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Daniel Kulla im Interview zu den Montagsmahnwachen – Hinzuschauen ist nicht einfach

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Daniel Kulla schreibt in seinem Blog classless Kulla auch über die Montagsdemos. Seine These: Der Witz geht auf Kosten derer die die Demos herablassend kritisieren. Eine Randerscheinung wird ausgelacht und niedergeschmettert ohne die selben (Gegen-)Argumente auf den politischen Mainstream mit gleichem Maß anzuwenden. Eine solidarische Auseinandersetzung, wie sie einige Personen von DIE LINKE und attac fordern, möchte er dennoch nicht. Vielmehr geht es ihm darum Antisemitismus und rechte Tendenzen in der ganzen Gesellschaft wahrzunehmen und nicht nur bei den Montagsdemos. Ich sprach mit ihm darüber, warum es sich Kritker*innen der Demonstrationen zu einfach machen.

Lieber Daniel, Du beschäftigst Dich mit den Montagsdemos und Verschwörungstheorien. Du sagst es sei ein Fehler aufgrund der Positionierung einiger Protagonisten auf die gesamte Demonstration zu schließen. Viel mehr sollten die Bedürfnisse der Demonstrant*innen ernst genommen werden, statt sich drüber zu stellen. Wie könnte ein Zugehen auf solche „Anpolitisierten“, wie Du sie nennst, aussehen? Was wäre ein richtiger Schritt?

Mir ginge es immer darum, ob nun bei diesen Leuten oder bei anderen, mal von diesen ritualisierten Auseinandersetzungen an der Oberfläche wegzukommen, und darüber zu reden, warum eigentlich wer welche Auffassungen hegt – einschließlich einem selber. Nicht zu glauben, was in der Zeitung steht, finde ich erstmal angemessen, ebenso die Wahrnehmung von vielem, was derzeit zu sehen und zu hören ist, als Kriegspropaganda – schon an solchen Stellen gleich mit dem Aluhut zu winken und sich selbst als der erwachsene, aufgeklärte Staatsbürger präsentieren zu müssen, halte ich für schlimm. Auch wenn ich es beim Gegenüber mit besonders selektiver Wahrnehmung zu tun habe, muss ich sie nicht einfach mit dem Beharren auf meiner selektiven Wahrnehmung beantworten – außer ich bin hauptsächlich auf Selbstvergewisserung aus. Dafür ist das ja sehr gut.

Ist die Schwierigkeit dabei dann nicht schnell, dass oft Antiamerikanismus und struktureller Antisemitismus zum Thema wird? Ich bin oft davon überzeugt, dass das vielen nicht klar ist, wo die Problematik im Wiedergegebenen liegt, mache aber anderseits die Erfahrung, dass ein Hinweis auf die Problematik gerne als Denkverbot wahrgenommen wird.

Vielleicht wird auch zu wenig darauf geschaut, wie diese Hinweise gegeben werden, also die Probleme von Form und Richtung. Einerseits wirkt es für mich vom Tonfall und Auftreten meist nicht, als gäbe es da wirklich Erklärungsangebote – was ja gegenüber den offenkundig Überzeugten auch okay ist, aber zur generellen Haltung geronnen zu sein scheint. Andererseits sieht es auch seltsam aus, wenn die Frage von Ideologie nur an diesen Häuflein von Kundgebungsteilnehmern festgemacht wird, während die gesellschaftlichen Mehrheitsauffassungen weitgehend unthematisiert bleiben. Wenn ich Hetze gegen Banken und Finanzkapital hören will, muss ich doch nur Martin Schulz zuhören, wie er im Europawahlkampf gegen „Spekulanten“ und „Zocker“ geifert. Münteferings „Heuschrecken“ und Möllemanns Kampagne gegen Friedman kamen von Vizekanzlern dieses Staates. Dieses Denken durchzieht in unterschiedlichen Formen und Intensitäten die ganze Gesellschaft, und deshalb müsste auch die ganze Gesellschaft das Thema sein.

Macht dies die Sache nicht noch schwieriger, da sich viele als ideologiefrei wahrnehmen und auch darauf pochen. „Weder links, noch rechts“ und weitere postideologische Sprüche sind oft zu hören, ebenso gerne Nazivergleiche: So schrieb Elsässer von der „SAntifa“ und Jebsen von der „American Gestapo“. Wieso hilft es nicht darauf hinzuweisen? Oder auch darauf, dass auftretende Bands wie „Die Bandbreite“ ob einiger Texte problematisch sind? (Übrigens ein schönes Beispiel, da die Band gleichzeitig als links wahrgenommen wird und dennoch von der NPD als „volkssozialistische Musikgruppe bezeichnet wurde). Kann ob des berechtigten und begrüßenswerten Friedenswunsch, was ja (neben Spenden für KenFM) das eigentliche Hauptziel der Demonstrationen ist, das ausgeblendet werden?

Ich verstehe einfach nicht, warum ich die nationalistischen und antisemitischen Aussagen auf diesen Kundgebungen ausblenden muss, wenn ich auf den nationalistischen Mainstream mit seinen antisemitischen Spitzen hinweise. Das schließt sich doch nicht aus. Und ja, das ist alles sehr schwierig. Das Problem nicht nur in der Ecke, sondern überall ernst zu nehmen, wo es auftritt, und nach den Gründen zu fragen, ist nicht einfach. Aber ist das nicht einer der Vorwürfe an die Montagsdemos, dass es sich die Leute dort zu einfach machen wollen?

Du meinst, dass die Gegenposition und Kritik es sich damit ebenfalls zu einfach macht in dem sie die richtigen Ansätze ausblenden? Und mit Projekten wie Watch-Blogs oder KenTrails den in der Mitte verhafteten Nationalismus und Antisemitismus genau so ausblenden?

Das ist ja eine der Grundfunktionen von Ideologie. Um die Ausblendung einer wichtigen, relevanten Sache hinzubekommen, müssen sich dann all diese Ersatzerklärungen und Halbwahrheiten zusammengesucht werden. Um auszublenden, dass die Probleme und Konflikte in der Gesellschaft zu einem enormen Teil aus ihrer eigenen politisch-ökonomischen Verfasstheit (kapitalistisches Eigentum, Konkurrenz zwischen Firmen, Arbeitskräften und Staaten) kommen, müssen die Ursachen irgendwo draußen gesucht werden, und wenn doch in der eigenen Gesellschaft, dann bei den anderen, irgendwo da unten oder da oben oder da am Rand. Dieser ganze Quatsch wäre ja in dieser Form überhaupt nicht nötig, wenn nicht so beharrlich von etwas weggeschaut werden würde und müsste.
Aber dahin zu schauen, wo alle aus Gründen des eigenen Fortkommens und des nationalen Erfolgs nicht hinschauen wollen, ist natürlich auch wieder nicht einfach…

    3 Kommentare:

  • Also sprach die Klasse schreibt am 27. Mai 2014 um 18:03

    Die Praxis zum Hinschauen heißt Klassenkampf!

    Danke, Herr Kulla!

  • P.M. schreibt am 28. Mai 2014 um 17:20

    Schönes Interview. Der Kulla weiß, wie meistens, wovon er redet.
    Besonders gut gefallen hat mir dieser Satz:

    „Um auszublenden, dass die Probleme und Konflikte in der Gesellschaft zu einem enormen Teil aus ihrer eigenen politisch-ökonomischen Verfasstheit (…) kommen, müssen die Ursachen irgendwo draußen gesucht werden, und wenn doch in der eigenen Gesellschaft, dann bei den anderen, irgendwo da unten oder da oben oder da am Rand.“

    Diejenigen, die sich einbilden, sie würden sich Ausbeutung engagieren, indem sie gegen Banker keifen, und diejenigen, die den Antisemitismus zu bekämpfen glauben, wenn sie die Erstgenannten als „Verschwörungstheoretiker“ entlarven, sind eigentlich zwei Seiten derselben Medaille. Sie suchen sich abgrenzbare Randgruppen, die mit den beobachteten Missständen in Verbindung stehen, aber eigentlich mehr Symptome, sind und machen sie zu Sündenböcken dafür. Um sich nicht mit den großen Ganzen auseinandersetzen zu müssen. Weil es zu kompliziert ist und/oder sie befürchten müssen, festzustellen, dass möglicherweise sie selbst aber auf jeden Fall ihre Zielgruppen auch Teil des Problems sein könnten.

    Naja, zumindest habe ich das da rausgelesen.

  • classless Kulla schreibt am 28. Mai 2014 um 21:53

    @P.M.

    Es ist nicht nur kompliziert, es ist derzeit leider auch wenig erfolgversprechend, und selbst wenn es mal zu irgendwas führt, gibt’s meistens Haue.

    @ Klasse

    Das ist, weit genug gefaßt, trotzdem die richtige Parole, ja.

    vgl.: https://soundcloud.com/neukoellnerantifa2/klassenkampf-ber-sinn-und

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