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Sick Sad World: Focus-Money-Chefredakteur macht sich über Barrierefreiheit lustig

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Vor einigen Jahren habe ich für Universitäten barrierefreie Webseiten geschrieben. Ein großes Raunen ging bei den Verantwortlichen durch den Raum, wenn ich erklärte, dass Barrierefreiheit kein technisches Wundermittel sei, sondern vor allem redaktionelle Arbeit bedeute. Zum Beispiel Grafiken, die für das Verständnis der Inhalte notwendig sind, auch im Text zu beschreiben oder Inhalte allgemein in leichter Sprache zu formulieren. Darauf wurde dann im Anschluss gerne verzichtet.

Vorbildlicher geht da schon Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen, vor. Auf seiner Webseite gibt es gut sichtbar im Header den Punkt „Einfache Sprache“. Dort gibt es eine kurze Zusammenfassung über ihn und seine Ziele. Und damit jeder versteht, warum er das macht gibt es auch noch einen Link zu den Regeln für Leichte Sprache. Den sah auch Focus-Money Chefredaktuer Frank Pöpsel und machte sich im aktuellen Editorial seines Magazins darüber lustig.

Nun ist der Focus nicht gerade bekannt für seine humanistischen Ansichten. Doch was sich der Chefredakteur da leistet ist schon ein starkes Stück. So greift er nicht nur Anton Hofreiter für die Verwendung der leichten Sprache an („Sprache Sechs, Grammatik Sechs, Interpunktion Sechs“), sondern macht sich über Barrierefreiheit und die auf leichtesprache.org veröffentlichten Empfehlungen insgesamt lustig. Meedia dazu:

„Pöpsel mokiert sich etwa darüber, dass dort empfohlen wird, den Genitiv zu meiden oder alte Jahreszahlen zu nutzen (statt 1867 soll man in ‚leichter Sprache‘ etwa schreiben: ‚vor langer Zeit‘).“

Pöpsel urteilt abschließend:

„SCHLECHT: Viele Menschen glauben: Toni will sie für dumm verkaufen. GUT: Die Menschen essen trotzdem Fleisch, zahlen nicht gern Steuern und benutzen den Genitiv.“

Dass der Schuss nach hinten los ging, kannst Du an der souveränen Antwort von Hofreiter sehen, die Du auf Rollingplanet lesen kannst. Dort schreibt Hofreiter treffend:

„Dass Sie mich und die von mir vertretenen Ansichten kritisieren, ist Ihr gutes Recht. Dass Sie aber mein Bemühen verächtlich machen, mich auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten nach den Regeln der dafür entwickelten ‚leichten Sprache‘ verständlich auszudrücken, nehme ich nicht hin. Damit treffen Sie nicht mich.“

    4 Kommentare:

  • Marcus schreibt am 13. November 2013 um 15:20

    Als ich zum ersten Mal von dieser ‚Leichten Sprache‘ hörte, war meine Meinung zugegebenermaßen auch eher ablehnend. Aber beim zweiten Mal drüber nachdenken fand ich die Idee dann doch nicht so schlecht. Wenn es einigen hilft komplexe Sachverhalte wenigstens in ihrer Essenz zu verstehen ist schon was gewonnen. Leider scheint man beim Focus nicht darauf angewiesen zu sein ein zweites Mal über Dinge nachzudenken.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 13. November 2013 um 15:32

    @Marcus Der Clou ist doch, dass er offensichtlich die verlinkte Seite, die das Prinzip erklärt, ebenfalls las. Ich hab für folgendes leider keine sichere Quelle zu Hand, aber ca. 17% aller deutschen Bürger*innen sollen auf „leichte Sprache“ angewiesen sein.

  • Hurraki schreibt am 13. November 2013 um 19:28

    Die Angabe mit 17 Prozent enspricht in etwa den 7,5 Millionen Funktionalen Analphabet/inn/en in Deutschland. (Quelle: http://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo/files/2011/12/leo-Presseheft_15_12_2011.pdf )

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 13. November 2013 um 19:48

    @Hurraki Danke Dir!

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