„Nie mehr Krieg“ – Wovon singt Naidoo da eigentlich?

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Nie mehr Krieg

„Nie mehr Krieg“ ist der Song, der nach dem ESC-Debakel von Naidoo erscheint. Er lässt sich mitunter als Kommentar zur Diskussion um ihn lesen und bekommt vermutlich gerade deswegen so viel Aufmerksamkeit.

Im Lied selbst beharrt Naidoo auf seinen Standpunkten und inszeniert sich gleich in den ersten Zeilen als Verfolgten, der seine Überzeugungen wie auch seinen Glauben leugnen solle, um dann mit unsäglichen Vergleichen das Ganze zu toppen. Dass Muslime „den neuen Judenstern“ tragen ist mehr als fragwürdig.
Wer diese Zeile wohlwollend interpretieren mag, wird am ehesten in der US-Politik fündig. Dort verlangte Präsidentschaftsbewerber Donald Trump tatsächlich nach den Anschlägen in Paris Muslime in einer Datenbank zu erfassen. Der Autor Shane Croucher kommentierte dies zynisch, in dem er vorschlug, Muslime doch gleich mit einem Halbmond-Annäher zu kennzeichnen.

Ob Naidoo diesen haarsträubenden (und relativierenden) Vergleich wie Croucher zynisch, angesichts von „Islamkritikern“ wie PEGIDA überhöht warnend oder gar gänzlich anders meint, muss indes offen bleiben. Vermutlich ist das aber alles nur nach dem trotzigen Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ zu verstehen, denn „wenn wir das nicht sagen dürfen,
dann läuft doch etwas schief.“ Vielleicht läuft aber auch nur im Lehrplan des Geschichtsunterrichts etwas schief, wenn solche Vergleiche getätigt werden. Denn Muslime stehen weder in Europa noch in Deutschland vor einem Genozid, wie es die Juden taten, die den Stern tragen mussten.

Endzeitliches Christentum

Besonders interessant an dem Stück ist allerdings die vermutlich unscheinbarste Passage des Liedes.

„Doch wir sind auch nur einen Hauch weit weg,
vom Himmel, er ist um die Ecke.
Ich weiß, es ist schwer zu glauben,
doch man will dir deinen Platz im Paradiese rauben.“

Naidoo könnte in seinem Christentum vor allem als Endzeitgläubiger bezeichnet werden. So sagte Naidoo dem Musikexpress 1999:

„Kein Christ darf jemals das Datum der Apokalypse, des Jüngsten Tages, ansetzen. Man hat aber entdeckt, daß das Armageddon 1992 begann. Davon bin auch ich überzeugt. Denn das war das Jahr, in dem ich erstmals in der Bibel las.“

Nun ist es so, das Armageddon mehr einen Ort als einen zeitlichen Punkt bezeichnet. Aber Naidoo weiß, die Apokalypse ist nicht aufzuhalten. In einem anderen Interview wird Naidoo bezüglich seines Endzeitglaubens noch konkreter. So war die Stelle, die er Silvester 1992 in der Bibel las nicht irgendeine:

„Ich habe dann eine Bibel entdeckt, habe einfach in ihr gelesen, wo mir der Petrusbrief ins Auge fiel, der mit den Worten ‚Durch Silvanus überbringe ich Dir diese Nachricht‘ endet. Dieser Abschnitt enthält die Offenbarung, wo geschrieben steht, dass die Sterne vom Himmel fallen werden. […] Ebenso erkannte ich meine Stadt Mannheim in der Offenbarung, die im Viereck angelegt ist und keine Straßennamen hat.“

Die Offenbarung, das Ende der Zeiten, zieht sich durch Naidoos Lyrik. So singt er mit den Söhnen Mannheims in „Armageddon“:

„Armageddon ist da.“

Endzeitgläubige sehen sich meist der alten, dem Untergang geweihten Welt nicht zugehörig und mit ihrer exklusiven und oft belächelten Erkenntnis bereits als Teil des neuen Reiches, dem tausendjährigen Reich, welches nach der Schlacht am Armageddon folgt. Dieses ist für manche Endzeitgläubige nur wenigen vorbehalten. Laut Offenbarung 7,4 nämlich nur Hundertvierundvierzigtausend Versiegelten. Das greift Naidoo ebenfalls in seinen Texten („Armageddon“) auf.

Das tausendjährige Reich ist in der christlichen Mythologie eine Zeitspanne des Friedens, verbunden mit der Erschaffung eines irdischen Paradieses. Ist dies der Himmel den Naidoo meint? Ist dies sein Paradies? Wenn Armageddon in seinen Augen bereits begonnen hat, dann könnte dies im Sinne einer eschatologischen Lehre durchaus logisch und der Himmel tatsächlich um die Ecke sein. Klingt weit hergeholt? Dann verweise ich gerne nochmal auf das Interview mit dem Musikexpress. Auf die Frage wie die Wunsch-Welt von Xavier Naidoo aussehe antwortet er:

„Wenn es danach ginge, stünden uns tausend Sommer bevor. Tausend Jahre.“

Oder wie er es in einem seiner ersten Hits, „20.000 Meilen“, formulierte:

„1000 fette Jahre stehen uns bevor“

Und auch das bekannte „Schwerter zu Pflugscharen“ ist nicht nur Zitat der Friedensinitiativen in der DDR, sondern vor allem auch ein verkürztes, endzeitliches Bibelzitat. So heißt es bei Micha 4, 1-4:

„Am Ende der Tage wird es geschehen: […] Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“

Beruht Naidoos Friedenswunsch also auf der Offenbarung? Auf jeden Fall mischt sich dieser Endzeitglaube auch mit den politischen Ansichten Naidoos, der mal Brüssel als Babylon, dann auch noch London und Paris oder es gar überall sieht, aber besonders in Amerika und Tokio.

Und die Verschwörung?

Neben dem Endzeitglauben lässt sich in „Nie wieder Krieg“ auch tatsächlich Verschwörungsglaube entdecken. Es gibt in Naidoos Text zwei Parteien. Die eine Partei ist klar, es sind die Friedenskämpfer. Die anderen sind die Gegner, und sie bleiben diffus unbenannt. Sie haben das „Schlachtfeld […] schon abgesteckt“ und verweigern Dir den Zugang zum „Paradiese“. Und sie profitieren vom Krieg, weswegen sie selbst durch einen Propagandakrieg eine Gegenöffentlichkeit inszenieren. Und natürlich verbieten sie Naidoo auch den Mund. Dass eine solche Auseinandersetzung wie hier mit dem Text möglich ist, sollte die angeblichen „Redeverbote“ eigentlich zu genüge Lügen strafen.

Doch eine Frage bleibt offen: Wer sind sie? Wer das Lied als Kommentar zum konkreten militärischen Eingreifen der BRD gegen den IS sieht, interpretiert zu kurz. Vielmehr offenbart sich in „Nie mehr Krieg“ (abermals) Naidoos biblische Vorstellung eines endzeitlichen tausendjährigen Reichs, welches sich seit Beginn seiner Karriere durch seine Texte zieht und immer wieder an aktuellen Ereignissen abgeglichen wird. Durch die Ambiguität, die vielen Prophezeiungen eigen ist, wird sich immer wieder eine reale Entsprechung finden.

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