Der Lehrplan (2): Aus dem Leben eines Taugenichts

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Wie lang das alles her ist! Damals spannte man wirkliche Pferde vor wirkliche Postkutschen, die in einigen Gegenden an wirklichen Postmeilensäulen vorbeifuhren. Zum Beispiel im damaligen Kurfürstentum Sachsen.

Nicht ganz ebenda (der jetzige Freistaat und das Kurfürstentum sind mitnichten dasselbe) erfreuen sich Nachbildungen solcher Säulen bei vielen Einwohnern großer Beliebtheit. Deren Verhalten in letzter Zeit lässt vermuten, es könnte mehr als nur die romantische Liebe zum „historischen“ Kitsch dahinter stecken. Es scheint ihnen nicht nur darum zu gehen, an gewesene „große Zeiten“ zu erinnern, sie wollen wieder in ihnen leben. Nicht unbedingt im Kurfürstentum, eher in einer einfachen Welt, die es wenn, dann nur in der Vergangenheit gegeben haben könnte, als man „deutsch“ nur per Geburt auf dem richtigen Boden mit dem rechten Blut werden durfte. Diese Vergangenheit mögen offenbar zu viele Sachsen mindestens so gern wie das Elbsandsteingebirge, Eierschecke und den Holzmichel.

Wer solchen wirren Geistern (z.B. aufgrund eigener Wirrheit) mit Nachsicht begegnen möchte, könnte auf die Romantiker verweisen. Sicher, auch den meisten romantischen Dichtern war aggressive Deutschtümelei nicht fremd, viele von ihnen kämpften in den sogenannten „Befreiungskriegen“ gegen Napoleon. Die gesamte literarische Strömung deshalb jedoch mit heutigen völkischen Nationalisten gleichzusetzen wäre ungerecht. Zwar brachte sie rassistische Hetzer wie Arndt („Ich will den Haß, festen und bleibenden Haß der Teutschen gegen die Franzosen und ihr Wesen, weil mir die jämmerliche Äfferei und Zwitterei mißfällt, wodurch unsere Herrlichkeit entartet und verstümpert […] ward; Ich will den Haß, brennenden und blutigen Haß.“, zitiert nach Zeit.de) und Militaristen wie Körner („Nur in dem Opfertod reift uns das Glück.“, aus „Leier und Schwert„) hervor, aber auch die düsteren Phantasien eines E.TA. Hoffmann und die schwärmerische Gleichsetzung von vermeintlicher Natur und Gott, siehe „Aus dem Leben eines Taugenichts“.

Veröffentlicht wurde die Novelle des preußischen Offizierssohn Joseph von Eichendorff erstmalig 1826. Selbsternannten Sprößlingen ehrwürdiger Dichter und Denker dürfte die Kombination aus preußischem Autor, hohem Alter und deutscher Sprache bei mangelnder historischer Bildung ausreichen, um den „Taugenichts“ ungelesen für ihr dunkeldeutsches Abendland zu vereinnahmen, und das zu Unrecht.

Der titelgebende Schlendrian wird in Eichendorffs Geschichte nämlich von einem seiner Faulheit überdrüssigen Vater, einem emsigen Müller, in die Welt geschickt. Gänzlich unverzagt überquert der Held ohne Not, aber mit Geige einige Grenzen und fällt schon bald einem steten Fiedeln und Singen anheim. Immer neue Anlässe dafür bieten Liebe, Vögel, Einsamkeit, Wald, Nacht, Räuber, alte Gemäuer, Italien, Wein, und wieder Liebe und Vögel und Blumen und Welt und ach!, es mag einem darob fast das Herz in der Brust zerspringen, so tief empfunden ist das alles.
Und immerzu passiert etwas, der Protagonist braucht nichts zu wollen, er muss nur drollig aufspielen und Blumensträuße binden. Die Kutschen und Pferde kommen von selbst, auch holde Mädchen, edle Frauen, lustige Gesellen und Blumen und Vögel immerzu… Der oftmals neckische Unterton, mit dem eine farbenfrohe Episode nach der anderen ohne Pause erzählt wird, lässt vermuten, dass es selbst dem Autor hin und wieder etwas zu viel wurde. Eichendorff wird wohl gewusst haben, dass er hier eher märchenhaft konstruiert als glaubhaft erzählt. Ironie ist ihm nicht fremd, dient aber vor allem als Schmuck, nicht zur Entschuldigung.

Kann man den „Taugenichts“ lesen, nachdem man ihn lesen musste?

Gewiss. Die schönste Stelle der Novelle kommt gleich zu Beginn, als der „Taugenichts“ sein freies Wanderleben wohlgemut beginnt. Wir werden daran erinnert, dass Müßiggang uns die Welt entdecken lässt und viel mehr als zweckgebundene Erholung von Lohnarbeit ist, nämlich Lebenskunst. Und die befasst sich mit dem Leben selbst, nicht der Wiederherstellung der Arbeitskraft.

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