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Der Lehrplan (1): Faust. Der Tragödie erster Teil

Von lennart • 14.02.2016

Hier kotzte Goethe, Gedenktafel in Tübingen

Die Fähigkeit zu lesen erschließt eine neue Welt. Leider schrumpfte sie bei vielen von uns mit den Jahren auf die Größe eines Kleingartens. Auslöser dieses Schwundes war oft der Widerwille, den schulische Pflichtlektüre in uns hervorrief. Doch was gab man uns damals eigentlich zu lesen? Die Kolumne „Der Lehrplan“ erinnert unter Missachtung jeglicher Interpretationsregeln an Werke aus dem Schulunterricht.

Das Blöde an Goethe sind nicht seine Werke und auch nicht der Stil, in dem sie verfasst sind. Das Blöde an Goethe (wie schön das klingt, man muss nur das „th“ weich sprechen) ist die Art, wie mit seinem Werk umgegangen wird. Der einst in Frankfurt Geborene wird nicht nur als identitätsstiftender „Dichterfürst“ eines Volkes, dem er niemals angehörte, bemüht, sondern obendrein noch als Schutzpatron einer phantasierten „deutschen Kultur“ beschworen, die bestenfalls eine bürgerliche, nie aber eine deutsche war und es auch nicht werden wird.

Besonders albern wird es, wenn „vom Volk Goethes“ geschwafelt wird, so, als würde die Einwohnerschaft der BRD, Zugezogene natürlich ausgenommen, in direkter Linie von ihm abstammen und deshalb… Was eigentlich deshalb? Seine Bildung besitzen, seine literarischen Fähigkeiten, seine fancy Frisuren? Man weiß es nicht und vermag es nicht zu wissen. Aber lesen muss man Goethe noch immer, zum Beispiel seine Tragödie „Faust“.

Diese dürfte neben der Ballade vom Erlkönig als Paradebeispiel klassischer Schullektüre der BRD gelten. Anders als die kurze Dichtung mitsamt „Nacht und Wind“ bzw. dem „Vater mit seinem Kind“ lässt sich der „Faust“ nur mühselig verballhornen. Seine Reime sind weniger griffig und die Geschichte sehr viel umfangreicher. Sie zu lesen dauert länger, für eine Parodie müsste sich Zeit und Notizblock nehmen, und das ist für etwas Schabernack doch recht viel Aufwand. Obendrein ist es ein Theaterstück, dessen Handlung nur dann erfasst werden kann, wenn man sie vorgetragen sieht, es gibt nämlich kaum Regieanweisungen.

Vermutlich ist eine bildhafte Darstellung auch die beste Hilfe, um angesichts von Knittelversen und künstlicher bzw. künstlerischer Sprache der Handlung folgen zu können. Denn selbstverständlich sprach man zu Goethes Zeiten nicht wie im Faust, spielte dieser doch im Mittelalter. Im Stück lässt der Autor diesen Folgendes sagen:

„Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.“

Allzu mysteriös ist das Faustsche Treiben dann aber doch nicht, eher mythisch. Da paktiert ein älterer, studierter Mann mit dem Teufel, weil ihm all sein Studieren nichts gebracht hat, was bei genauerer Betrachtung nicht gerade für die Schulbildung, auch nicht die höhere, spricht. Bis wir dahin kommen, gibt’s allerdings eine „Zueignung“, also Widmung und ein Vorspiel, in dem Gott und Mephisto um die Seele Faustens wetten. Ebenso wie einige schwankhafte Begebenheiten mag das manierlich ausgeführt sein, ist ansonsten aber recht altväterlich brav bis zotig.

Interessant wird es erst, als Faust eine junge Frau verführt. Im Zuge dessen werden getötet: Die Mutter der Frau, ihr Bruder, und das Kind Faustens und Margaretes (auch genannt „Gretchen“). Das ist düster, anrührend und sogar erschütternd, anders als das Zwischenspiel bei der Walpurgisnacht, einem satirischen Exkurs über Zeitgenossen und zeitgenössische Strömungen Goethes, durch die noch einmal deutlich wird: Hier wurde für das Theater geschrieben. Umso beachtlicher, wenn dabei mehr als nur ein brauchbares Bühnenstück entstand.

Kann man den „Faust“ lesen, nachdem man ihn lesen musste?

Die sicherlich antiquierte Sprache in Knittelversen und die für klassische Stücke typischen Verweise auf Mythologie können das Verständnis erschweren, sorgen aber auch für Eleganz und aus heutiger Sicht unfreiwilligen Humor.

Wer allerdings über eine gut kommentierte Ausgabe und Freude an Sagen und Moritaten (mit anderen Worten: etwas sex & viel crime) verfügt, dürfte hieran sehr viel mehr Vergnügen als zu Schulzeiten haben. Nehmt „Faust“ nicht zu ernst, sondern auf eine längere Bahnfahrt mit, ihr werdet euren Frieden mit ihm schließen.

(Image: WikiCommons, Public Domain)

Der Lehrplan von Lennart Thiem

Die Fähigkeit zu lesen erschließt eine neue Welt. Leider schrumpfte sie bei vielen von uns mit den Jahren auf die Größe eines Kleingartens. Auslöser dieses Schwundes war oft der Widerwille, den schulische Pflichtlektüre in uns hervorrief. Doch was gab man uns damals eigentlich zu lesen? Die Kolumne "Der Lehrplan" erinnert unter Missachtung jeglicher Interpretationsregeln an Werke aus dem Schulunterricht.

Lennart ist Teil der Band TWISK.



    3 Kommentare »

  • Oskar schreibt am 16. Februar 2016 um 00:26

    Das ist ein gelungener Auftakt für die Kolumne – ich bin gespannt auf die nächste Folge. Auch empfehlenswert von demselben Autoren: „Das römische Carneval“. Ist nicht nur dünner und handhabbarer als „Faust“, sondern beweist auch, warum in der bürgerlichen Bücherwand „Goethe, Johann Wolfgang“ völlig zurecht direkt neben „Goetz, Rainald“ steht. Bloß leider keine Schullektüre.

  • Lennart schreibt am 16. Februar 2016 um 09:46

    Hab vielen Dank, Oskar! Jetzt werde ich entweder übermütig oder nachlässig. Bestenfalls schaffe ich es, in Sachen Übermut ein wenig nachlässig zu werden.

  • Deborah schreibt am 16. Februar 2016 um 11:58

    Empfehlenswert zur Faustlektüre ist ein spannend geschriebener Essay von Michael Jaeger: „Global Player Faust, oder, das Verschwinden der Gegenwart“. In dieser komprimierten Version seiner Habilitationsschrift „Fausts Kolonie“ legt Jaeger lebhaft dar, wie aktuell und kontrovers dieser Text (Faust I & II) auch heutzutage ist.

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