1 Kommentar

Die Dialyse der Aufklärung (2): Die Amigos sind die großartigste Band der Welt.

Von Daniel • 25.03.2016

Die Discographie der Amigos

Markus geht für die Dialyse der Aufklärung dort hin wo es weht tut. Mit einem Streaming-Account und dem Auftrag eines sadistischen Einhorn-Redakteurs kann das aber auch daheim sein.

Wie die meisten anderen auch, kenne ich die Amigos eigentlich nur aus Fernsehwerbungen. Ich weiß, dass sie furchtbar erfolgreich sind und wirklich sehr sympathisch aussehen. Die Amigos haben Verkaufszahlen, von denen die meisten nur träumen können. Wahrscheinlich auch, weil ein hoher Prozentsatz ihrer Zielgruppe nicht weiß, wie man Lieder aus dem Internet lädt. Sie verkaufen CDs, Tickets und Merchandise wie der Bäcker die warmen Brötchen und während wir in Unwissenheit und Ungläubigkeit ihnen gegenüber verharren, lassen es sich die beiden gerade in ihren mondänen Anwesen gut gehen, ehe sie durch ausverkaufte Hallen ziehen um ihre Oden an Freundschaft, Urlaub, Sehnsucht und Liebe zu singen. Grund genug, dass ich mir das ganze für den zweiten – oder, wenn man meine Zeit mit Helene einrechnet – dritten Teil meiner Kolumne einmal genauer anhöre. Alles, was der Streaming-Anbieter so ausspuckt an Backkatalog. Amigos von A bis Z. Ein neues Universum. Lasst die Spiele beginnen, Amigos!

„Alles Liebe, alles Gute“ ist das früheste Album aus dem Bandkanon, das auf dem Amigos-Only-Menüplan steht. Es ist 1990 erschienen, damals waren die Amigos nicht nur noch dunkelhaarig sondern auch noch zu dritt. Sie sehen blendend aus, die drei Player, wie sie da ganz jovial an der Mauer lehnen. Ich wäre gerne einer von ihnen. Wer der dritte Kollege mit dem gezwirbelten Schnauzbart am Cover ist, weiß ich nicht – aber er passt optisch fabelhaft dazu.

Die Amigos setzen auf die Textgattung des Epos und auf jede Menge Urlaubssehnsüchte. „Das Korallenriff von San Fernando“, „Carmencita von Spanien“, „Santa Barbara“ und „Liebesinsel im Meer“ sind einige der Titel auf von sanfter Synthesizer-Untermalung und sehnsüchtigen Gitarrenklängen getragenen Longplayer. „Hörst du das Meer im Wind, es rauscht ganz leise / Die Abendsonne leuchtet wie Kristall / Fischer, sie fahren aufs Meer in alter Weise, und aus der Ferne hört man den Gesang“, singen die Amigos – und ich muss der Versuchung widerstehen, sofort in ein Reisebüro zu rennen und mir einen schönen Urlaub buchen zu lassen. „Es war einmal, schon so lange ist es her / Ein Mädchen, braungebrannt, sie lebte am Schwarzen Meer“ heißt es in „Carmencita von Spanien“: ein Hoch auf die Urlaubsromanze, ein Hoch auf das gute Leben! Dass „Alles Liebe, alles Gute“ – genau wie alle anderen Longplayer aus dem Frühwerk – keinen Chartsplatz ergattern konnte, ist verblüffend.

„Schenk’ mir bitte diese Nacht“ ist der Folgelongplayer. Stand auf dem Vorgänger noch in erster Linie die nicht-platonische Liebe im Vordergrund, eröffnet das Dreiergespann das genannte Werk mit einer Ode an die Freundschaft: „Manuel und Mario, die besten Freunde von Mexico“ heißt es da mit ein wenig mexikanischem Lokal-Kolorit (Synth-Trompeten), und weiter: „Sie singen Lieder von daheim / Doch es wird nie mehr so sein“. Mindestens gleich geil sind die (natürlich ebenso synthetischen) Steel-Drums bei „Malibu“. „Es war in eine Sommernacht, am Strand von Malibu / Wir beide gingen Hand in Hand und sahen den Sternen zu“: Das ist ohne Umschweife auf den Punkt gedichtet und kommt ohne Firlefanz und unnötige Verschachtelungen aus. „Emanuela“ hat mit dem gleichnamigen Lied von Fettes Brot nichts zu tun und ist auch viel schöner als jenes der Hamburger Spaßkapelle. „Tanze mit mir und halt mich ganz fest / Wir schweben wie auf Wolken weil Musik uns träumen lässt“. Schön! Den Abschluss macht das dramatische „Unser Junge“, das von einer Familientragödie handelt. Familiendramen in sanfte Volksmusik-Schlagerkadenzen gepackt: auch eine Art der Trauerbewältigung. No disrespect tho.

Beim dritten Album „Sehnsucht In Ihrem Herzen“ sind sowohl mein Herz als auch mein Hirn bereits Matsch. Es fühlt sich an, als hätte ich Grippe und eine Überdosis Neocitran eingenommen: Die Synthesizer lullen mich ein, die Dramatik des Suchens und Nichtfindens schon beim Opener lässt mich in traumlose Apathie gleiten. „Irgendwo da oben hinter all den Fenstern lebt sie“, singen die Amigos – und ich weiß nicht, wie lange ich diesen Versuch durchhalten werde. Ich wünschte, Johnny Flash würde jetzt in mein Zimmer kommen wie im Helge-Schneider-Film „Texas“ und mir ein Lied von Roten Rosen singen. Diesen Wunsch verspüre ich wohl auch, weil das zweite Lied des Albums „Rote Rosen“ heißt. Hier bedanken sich die Amigos bei ihren Frauen: „Ich danke dir für all die schönen Jahre, die ich in Harmonie mit dir verbracht’“ und „Ich schenke dir rote Rosen / Sie sagen dir, ich hab dich lieb“. Harmonie und Sehnsucht, Bleibeparolen („Bitte geh niemals fort / Ohne dich bin ich verloren“) – und diesmal nur wenig Urlaubsgeschmack bei „In Der Lagune von Sansibar“ (bester Songtitel ever). Das erhabenste Lied ist aber „Trucker“: „Ich bin stolz darauf, nen LKW zu fahren / Ich bin stolz darauf ein Trucker zu sein / Und glaube mir, in all den Jahren wollt ich nie was anderes sein“. Trucker wird selbstreden „Dragga“ ausgesprochen. Ich verspüre nach dem Lied „Ich möcht’ so gern Dave Dudley hören“ von Truckstop. Ich werde es mir nach meinem Amigos-Intensivkurs anhören.

Auf dem Cover von „Sterne von Santa Monica“ sehen die drei erstmalig aus wie ein Volksmusiktrio in ihren roten Gilets. Der Opener „Dolomiten“ trägt dem Rechnung, von den Kadenzen her höre ich allerdings schon jetzt keinen Unterschied mehr zwischen mediterraner Schwärmerei, griechischer Sehnsucht oder Alpenländlichkeit. Es ist kein Konzeptalbum über Kalifornien, trotz dem Titel – aber es kommen dennoch wieder viele ferne Orte vor. Nur verspüre ich zu diesem Zeitpunkt keine Urlaubssehnsucht, sondern Ärger mir selber gegenüber. Nämlich den Ärger, diesen Selbstversuch eingegangen zu sein. Wieso habe ich mir das eingehandelt, dieses verdammte Einhorn, denke ich mir und schicke negative Energie gen Berlin. Die Amigos singen derweil, dass sie ganz festgehalten werden wollen. Außerdem können sie sich auch nicht entscheiden wohin sie wollen: Zuerst bejammern sie in „Dolomiten“, dass sie aus Südtirol weggehen müssen, dann wollen sie plötzlich doch nicht in die Berge sondern in die Karibik („Ich will nicht in die Berge“). Dudes, entscheidet euch doch. So macht man keine Konzeptalben. Irgendwie werde ich langsam pampig und will nicht mehr.

Ich habe Glück, „Zwischen Liebe und Wahnsinn“ ist als Album nicht verfügbar, auch „Herz an Herz“ gibt es nicht (vom gleichnamigen, später erschienenen Best-Of-Album abgesehen). Auch beim Album „Durchs Feuer“ kein Glück, das war übrigens das erste mit Chartplatzierung (über 110.000 verkaufte Exemplare). Es erschien 2006, im selben Jahr veröffentlichten die Amigos zwei weitere Werke: „Ich steh wieder auf“ und „Weihnachten daheim“. Letzteres ist verfügbar, aber zu Frühlingsbeginn ein Weihnachtsschlageralbum hören? Vielleicht sollte ich auf Kopfhörer wechseln, meine Nachbarn denken sicher, ich bin verrückt geworden. Ich kenne einige Weihnachtsalben, habe unter anderem vor einiger Zeit das Helene-Fischer-Weihnachtsalbum rezensiert. Aber das hier klingt nicht weihnachtlich, auch wenn sie „Bald kommt der Weihnachtsmann“ singen. Es ist einfach eine Schunkelorgie mit festlichen Einsprengseln zwischen Santa Claus und Christuskind in den Texten. „Weihnachten daheim“, „Am heiligen Abend“, „So Allein“, „Ding-Dong“ oder „Weihnachten am Vogelsberg“: Musikalisch macht es keinen Unterschied, ob sie jetzt über Mexico, Sexytime oder Weihnachten singen. Die Trompeten von Jericho und jene des Mariachis in Mexico, sie klingen gleich. Und sie klingen in erster Linie nach billigen Soundbänken. „Christkind kommt mit Locken“ ist zudem ein sehr komischer Satz. Draußen tobt das Leben und der Frühling. Ich möchte raus. Das Weihnachtsalbum ist aber noch nicht fertig.

Dreizehn Alben habe ich laut Wikipedia noch vor mir. Ich brauche eine Pause, frische Luft und vielleicht alten Death Metal aus Florida oder irgendwas Abstraktes, Elektronisches. Aber nein, noch eines, eines geht noch! „Der Helle Wahnsinn“, am Cover prangen die zwei so prachtvoll wir wir sie kennen. Für den Opener haben sie den Orchestral Hit für sich entdeckt – tuschtusch! Irgendwie klingt das alles sehr busy, der 2/4-Beat, diese komisch genannten itter/Gitarren/Weißderteufelwas-Linien aus der Konserve. Bei „Judas küsst noch immer“ gibt es gleich zu Beginn ein Gitarrensolo, wie es Richie Sambora nicht melodiöser gespielt hätte. Wie in vielen von Bob Dylans Stücken (Dylan ist auch so ein Amigo!) geht es um Verrat. Die Stimmen singen synchron, der Vorwurf des Verrats ist präsent, dennoch ist das Timbre tröstlich. „Weißt du Judas küsst noch immer“, singen die Amigos – und eine Planflöte, eine gottverdammte Planflöte ertönt. Biblisch warnen die Amigos: „Judas küsst noch immer / Sieh dir deine Freunde an“. Hier werden andere Töne angeschlagen. Danke für die Warnung, Amigos. „Kinderaugen“ klingt am Anfang fast eins zu eins wie die Vater-Unser-Version, die ich vom Kirchgang als Kind kenne. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen den Stücken für mich: „Sandy“ („Sandy, die Nacht gehört nur dir und mir“), „Wenn ein Engel durch die Hölle geht“ (ein titelgewordenes Ed-Hardy-Shirt), „Nachts träumt er oft von zuhause“ (wieder mit Panflöte!), „Ich hol dir vom Himmel die Sterne“ – ist das alles nicht nur das selbe Lied sondern auch noch die selbe Tonart? Trotzdem schon auch geil.

Kurz darauf bin ich sehr enttäuscht, denn das Gemeinschaftsalbum mit den Ladinern ist gerade nicht erhältlich. Dafür das ebenfalls 2008 erschienene Album „Ein Tag im Paradies“. Wieso sehen eigentlich ALLE Amigos-Albumcover wie Best-Of-Covers aus? Das sind doch eigenständige Werke! Okay, kürzen wir hier ab: „Ein Tag im Paradies“ klingt wieder mehr nach Urlaub, es geht um Schiffe und Häfen und um den Süden. So gefallen mir die Amigos am Besten, glaube ich. So urlaubsgeil und sehnsüchtig. „Zwei Herzen aus Gold“ finde ich nicht, dafür „Sehnsucht, die wie Feuer brennt“. Auch da wieder exzessiver Gebrauch von Orchestral Hits. „Ich bin der Mann, mit dem man lachen und auch weinen kann“, singen die Amigos, das klingt weniger selbstherrlich als hätte man die elektronische Singlebörsen für dich entdeckt. Wie verliebt die beiden immer sind!

Irgendwie wechselt mittlerweile nur noch die Farbe des Albumcover, alles andere bleibt gleich. „Weißt du, was du für mich bist?“ ist das lila Album der Amigos, „Mein Himmel auf Erden“ das Graue und „Bis ans Ende der Zeit“ wieder das Blaue. Auf letzterem tragen sie grandiose weiße Anzüge. Wieder möchte ich einer von ihnen sein. Ansonsten sind Grenzen längst verschwommen und mein Hirn eine neuronale Suppe, die im 2/4 Takt Prim-Terz-Quint-Kadenzen summt und irgendwo zwischen Vorhölle, Griechenland und Traualtar weilt. Und wieder mit dabei: Panflöten! Ich bin mir sicher, auch das Einhorn liebt Panflöte.

Zu diesem Zeitpunkt sind wir gerade bei 2011, bis 2016 müssen weitere sieben Longplayer vergehen. Die Typen releasen wie die Wahnsinnigen. Ich bin vielleicht auch bald wahnsinnig. Zeitsprung: Fünf Alben und gefühlte zwei unterschiedliche Songs später ist es vollbracht. Ich habe mich durch das Ouevre der Amigos gearbeitet. Ich bin mir doch nicht mehr sicher, ob die Amigos wirklich meine Clique wären und ob ich einer von ihnen sein möchte. Ich stelle es mir weniger anstrengend vor, Jeff-Hanneman-Ersatz bei Slayer zu sein – oder Zirkusartist oder Bergwerkarbeiter. Eigentlich weiß ich nicht mehr, was ich will. Ich bin durch, in allen Hinsichten.

Werde ich in absehbarer Zeit wieder ein Album der Amigos einlegen? Nein. Werde ich mich vom panflötenliebenden Kotzenden Einhorn jemals wieder überreden zu einem Schlagermarathon überreden lassen? Vielleicht. Sind mir die beiden Amigos-Kollegen mit ihrem Schlageruniversum aus Sehnsucht, Urlaub und Binsenweisheiten über die Liebe und das Leben immer noch hundertfach lieber als Andreas Bourani, Philip Poisel, Sarah Connor, Anett Louisann und Xavier Naidoo zusammen? Ganz sicher. Also dann: Auf die Amigos, die Liebe und den gepflegten Urlaub. Und jetzt Morbid Angel.

Markus Brandstetter

Die Dialyse der Aufklärung von Markus Brandstetter

Popkulturelle Begebenheiten zwischen Limbus, Utopia und Xanadu. Die Kolumne „Die Dialyse der Aufklärung“ geht dorthin, wo es dampft. Oder schön ist. Und manchmal auch weh tut.
Markus schreibt auch gerne für andere Sachen und macht auch Musik.



    Ein Kommentar »

  • Martin Däniken schreibt am 27. März 2016 um 12:03

    Ich hoffe es sind keine bleibenden Schäden/Verstümmelungen/Behinderungen geblieben?! Ansonstenbewundere ich diesen Mut sich so was anzutun.

Dein Kommentar:

Kommentarfeed zu diesem Artikel via RSS abonnieren.


Hinweis: Kommentare werden moderiert. Sie können auch ohne Angaben von Gründen gelöscht werden. Wenn Du denkst dies sei Zensur, dann schlag bitte nach was Zensur ist. Wenn Du das dennoch unfair findest - Dafür gibt es Taschentücher (nicht von mir). Mein Blog, meine Regeln. Booyah!

Aktuelle Posts

Einfach weitermachen!

(via demcker)

Museum of Obsolete Media

Es gibt einige Witze über das Speichern-Icon und dass viele wahrscheinlich gar nicht mehr eine echte Diskette kennen. Die Diskette ist allerdings nur ein Medium von vielen, die überflüssig wurden....

Nur ein furzendes Wombat, das gefüttert wird

Pete mag Mais und offensichtlich furzt er auch gerne… Happy Wombat Wednesday! Außerdem ist Pete übrigens ein Haarnasenwombat, die kommen hier ja relativ selten vor. (via bitsandpieces)

Kommt eine Buckaroo-Banzai-TV-Show?!

Ich bin riesiger Fan von Buckaroo Banzai. Einfach aus dem Grund, weil es nicht so viele Filme über Rockstars gibt, die auch noch Physiker, Neurochirurgen, Rennfahrer und Abenteurer sind. Außerdem...