ein Thema überhaupt macht und wenn ja, wie. Mit welchem Ansatz, mit welcher Haltung. Und da war ich nicht immer einverstanden.

Ich habe aber auch schon einen Fall erlebt, wo versucht wurde auf meine Berichterstattung innerhalb des eines Senders Einfluss zu nehmen, obwohl betreffende Person dazu kein Recht hatte. Und Ärger mit dem Jugendschutz gab es auch schon, da kann aber fast jeder, der „junge Berichterstattung“ macht ein Lied von singen.

Oft hat man schon die „das können wir nicht bringen“-Schere im Kopf, um präventiv Ärger zu vermeiden und das möchten wir hier vermeiden.

Du wurdest für das Projekt ja auch bereits kritisiert. Worin bestand denn die Kritik?

Es ging vor allem um die Themenwahl. Einige bemängelten, dass wir die nicht schon geöffnet haben, sondern vier Themen zur Abstimmung vorgegeben haben. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass das der richtige Weg war. Sollten wir st_ry Teil 2 drehen denken wir aber gerne nach, ob wir das dann machen.

Andere fanden die Idee gut, aber die Themen langweilig, zu offensichtlich, lahm oder zu schwammig. „Das könnte doch auch im TV laufen“, meinten einige. Ich bin dagegen der Meinung, dass jedes Thema schon irgendwo und irgendwie gecovert wurde. Mir fällt derzeit nichts ein, was „totgeschwiegen“ wird oder dringend noch recherchiert werden müsste, weil es sonst keiner macht.

Also geht es um die Art der Umsetzung und in den vermeintlich „toten“ Themen noch Ansätze zu finden, die noch keiner hatte. Dafür ist das Crowdsourcing fantastisch, weil wir erfahren, was die Zuschauer interessiert und noch wissen wollen. Ich glaube, dass so eine ganz neue Art der Präsentation entsteht, die auch den Inhalt beeinflussen wird.

    3 Kommentare:

  • Frank Hogart schreibt am 19. April 2013 um 16:28

    Ich bin TV-Journalist und freier Produzent. Sorry…42.000 Euro für eine solche Reportage sind ein ganz übliches, fast schon ein hohes Budget. Es sind netto 60 Minuten. Ihr werdet wahrscheinlich fast ausschließlich in Deutschland drehen. Daniel bekommt normalerweise beim NDR usw. 15.000 Öcken als Moderatorennase? Aha, da werden die Budgets verplempert.
    Sorry, Daniel. Eure Themen sind beliebig, Das Budget ist normal. Und Deine Argumente mit „unabhängig“ usw nehme ich Dir nicht ab. Alle „Werbetrailer“ für Eure Aktion erscheinen mir sehr selbstdarstellerisch und selbstverliebt. Um was geht es? Das Du ein cooler Hipster bist? Das haben wir begriffen…das es um neues TV geht, um alternative Produktionsmodelle und Finanzierungchancen….tja, dass gerät doch etwas zu sehr in den Hintergrund. Und Faktor 1: Eure Themen sind echt zu beliebig. Wie wollt Ihr z.B. 60 Minuten bildlich zum Thema „Daten“ füllen ohne dabei auf die üblichen „3D-Virtuellflüge“ durch Datennetze zu verzichten?
    Ich bleibe gespannt…

  • Daniel Bröckerhoff schreibt am 19. April 2013 um 17:12

    Hallo Frank,

    Danke für dein freundliches Feedback und Deine warmen Worte.

    Zu Deinen Punkten:

    Du vergisst, dass dabei nicht „nur“ 60 Nettominuten anfallen, sondern jede Menge Hintergrundinformationen, Making-of-Videos, Blogposts, Aufnahmen von Recherchetelefonaten, etc. Die Idee ist, dass man als interessierter Nutzer soviel Hintergrundwissen sammeln kann, wie es wir als Team hinterher haben werden, wenn man will. Das ist ziemlich viel Zusatzarbeit, die man bei einer herkömmlichen Reportage nicht hat.

    Wir werden evtl auch im Ausland drehen. Gerade bei dem Datenthema geht das gar nicht anders.

    Die Themen sind so beliebig, wie es Deine Phantasie zulässt. Es sind grob abgesteckte Themenfelder mit einer Rahmenhandlung. Was genau recherchiert wird, welche Schwerpunkte gesetzt werden, das soll mit der Crowd entschieden werden. Mehr dazu auf meiner Seite, du bist ja nicht der Erste, der das kritisiert.

    Ich arbeite nicht als „Moderatorennase“, sondern als Reporter und Autor und 15.000€ sind z.B. als Autor des Formats „45 Minuten“ durchaus üblich. Für aufwändig recherchierte 30-Minüter werden zwischen 10.000-15.000€ gezahlt. Wenn Du in der Branche arbeitest sollte Dir das bekannt sein.

    Das Video scheint dir werblich? Nun, wir wollen auch was verkaufen.

    Den Vorwurf ein „selbstverliebter cooler Hipster“ zu sein muss man sich als Onair-Reporter wohl anhören. Danke für die substanzielle Kritik.

    Worum es mir geht? Den kollaborativen Journalismus ausprobieren und in den Bewegtbildmarkt tragen, das Konzept des Open Journalism weiter entwickeln und seine Grenze auszuloten. Zusammen und für den interessierten Zuschauer. Ich bin gespannt ob es die gibt.

    Kollegiale Grüße,

    Daniel

  • Frank Hogart schreibt am 20. April 2013 um 12:24

    Hi Daniel.

    Du meinst, dass jedes Thema schon einmal irgendwo und irgendwann umgesetzt wurde. Sorry, aber dies ist definitiv falsch. Es gibt jeden Tag neue Themen, neue Themenfelder und neue Entwicklungen in der Welt des TV. Unsere Welt entwickelt sich, die Gesellschaften entwickeln sich…dabei entstehen immer wieder neue Themenfelder.
    Die massive Kritik zu Eurer Themenauswahl aus Fachkreisen sollte euch doch mal aufhören lassen und evtl. auch eine Anpassung herbeiführen. Ihr wollt Programm FÜR den Zuschauer machen. Genau DIESER ZUSCHAUER gibt euch jetzt schon die ersten Tipps und ihr verweigert euch jeder Kritik. Wie soll das denn was werden?

    Immer noch gespannt ;-)

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