Helmut Schmidt, Wikicommons

Warum ein kritischer Nachruf auf Helmut Schmidt durchaus angebracht wäre

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Helmut Schmidt, Wikicommons

Helmut Schmidt war der niedliche Raucher. Ein Mann mit offensichtlichem Fehler, für manche gar ein Rebell der sich über das Rauchverbot bei Veranstaltungen und in Fernsehstudios hinwegsetzte. Zusammen mit der großen Liebe Loki, die bis zu ihrem Tod stets an seiner Seite rauchte. Einer der klug reden konnte. Ein Meister des Einerseits und Anderseits. Das gefällt, das wirkt durchdacht und clever. Hier hat jemand das Problem analysiert. Ein krasser verbaler Vorstoß wird mit einem leichten Zurückrudern scheinbar geschwächt. Und er nahm kein Blatt vor den Mund. Was ihm nicht passte war „Blödsinn“, „Kindereien“, „Dummheiten“ oder „Quatsch“. Das Geheimnis seines Erfolgs scheint in Simplizität und Verknappung zu liegen. Und eben in den Fehlern, das Rauchen, der medial ausgeschlachtete Seitensprung und so weiter und so fort. Elder Statesman und doch Mensch. Unglaublich!

Ebenso unglaublich ist wie groß die Trauer um den Altkanzler zu sein scheint. Als Schmidt zuletzt bei Maischberger zu Gast war wunderte sich gar die Welt, warum er „immer noch so unglaublich populär“ ist und stellte fest, dass das „was er sagt, nicht über Allgemeinplätze hinaus“ ginge. Der letzte Sozialdemokrat sei gestorben schreibt jemand in meiner Timeline und besonders empört sind alle über einen Tweet von Erika Steinbach, die ein altes Zitat postete. Wie Steinbach das meinte wird wohl wie so oft Ihr Geheimnis bleiben. Wollte sie Schmidt pietätslos diskreditieren? Oder ist es gar Anerkennung, passt es doch viel eher zu ihrer politischen Linie.

Klar sollte jedoch eines sein. Dieses Zitat ist nicht untypisch für Schmidt. Er sprang für Sarrazin in die Bresche und beklagte sich u.a. darüber, dass er es doch „tischfeiner“ hätte sagen können. Er warnte nicht vor langer Zeit, sondern 2005 vor Zuwanderung. Zuvor nannte er die Einwanderungspolitik in den sechziger Jahren einen Fehler. Eine Multikulturelle Gesellschaft, so Schmidt 2004 in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt, sei mit der Demokratie nur schwer zu vereinbaren. Die Ablehnung der Zuwanderung könnte gar als roter Faden bezeichnet werden. So finden sich immer wieder gleich klingende Zitate bei Schmidt. So zum Beispiel auch 1992 in der Frankfurter Rundschau:

„Die Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft in der Lage sein müsste, sich als multikulturelle Gesellschaft zu etablieren, mit möglichst vielen kulturellen Gruppen, halte ich für abwegig. Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen.“

Zuletzt bestärkte er diese Einstellung 2014 im Gespräch mit der Zeit:

„Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen.“

Vielleicht erklärt sich Schmidts Beliebtheit auch gerade durch solche Zitate und manche nahmen es ihm gar übel, als er sich dann doch gegen PEGIDA & Co. positionierte und nannten ihn gar „Altbundeskalif“.

Trotz allerlei Anfeindungen mit u.a. Franz Josef-Strauß war Schmidt keineswegs unbeliebt bei den Konservativen. Und vielleicht lässt sich Erika Steinbachs Tweet ja auch genau so lesen. Nicht zynisch, nicht anklagend, nicht vernunglimpfend und auch nicht kritisch, sondern tatsächlich lediglich anerkennend. Unvorstellbar scheint es nicht.

Doch wann ist der Zeitpunkt um sich kritisch mit Helmut Schmidt und seinem Leben auseinanderzusetzen? Jetzt, wo so viele positive Nachrufe gedruckt werden? Wo die Verklärung beginnt und jeder ein Tränchen verdrücken mag? Niemand will anderen Trauer streitig machen. Wer kann schon nachvollziehen was sie mit Schmidt verbinden?

Dennoch: Der Zeitpunkt sollte genau jetzt sein! Spätestens jetzt sollten wir über seine Rolle bei der systematischen Observation von Homosexuellen zu seiner Zeit als Hamburger Innensenator reden, seine Einstellung zur Abschaffung des Paragraphen 175 (hier oder hier) oder über seine Zeit im „Dritten Reich“. Über Rasterfahndung und seine Positionen zu den protestierenden Studenten zwischen 1967 und 1972.

Natürlich: Von 1967 bis 1982 war Schmidt in der Bundesregierung. Acht Jahre davon als Kanzler. Danach (ab 1983) bestimmte er als Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit auch politische Debatten. Es lässt sich nicht abstreiten, dass Schmidt Deutschland prägte. Doch dies sollte vielmehr Grund für eine kritische Auseinandersetzung als Hindernis sein. Genau so wie sein Tod ein Grund dafür sein sollte!

(Bild via Wikicommons / Bundesarchiv, B 145 Bild-F062763-0002 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0)

    14 Kommentare:

  • René schreibt am 10. November 2015 um 21:24

    Man kann die kritische Auseinandersetzung aber auch einfach mal um einen Tag nach dem Tod verschieben. Aber was wären wir Linke ohne Wadenbeißer-Reflex, nicht wahr?

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 10. November 2015 um 21:51

    @René Ich will ja nicht an sein Erbe ;)

  • rktic schreibt am 10. November 2015 um 23:14

    Ich verstehe deinen Artikel nicht! Weder Fisch noch Fleisch und fängt beim Konjunktiv in der Überschrift an. Für mich ist das ein klickträchtiger Versuch der Polarisation. Und das finde ich am Todestag in der Tat extrem unpassend. Üb halt Kritik, oder lass es sein.

  • Ulli schreibt am 10. November 2015 um 23:26

    Danke. Auch dafür, dass Schmidts Rolle bei der Bespitzelung Homosexueller und dem Anlegen / Pflegen von ‚Rosa Listen‘ nicht ‚unter den Tisch fällt‘
    Selbige wurde erst 1980 aufgedeckt und eingestanden:
    https://www.2mecs.de/wp/2012/12/hamburg-spiegel-affaere-1980-polizei-ueberwachung-homosexuelle-klappen/

  • hans schreibt am 10. November 2015 um 23:57

    Mit welchen Teilen deines aufrechten und selbstgerechten Lebens sollen wir uns dann an deinem Todestag kritisch auseinandersetzen, René?

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 11. November 2015 um 00:10

    @rktic Da es Dir so wichtig scheint hier also die Antwort, die ich Dir auf Facebook bzgl. mehrere Comments schickte nochmal:

    Danke für Deine Kritik. Warum gerade dieser Zeitpunkt gewählt ist, steht im Post. Ob da jetzt wie von einigen geforderten 1-2 Tage irgendwas geändert hätten wage ich zu beweifeln. Vermutlich hätte es dann geheißen: „Er ist doch noch nichtmal beerdigt. Wie pietätslos.“ Tatsächlich ist mir Frömmigkeit im religiösen Sinne nicht wichtig, daher muss ich mir diesen Schuh wohl anziehen.

    Die Motivation ist allerdings nicht Klicks zu generieren, sondern gerade die „neutrale Anteilnahme“. Wie auch im Post erwähnt überrascht mich diese. Vor allem, weil Schmidt imho eine streitbare Figur ist. Die Streitbarkeit habe ich versucht mit mehreren Zitaten zu seiner Position zu Zuwanderung zu belegen. Desweiteren verwies ich auf weitere Punkte („Rosa Listen“, Soldatenzeit im dritten Reich, 68er etc.) und verlinkte dazu teilweise auch mehrere Quellen zum Weiterlesen. Polarisierend ist dies durchaus, weil offensichtlich viele eine viel höhere Meinung zum Altkanzler Schmidt haben als ich.

    Natürlich hätte ich jetzt noch tiefer gehen können, auch da hast Du Recht. In seiner Kanzlerzeit wurden allerlei Law & Order Sachen durchgedrückt und auf die Rechtsstaatlichkeit gepfiffen. So sagte Schmidt in Bezug auf Mogadischu selbst: „Ich kann nur nachträglich den deutschen Juristen danken, dass sie das alles nicht verfassungsrechtlich untersucht haben.“

    Warum habe ich das ausgespaart? Weil ich denke, dass andere (z.B. Historiker*innen, Politikwissenschaftler*innen, etc.) sich viel genauer und deutlicher damit (und zeitlich intensiver) auseinandersetzen können. Daher auch der Konjunktiv in der Überschrift, weil ich mir durchaus bewusst bin, dass diese Kritik noch viel härter und tiefer gehen könnte!

    Warum habe ich dann dennoch geschrieben? Weil sie sich damit auseinandersetzen sollten! Und nicht nur sie, sondern jede*r der ein „neutrales“ RIP in die Öffentlichkeit postet. Ich bin überzeugt, dass einige der Positiionen Schmidts, die ich im Post aufzeige, für viele nicht nur „neu“ sind, sondern sie vermutlich auch nicht dem Bild entsprechen welches sie selbst von Schmidt haben. Ich fordere also eine kritische Auseinandersetzung, d.h. nicht, dass ich diese selbst bis ins Detail durchführe(n muss). Ich biete lediglich diverse Ansätze, damit Du selbst Dir eine eigene Meinung dazu bilden kannst.

    Genau deswegen wollte ich auch nicht verschweigen, dass sich Schmidt trotz allem u.a. gegen PEGIDA positionierte. Vielleicht mag dies Dir als „ambivalent“ oder „weder Fisch noch Fleisch“ vorkommen. Ich fände dies allerdings pietätslos (jetzt also doch ;) ) es zu verschweigen nur weil es mir nicht ins Bild passen würde.

  • René schreibt am 11. November 2015 um 02:23

    @hans Bleibt Dir überlassen, kennst mein Leben ja scheinbar so gut, um Dir ein Urteil erlauben zu können.

  • classless Kulla schreibt am 11. November 2015 um 10:12

    Das ist nicht unbedingt der beste Link zu Schmidts „Zeit im ‚Dritten Reich'“, wie du das auch recht lapidar betitelst: „An der Front war der Luftwaffenmann nur kurz: fünf Monate 1941 vor Leningrad und Moskau und schließlich ab Januar 1945 im Westen.“ Er war also (nicht als Jugendlicher sondern als Erwachsener) fast ein halbes Jahr lang am Überfall auf die Sowjetunion beteiligt sowie an der mörderischen Blockade von Leningrad, und wurde für seine Leistungen mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Später hat er, soweit ich weiß, diese Beteiligung am Vernichtungskrieg heruntergespielt und die militärische Pflichterfüllung in den Mittelpunkt gerückt.

  • Kai schreibt am 11. November 2015 um 10:34

    http://www.taz.de/Nachruf-auf-Helmut-Schmidt/!5250053/

  • Eike Pulpanek schreibt am 11. November 2015 um 19:32

    Es ist wichtig, dass dieser merkwürdigen ‚Heiligsprechung‘ etwas entgegengesetzt wird. Wir müssen über Pietät wohl nicht sprechen. ‚Um die Stärke des deutschen Staates als Gewaltmonopol – ohnr Rücksicht auf Pietät oder Menschenleben ganz klar zu machen, hat er das Leben vieler Geiseln in Mogadischu und auch eines Angehörigen seiner eigenen Kaste billigend in Kauf genommen. Nato-Doppelbeschluss, autoritäre Befehls- und Gehorsamstrukur, und dem entsprechend ein ungebrochener Militarismus, waren seine Markenzeichen, das sollte alles im Rauch einer Kette von Reyno-Zigaretten nicht untergehen!! Viele junge Leute wissen das nicht und sehen nur einen ‚irgendwie guten Typ‘ in ihm!!

  • gh schreibt am 11. November 2015 um 22:48

    Oh … nun ja … die kritische Auseinandersetzung wird also angeregt, nachdem deren Bezugsperson verstorben ist.
    Wir sollen also nun endlich mal über ihn reden nachdem er mit uns nicht mehr diskutieren kann. Was jahrzehntelang möglich gewesen wäre. Diese nachträgliche Art der Auseinandersetzung hätte einen Beigeschmack.
    Aber vielleicht bin ich ungerecht, und der Autor hat sich zu Lebzeiten bereits mit Herrn Schmidt direkt und mit offenem Visier gezofft. Oder es versucht und ist abgebügelt worden. Oder hat andere aufgefordert, es zu versuchen, nachdem er in seinen Bemühungen gescheitert war.
    Anderenfalls wäre das statement des Artikels billig.

  • Tom schreibt am 12. November 2015 um 11:50

    Ob formal treffend oder unangebracht, fehlt mir hier die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Dargestellten. Dass der Helmut Schmidt nach seinem Tod trotz seiner politischen, mitunter antidemokratischen Haltung während seiner Zeit als Kanzler und seinen verbalen Entgleisungen als Gastredner in aktuellerer Zeit (ich erinnere nur an seine Aussage zur Menschenrechtssituation in China!) so unkritisch gewürdigt wird und das durch die gesamte Parteienlandschaft hindurch, erstaunte mich dann doch.
    Daher danke ich diesem blog für seine Denkanstöße und hoffe, dass viele Leute darauf stoßen mögen.

    @gh

  • Gast schreibt am 12. November 2015 um 19:37

    Die Erinnerung an Helmut Schmidt ist für mich wirklich wichtig. Ich bin wirklich traurig über seinen Tod (obwohl er ja nun schon wirklich alt war). Aber gerade deswegen interessieren mich auch kritische Positionen zu seinem politischen Handeln. Die Debatte über den richtigen Zeitpunkt finde ich überflüssig. Der Ton des Artikels ist doch trotzdem respektvoll. Ich bin sicher, dass es in der nächsten Zeit auch in Sendungen und Artikeln eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Positionen geben wird. Klar auch die Lobhudelei wird´s geben, aber dann soll man sich halt nicht Galileo History oder so einen Quatsch angucken.

  • Philipp schreibt am 21. September 2017 um 20:53

    Habe seine Berichte gelesen.
    Ein Mann, der glaubt, das die Unterschicht weniger bekommen müsse, damit die Wirtschaft funktioniert ist meiner MEinung nach ein Volliditot.
    Das sein rechtspopulistisches Geschwafel trotz der Überheblichkeit sich den sozialen Gepfelgenheiten anzpassen wie nicht im Fernsehen zu rauchen ernstgenommen wird ist der Witz.
    Wie Sarrazin, von anderen erwarten auf Minimalniveau zu leben und nicht einmal 30 m aufs Rauchen verzichten können zeigt, das er sich für was besseres hielt.

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