Operation Naked – Verdammte U-Bahn!

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Operation Naked

Michael Seemann, auch bekant als mspr0, schreibt für das Kotzende Einhorn über Operation Naked, dem Filmdebüt von Mario Sixtus. Operation Naked ist bereits jetzt in der ZDF-Mediathek zu sehen und läuft am Montag, den 22.02., um 23:55 im ZDF.

Ich gebe zu, ich hatte etwas Angst vor dem Film. Aus dem Trailer wusste ich, dass es im Grunde um eine fiktive Aufarbeitung der Post-Privacy vs. Datenschutz Diskussion geht. Ich war teil dieser Debatte, die in Netz- und anderen interessierten Kreisen vor allem 2010 bis 2012 geführt wurde.

Ich hatte Angst vor dem Film, weil ich wusste, wie schwierig und komplex die Materie ist, wie schnell man auf einfache Wahrheiten und groteske Positionen verfallen kann und zwar auf beiden Seiten. Die größte Angst hatte ich übrigens nicht davor, dass der Film sich einer Post-Privacy-Position zu kritisch entgegengestellt wird (das ist im Grunde der Standard auf dem die Debatte operierte), sondern dass der Post-Privacy Standpunkt zu unkritisch abgefeiert werden würde. Ganz ehrlich, eine heile-heile Post-Privacy-Utopie wäre mir mehr als unangenehm gewesen.

Vorweg: Meine Sorgen waren aber unbegründet. Der Stoff ist bei Mario Sixtus in guten Händen.

Aber zunächst kurz zur Handlung.

Eine Unternehmerin entwickelt eine an Google Glass angelehnte Datenbrille, die eine eingebaute automatische Gesichtserkennung eingebaut hat und zu den Gesichert auch noch im Hintergrund Daten und Analysen über die Person zusammensucht. Die Daten werden dann „augmented“ über den Köpfen der jeweiligen Leute eingeblendet. So weit, so straight forward.

Vor dem Hintergrund dieses extremen Post-Privacy-Sznenarios entwickelt sich nun ein medialer und gesellschaftlicher Diskurs, der von anfänglicher Euphorie (Tolles Produkt!), über Ängste (Hilfe, unsere Privatsphäre!) und utopischen Visionen (Privatsphäre muss überwunden werden!) in einen quasi Kulturkampf ausartet. Eine Besonderheit des Films: die Debatte wird fast ausschließlich in Studios echter ZDF-Sendungen mit den Originalmoderator/innen gezeigt.
Datenschützer/innen, Hackerkollektive und Post-Privacyaktivist/innen bieten sich von nun an in Talkshows, Interviews und Nachrichtensendungen ein Wortgefecht, dass alle Aspekte einer Debatte abdeckt.

Mario Sixtus, das merkt man dem Film schon an, hat eine Sympathie gegenüber der Post-Privacy-Position. Er hat aber auch das zugehörige kritische Verständnis und einen tiefen Einblick in den Diskurs. Und so wirkt das gezeigte ausgewogen und ironisch zurückgelehnt, aber niemals harmlos und verniedlichend. Wenn die Brille im Einsatz gezeigt wird, dann geht es zur Sache. Zu einer vorbeigehenden Passantin werden ihre Sexpartner angezeigt, zu einem diskutierenden Pärchen ihre Trennungswahrscheinlichkeit und bei einem Mann sogar, dass er nur noch zwei Monate zu leben hat. Als das Gerät in einer Fernsehsendung live vorgeführt wird, identifiziert die Brille einen Mann, während er in eine Schwulenbar geht.
Zack, er ist in aller Fernsehöffentlichkeit geoutet. Verharmlost wird hier nichts.

Hier schließen auch die Diskursiven Fragen an: Was macht es mit einer Gesellschaft, die alle Informationen über jeden hat? Wird Post-Privacy die Welt zu einer toleranten und sichereren Gesellschaft machen, oder wird es eine unlebenswerte Dystopie einer totalitären Kontrollgesellschaft? Der Film verbleibt hier erfrischend dialektisch. Die Brille wird erst gelobt und gehyped, dann verfehmt und verboten, dann von Enthusiasten open source veröffentlicht. Am Ende einigt man sich für eine Aufhebung des Verbots und einer Maßnahme, wie sich Bürger/innen vor dem Identifiziertwerden schützen können. Tragen Passanten einen speziellen QR-Code auf der Stirn, werden sie ausgeblurred, wie die verpixelten Häuser auf StreetView. Der Film nimmt beide Positionen aufs Korn und nimmt sie aber auch gleichzeitig ernst. Keiner Seite aber wird recht gegeben.

Vor allem am Schluss des Films wird das klar. Man sieht den versehentlich als homosexuell geouteten Mann nun mit eigener Datenbrille aus dem Haus gehen. Er sieht tatsächlich bei jedem Passanten die pikanten Details seines oder ihres Privatlebens. Als er den U-Bahnschacht betritt, stellt sich ihm ein Berliner entgegen. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, denn er trägt den Privacy-QR-Code auf der Stirn. Der Mann sagt: „Ich weiß, wer du bist. Du bist der nackte Schwule aus dem Fernsehen! “ und schlägt zu.

Hier wird klar, dass die totale gesellschaftliche Toleranz eben nicht eingetreten ist. Es wird auch klar, dass sich hinter den Anonymisierungsverfahren gerne mal Arschlöcher verstecken. Ohne das Privacy-Addon, wäre man dem Schwulenhasser Habhaft geworden. Ohne die Datenbrille wäre der Schwule erst gar nicht geoutet worden. Und ohne Bahnsteig wären die beiden sich gar nicht begegnet. Verdammte U-Bahn!

Die Welt ist keine bessere geworden. Sie ist aber ebensowenig untergegangen. Es ist wie Harald Lesch im Film sagt: die Menschen sind mächtiger geworden. Sie wurden zu Superhelden oder eben zu Superschurken. Aber sie haben sich genau so schnell dran gewöhnt, wie an Wikipedia und an Google.

Sendetermine von „Operation Naked“:
ZDF: 22.02.2016, 23.55 Uhr
ZDFkultur: 26.02.2016, 20:15 Uhr
ZDFinfo: 02.03.2016, 03:30 Uhr
ZDFinfo: 02.03.2016, 12:45 Uhr

    Ein Kommentar:

  • Rinko schreibt am 20. Februar 2016 um 16:50

    Danke – der Film ist sehr gut gemacht. Schade nur, dass er irgendwie zu spät und zu früh kommt; zu spät, als der erste Hype um diese Fragen war, als die Google glass Technologie, die hierfür paradigmatisch steht, vorgestellt wurde, das hat sich ziemlich gelegt (gefühlt schon eine Ewigkeit her), und zu früh, als die Fragen noch bevorstehen, da sowas wie Google glass ja noch kein Massenmarktartikel ist.

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