0 Kommentare

Die Dialyse der Aufklärung (1): Distelmeyer fand’s geil

Von Markus • 16.02.2016

Jochen Distelmeyer - Songs From The Bottom

Markus schreibt in seiner Kolumne „Die Dialyse der Aufklärung“ über popkulturelle Begebenheiten. Dies ist zwar der erste Teil seiner Kolumne, aber es darf nicht unerwähnt bleiben, dass es eine sogenannte „Nullnummer“ bereits gab. So war er schon letztes Jahr für das Einhorn dort wo es weh tut. Nämlich bei Helene Fischer und was passt danach besser als Jochen Distelmeyer mit seinem Coverwerk? Here we go.

Ich stelle mir Jochen Distelmeyer als begnadeten und höchst peniblen Kofferpacker vor. Daran ist wohl auch das Video von „Tausend Tränen Tief“ schuld, aber immer wenn Jochen, der schlacksige, auf seltsame Art Weise stets jung wirkende Dandy im gut sitzenden Anzug irgendwo auftaucht – egal ob er uns aus seinem nur mäßig geliebten Roman „Otis“ vorliest, Blumfeld kurz wiedervereinigt oder wie jetzt eben Songs anderer Personen vorspielt – komme ich einfach nicht umhin, mir auszumalen, mit wie viel Genauigkeit Distelmeyer die Reisegarderobe in Koffer (ich nehme an, die Gepäckstücke sind von ausgezeichneter Qualität) komprimiert und in Hotelzimmern auspackt. Mit ebensolchem Augenmerk und derartiger Sorgfalt – dazu gleich mehr – exerzierte Distelmeyer im Wiener RadioKulturhaus anlässlich einer FM4 Radio Session nun auch Stücke rund um sein Cover-Album „Songs From The Bottom Vol. 1“. Er fand’s eigentlich ganz geil.

Der große Sendesaal ist ein gediegener Rahmen, ein wunderschöner, gerade für akustischere Anlässe wohlklingender und unter Denkmalschutz stehender Konzertsaal. Auf der Bühne, auf der auch ein ganzes Orchester Platz findet, stehen zwei akustische Gitarren, die Distelmeyer sich – wir sind wieder beim Thema – wohlüberlegt eingepackt hat – ganz ökonomisch, verschiedene Tunings fordern verschiedene Gitarren. Daneben ein Nord-Stage-Piano, auf dem er von Daniel Florey begleitet wird (der auch gelegentlich an die Gitarre wechselt).

Die Chronologie von Distelmeyer ist leicht zu umreißen: aus Pionierarbeit wurde Biedermeier wurde Solo-Karriere (immer noch Biedermeier) wurde Berufungsroman, und aus Berufungsroman beziehungsweise dessen Lesereisen entstand die Idee zu dem Ding hier. Man kann schließlich längst machen, worauf man gerade Bock hat – und Jochen hatte eben Bock auf Blues und Soul, auf Songs von Lana Del Rey und Britney, Radiohead und The Verve. Warum die Songs so wichtig sind und seine Versionen mehr als nur reine Covers, das erläutert er im Laufe des Abends mehrfach, die Ansagen bleiben allerdings kurz und knapp, das eigene Sendungsbewusstsein verhält sich diszipliniert. Von „Otis“ ist den ganzen Abend nicht die Rede.

Manche Songs funktionieren tadellos: Roddy Frames „On The Avenue“ beispielsweise, eins der zwei Stücke, die er an diesem Abend zwei Mal spielt. „Ist ja eine Radioaufzeichnung“ meint er – und dass das noch besser geht. Dann reißt auch noch eine Saite und bringt die Dramaturgie durcheinander. Ansonsten ist Distelmeyer recht zufrieden – mit sich selbst vor allem, aber auch dem aufmerksamen Publikum. „Applaudiert doch bitte nochmal“, appelliert er mehrmals bei kurzen Stimmpausen. Soll ja gut klingen im Radio. Der Sendesaal leistet freundlich Folge, die Songwiederholungen werden gelassen genommen. Beim zweiten Mal passt’s dann. „Schick“, meint er. Und später „Ihr seid toll“. Da gibt es das erste mal zaghafte Widerrede aus dem Publikum „Du auch“. „Nein, ihr müsst lernen, das auch mal anzunehmen. Ihr seid toll“, wiederholt er uns wohlgesonnen. Das Programm des Abends ist auch manchmal toll – und durchwachsen: von Sachen, die wirklich gut funktionieren (beispielsweise „Toxic“ von Britney Spears“, „This Old Road“ von Kris Kristofferson“, „Pyramid Song“ von Radiohead) über Lauwarmitäten („Video Games“ von Lana Del Rey) bis hin zu eher Überflüssigem („Bittersweet Symphony“ von The Verve) führt uns der Crooner Distelmeyer, das meiste geht runter wie Öl, schmeichelt, umgarnt.

Die einzig mögliche Steigerung in puncto Knuffigkeit wäre jetzt wohl nur noch der Golden-Girls-Song „Thank You For Being A Friend“ oder die Alf-Titelmelodie, denke ich mir, als Distelmeyer gegen Ende des Sets Al Greens „I’m So In Love With You“ singt. Er bedankt sich freundlich, aber mit Schluss ist noch nichts. Kurze Pause, dann gibt’s noch ein bisschen was abseits der Cover-Songs, kündigt er an. Er hat in seinen Koffer also noch ein paar Blumfeld-Stücke gepackt, ebenfalls im reduzierten Duo-Sound: „Tausend Tränen Tief“, „Kommst Du Mit In Den Alltag“ (mit kurzem Bob-Dylan-Intermezzo), „Wir Sind Frei“ und sein Solo-Stück „Murmel“. Könnt ihr noch, fragt er – ja, sie können noch. Aber ein wenig Überlänge hat das Ganze am Ende dennoch.

Am Ende gibt’s noch eine Hommage an The Beatles– und die vielleicht netteste Ansage des Abends: Distelmeyer bezeichnet Paul McCartney als „alleinigen Mozart unserer Zeit, der sich neben seinen Kernkompetenzen vor allem durch seine Treue und Warmherzigkeit auszeichnet“. Dann beschließt er mit dem Stück „Free As A Bird (ein Solo-Demo von Lennon, das die Beatles 1995 als Single veröffentlichten) den Abend, eine interessante Wahl und ein würdiger Abschluss.

In Wien zu sein sei wie nach Hause kommen, sagt er im Laufe des Abends – das sagen viele Musiker, wenn sie in Städte kommen. Aber bei dem Ambiente und dem aufmerksamen Publikum lassen wir’s ihm mal durchgehen, dem smoothen Jochen. Auch wenn er in Gedanken wahrscheinlich wieder beim Koffer packen ist. Ich bin mir sicher, Jochen Distelmeyer ist ein begnadeter Kofferpacker.

Markus Brandstetter

Die Dialyse der Aufklärung von Markus Brandstetter

Popkulturelle Begebenheiten zwischen Limbus, Utopia und Xanadu. Die Kolumne „Die Dialyse der Aufklärung“ geht dorthin, wo es dampft. Oder schön ist. Und manchmal auch weh tut.
Markus schreibt auch gerne für andere Sachen und macht auch Musik.



Dein Kommentar:

Kommentarfeed zu diesem Artikel via RSS abonnieren.


Hinweis: Kommentare werden moderiert. Sie können auch ohne Angaben von Gründen gelöscht werden. Wenn Du denkst dies sei Zensur, dann schlag bitte nach was Zensur ist. Wenn Du das dennoch unfair findest - Dafür gibt es Taschentücher (nicht von mir). Mein Blog, meine Regeln. Booyah!

Aktuelle Posts

Prokrastination des Tages: Pixelsynth

Oliva Jack hat einen Synth geschrieben (hier der Code auf GitHub) der Bilder in Sound umsetzen kann. Natürlich kannst Du dort Fotos hochladen, aber mit einfachen Zeichnungen und geometrischen...

Eine Katze guckt einen Horrorfilm

Nur eine Katze die das Ende von Hitchcocks Psycho schaut. Wie hätte sie erst bei Die Vögel reagiert?! (via rene)

Empires Of The Deep – Ein gescheitertes 130 Mio Dollar Epos

Sehr langer – aber lesenswerter – Artikel über den Film „Empires of the Deep“, der seit Jahren rumgeistert, mehrere Regisseure verschliss und vielleicht der teuerste und...

Punkas

Jesus ist tot Punkas nicht (via ronny / von Teddy)