Kaput – Thomas Venker & Linus Volkmann im Interview

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Linus und Thomas auf dem Kosmonauten-FEstival

Kaput ist ein Magazin für Insolvenz & Pop. Dahinter stecken Thomas Venker und Linus Volkmann, die lange Zeit das Intro-Magazin prägten. Direkt zum Start legte kaput famose Interviews vor. So z.B. mit Frank Spilker oder Gudrun Gut. In diesen Interviews wird klar wohin Kaput gehen will: Dort wo das Geld sitzt, oder eben nicht! Es geht oftmals (aber nicht nur) um die prekäre finanzielle Situation Kunstschaffender.

Aber auch ein neues Magazin aus dem Boden zu stampfen ist nicht mal eben mit dem Taschengeld zu bezahlen. Grund genug ein Interview mit Thomas und Linus zu führen.

Lieber Linus, lieber Thomas, herzlichen Glückwunsch zum Start von Kaput. Wirklich herausragende Interviews. Was mir als Digital-Unicorn und Onlinefuzzi direkt auffällt ist, dass das was Ihr publiziert konträr zum Online-Verhalten ist. Sehr lange, in die Tiefe gehende Lesestücke. Ist das etwas was Ihr abbilden wollt oder bisher Zufall? Geht es Euch gar darum Euch aktuellen Trends – eben gerade weil sei zu einem großen Teil schrecklich scheiße sind (Stichwort Heftig) – zu verweigern und einen Kontrastpunkt zu setzen?

Thomas Venker in Osaka, JapanThomas Venker: Nein, ich würde nicht sagen, dass wir uns per se allem aktuellen verweigern. Absolut gar nicht, dazu ist das hier und jetzt doch zu spannend. Es geht nur darum, viel deutlicher zu filtern und eben nicht mehr das meiste mitzumachen, sondern ganz bewusst auszuwählen und deutlich weniger zu machen und das dafür dann eben mit mehr Tiefgang und Schärfe – und natürlich auch die Freiräume, die dadurch entstehen für andere, aus der Zeit gefallene oder leider oft nicht aufgegriffene Themen zu nutzen. Man hat ja mit den Social Media Präsenzen wie FB und Instagram auch genug Möglichkeiten für die schnellen Gesten der Reaktion, so dass wir auf Kaput selbst schon nur solche Beiträge sehen, die von längerfristiger Substanz sind. Ich persönlich lese gerne auch lange Sachen im Netz, zumal wenn schön mit Video- und Audiozuspielern arrangiert, also modern erzählt. Ich denke da erstmal an den Guardian und New York Times, also Organe mit ökonomischen Rahmenbedingungen, dass die das sehr gut machen können. Aber auch an Pitchfork, deren „Titelgeschichten“ schon toll sind.

Ich bin großer Fan Eures Ansatzes „Popkultur und Insolvenz“. Was das genau heißen soll konnte am Frank Spilker Interview gesehen werden. Finanzielle Fragen sind ja nicht nur für Musiker*innen ein Thema, sondern immer mehr auch für Blattmacher* und freie Autor*innen. Zeitungen wie Guardian und NYT, die können sich solch aufwändige Produktionen leisten. Wie ist da – also finanziell gesehen – Euer Ansatz? Ich habe nicht den Eindruck, dass Ihr hier soetwas wie z.B. ich machen wollt. Also kein Fun-Fun-Egoprojektchen wo ab und an wenn es passt was online gestellt wird. Euer Anspruch ist ein anderer und der muss ja auch irgendwie finanziert werden?

Thomas: Das ist eine spannende Frage, die wir so ehrlich gesagt noch gar nicht ganz konkret beantworten können. Nun ja, teilweise schon: eine Paywall? Also das ganz sicher nicht. Advertorials auch nicht, das ist die Pest und ich glaube ganz fest daran, dass das jeder „Endkonsument“, ja, so nennen manche Leute Leser und Musikfans tatsächlich, da draußen das auch rafft, dass hier die Tonalität und das Erscheinungsbild von Redaktionen imitiert werden sollen, um so falsche Eindrücke beim Leser / Zuschauer zu erwecken – das Lustige ist dabei ja im Alltag, dass sich die meisten Marken bei dieser Ambition auch noch im Wege stehen, in dem sie da soviel Abnahmen dazwischen schieben und ihren Duktus draufdrücken bis das nur noch wie eine schlechte Thomas-Gottschalk-Werbung getextet klingt.

Bannerwerbung? Ja, klar. An der Stelle aber vielleicht auch mal eingeworfen, dass es ja nicht so ist, dass wir beide denken, dass wir von Kaput leben können werden – also nicht nur! Wir sehen das eher als eine von vielen Einnahmequellen in unseren jeweiligen Tätigkeitsclustern. Aber es ist natürlich schon unser Ziel, den tollen Autoren und Fotografen, die uns zur Seite stehen und die Idee von Kaput diggen und bei ihrer Entwicklung mithelfen zumindest ein bisschen was für ihren immensen Aufwand geben können. Man will ja nicht das falsche System in noch härter imitieren, denn wir sind uns ja nur allzu sehr bewusst wie schwierig das Leben für freie Künstler und Autoren ist.

Jetzt gilt es erstmal das Profil weiter zu schärfen, so dass die Leute die Ideen verstehen und auch wo wir uns damit positionieren wollen. Nämlich nicht als Konkurrenz zu bestehenden (Musik-)Titeln da draußen, das wäre auch lächerlich angesichts unserer Rahmenbedingungen, sondern als Ergänzungsplattform, auf der sich unsere Autoren und wir Themen näheren, für die in ihrem sehr speziellen Zuschnitt so eben kein Platz ist in den Haupstadtblättern.

Es tat sich in den letzten Jahren ja recht viel bei den großen Musikmagazinen. Spex wurde von Thorsten Groß, früher beim Rolling Stone, übernommen. Ebenso Eure alte Homebase, die Intro, wo nun Daniel Koch, ebenfalls ehemals Stone, sitzt. Die De-Bug gibt es nicht mehr. Ich glaube es ist nicht zu fies zu sagen, dass Opak, welches allerdings kein großes Magazin war, seine Nische nicht finden konnte um sich zu etablieren. Du sagtest nun Ihr seht Euch dazu ergänzend. Was lesen Eure Leser*innen neben kaput? Ist der Ansatz mit den englischsprachigen Texten auch ein Zeichen dafür, dass Ihr „Vorbilder“ wie auch „Konkurrenz“ gar nicht mal im hiesigen Markt sucht? Oder bin ich vollkommen auf der falschen Fährte und denke hier wieder zu Businessmäßig, dass es bei kaput gar nicht darum geht eine Nische zu finden?

Thomas: Die parallele Ausrichtung in den englischsprachigen Raum ist einfach meiner Sehnsucht gespeist, dass das, was sich ohne die Grenzen dieses Landes bildet auch aus diesen Grenzen hinaus getragen werden soll. Das hätte ich schon früher gerne gemacht, aber leider ging sich das in anderen Kontexten nie aus. Aber ja, das ist natürlich ein immenser Aufwand. Da ich die Sachen größtenteils selbst übersetzte aber nicht so kostenintensiv – wir haben ja einen in London sitzenden native english editor, der bringt das dann auf das notwendige Niveau, um auf der Straße dort nicht völlig als umcooler deutscher Onkel rüberzukommen; und neuerdings zudem noch eine Übersetzerin und einen Lektor, die uns unterstützen.

Wir denken in unserer Nische nicht wirklich Businessmäßig. Es gibt keine Meetings, wo man den eigenen Duktus reflektiert und das Zielpublikum definiert, sondern wir denken darüber nach, welche Themen wir von welchen Leuten gerne angegangen sehen würden, bzw. freuen uns über die Autoren und Fotografen, die mit sie beschäftigenden Themen ankommen.

Das gesagt, glaube ich aber schon, dass wir eine gewisse Leserschaft bevorzugt anziehen: Leute, die gerne mehr als nur die ersten drei Fragen zu einer Person geklärt bekommen. Leute, die gerne ausgehen und tanzen und trinken und diskutieren. Leute, denen Orte wie das Berghain, der Golden Pudel, die Mutter, das HAU, die Volksbühne, das Smaragd und die Flittchen Bar usw.. sympathisch sind, die aber auch in andere Läden reinschauen, wenn dort was spannendes stattfindet. Leute, die Spex, Groove, Musikexpress, Intro, Guardian, New York Times, Freeze, Artforum, Pitchfork… lesen. Dass es die De-Bug nicht mehr gibt, empfinde ich als großen Verlust: das Blatt wurde von einem extrem sympathischen Team gemacht, das wirklich viele Themen entdeckt und behandelt hat, die sonst niemand – zum jeweiligen Zeitpunkt – zu sehen vermochte.

Was die Personalien angeht, die du angesprochen hast: das klingt jetzt zu sehr nach Rolling-Stone-isierung. Man darf nicht vergessen, Daniel Koch war einst Praktikant bei der Intro unter uns und dann unter Boris Fust Volontär beim Festivalguide, bevor er zum RS als Online-Redakteur ging und von uns als Greatest-Chefredakteur zurückgeholt wurde. Das ist schon das, was man im Fußball ein Eigengewächs nennt.

Linus, Du machst die Schinken Omi, Videos für arte und hast auch für das Blog Munitionen geschrieben. Schinken Omi jetzt ausgenommen, wie entscheidet sich was ein Text für Munitionen, Intro oder Kaput wird? Wird Deine Videoarbeit auch Teil von kaput?

Linus, laut Thomas alleineLinus Volkmann: Bei intro und arte habe ich jeweils feste Clip-Kolumnen („Pop andere Katastrophen“ und „Kurzer Prozess“), auf die habe ich Bock, die laufen dort weiter.

Darüber hinaus besitze ich aber noch weiteren Gestaltungswillen (lies – wahn) und würde gern selbst Videos drehen. Doch ich dachte, es ist Fantasy, sich das noch draufzuschaffen. Aber Thomas hat es ja hingekriegt, wie man an dem wirklich konkurrenzfähigen Hauff-Beitrag sehen konnte. Und bei allem Respekt, was Schwaben-Obelix technisch stemmen kann, das will ich auch! Insofern bin ich an dem „Thema“ Clips „dran“.

Wegen Text: Für Schinken Omi schreibe ich Gags, für kaput die popkulturellen Dinge, alles darüber hinaus mache ich auf Anfrage und nach Absprache. Allerdings bin ich weder für Munitionen noch Intro textmäßig wirklich in charge gerade.

Ihr wart lange Zeit die federführenden Redakteure bei der intro. Und für mich als langjähriger Leser (und auch ehemaliger Kollege) sind die inhatlichen Unterschiede sofort klar. Wie würdet Ihr jmd. der kaput noch nicht las das Magazin beschreiben. Vielleicht insbesondere in der Abgrenzung zu Eurem früheren Arbeit?

Thomas: Kaput sehe ich nicht als Weiterführung von Intro sondern als Weiterführung meines Wegs als Kulturjournalist und Blattmacher. Da geht es um eine Kontinuität in Haltungsfragen und bezüglich der Offenheit für neue Themen: mich hat es noch nie interessiert, einen Status Quo zu verwalten, was nicht heißen soll, dass ich das Alte nicht goutieren und wertschätzen kann, aber wenn wir mal ehrlich sind, dann haben die aufregendsten Momente zumeist mit neuen Entdeckungen und überraschenden Abbiegungen zu tun. Die derzeit absolute Hinwendung zum digitalen hat mich sehr gereizt, also sich noch mal auf massives Lernen einzulassen (Redaktionssystem, Videoschnitt, Bildbearbeitung etc.), man darf ja nicht vergessen, dass ich zuletzt ein Team von 30 Leuten geleitet habe, da war ich zwar nach wie vor sehr intensiv auch als schreibender Chefredakteur tätig, aber mit den Details des Videoschnitts und des Onlinestellens konnte ich mich leider nicht auseinander setzen, da es galt, vielen Besprechungen beizuwohnen. Ich führe das so aus, weil ich aktuell bemerke, dass durch diese Lernprozesse auch viele inhaltlichen Ideen erst entstehen konnten, die aktuell und in der Zukunft sicherlich Kaput prägen werden.
War das jetzt eine Antwort auf deine Frage?

Wahrscheinlich meintest du mehr, dass wir für einen systemkritischen, reflektieren, aber auch humorvollen journalistischen Umgang mit Kultur und eine direkte, in die Tiefe gehende Interaktionen mit Künstlern stehen. Dass wir gemeinsam ein Milieu schaffen wollen, in dem wir alle, die Künstler, die Leser und wir uns gerne aufhalten und uns gegenseitig herausfordernd und auf neues Terrain bringen. Denn Stillstand wäre doch öde.

Screenshot: kaput

Von 25 Mitarbeiter*innen auf der Teamseite sind 5 Frauen. Wenn ich richtig rechne eine leicht bessere Quote als bei Krautreporter, die damals für das Ungleichgewicht ordentlich auf den Deckel bekamen. Gerade da ich Euch ja ein bisschen kenne, und weiß woher Ihr kommt und wo Ihr steht, fand ich das ein wenig überraschend. Wäre das nicht mit den Freiheiten, die Ihr mit dem Projekt habt, ein Punkt gewesen wo Ihr ein Zeichen setzten könntet bzw. einfach die Richtung hättet vorgeben können?
Gerade wo eben das Stichwort Stillstand fiel und dieses Ungleichgewicht in der Presselandschaft eigentlich überall zu sehen ist.

Thomas: Sehr guter Punkt. Auf unserer Liste stehen sehr viele und da werden auch viele früher oder später bei Kaput dabei sein. Die Frauen pflegen jedoch einen sorgfältiger Umgang mit ihren Vorschlägen und Beiträgen und schicken die eben nicht so schnell ein wie wie Männer. Klingt jetzt so geschrieben wie eine billige Ausrede, aber die ist es wirklich nicht: Das merken viele an, und zu Recht.

Männer muss man nie zweimal bitten, ins Rampenlicht zu treten, Frauen sind da bescheidener und denken oft, dass das, was sie da anzubieten hätten, gar nichts so spannend sei – und irren sich dabei gewaltig, unser Themenplan zeugt davon!

Eine letzte Frage. Ihr habt für kaput einen eigenen Verlag gegründet. Meine Vorstellungskraft spielt da verrückt. Bücher, One-Shot-Coffee-Table-Mags, etc. pp. Habt ihr da noch Pläne? Und wenn nein, was haltet Ihr von einem Magazin mit dem Namen „Kotzenden Einhorn“. Zielgruppe sind Kidults. Das ist ein Begriff den ich beim YPS-Relaunch gelernt habe.

Linus: Der eigene Verlag und diese freie Seite, also kaput, sind natürlich erstmal Erfüllung und Aufgabe genug. Dennoch halten wir es nicht für ausgeschlossen, in einer fernen Zukunft deine Arbeitgeber zu sein. Um „Das kotzende Einhorn“ mal richtig auf Linie und an die Massen zu bekommen werden diese Kidults natürlich auch Fashion-Tipps und Sportergebnisse bekommen und Neuigkeiten über die aktuelle Axe-Kampagne. Es ist vielleicht doch schöner, unabhängig zu sein.

Wir wissen zwar nicht, wo das alles hinführt, aber es fühlt sich gerade sehr gut an.

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