Lugner for President

Die Dialyse der Aufklärung (3) Wo wir sind ist immer Lugnertatia

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Lugner for President

Markus geht für die Dialyse der Aufklärung dahin wo es weh tut. Diesmal zu Richard Lugner.

I: Richard und ich

Ich bin Richard Lugner früher regelmäßig begegnet, als ich zu Beginn meiner (vierundachtzig Semester dauernden) Studienzeit im sechzehnten Bezirk, gleich bei seinem Einkaufscenter – der Lugner City – gewohnt habe. Als oberster Repräsentant dieses Quasi-Freistaats am Rande des Wiener Gürtels stand Richard, damals bereits Mitte siebzig, sehr oft frohen Mutes in den Gängen seines Einkauftempels herum und begrüßte und verabschiedete Passanten – stets gut gelaunt und immer mit diesem Schelmengrinsen im rotfarbigen Gesicht. Meine schönste Erinnerung an die Jahre mit Richard ist, dass er mir einmal „Na, feiert’s heut noch eine Party, Burschen?“ nachgerufen hat, als ich mit einer Kiste Bier an ihm vorbeigegangen bin. Als ich mich umgedreht habe, hat er original ausgesehen wie die Kasperl-Holzpuppe, die ich noch aus dem Kinderfernsehen kenne. Ich fand das brillant. Damals hatte Richie seine erste Kandidatur als österreichischer Bundespräsident längst hinter sich, bereits in den Neunziger Jahren trat er das erste Mal an und bekam immerhin knappe zehn Prozent der Stimmen. Zu jener Zeit war er noch mit einer extrovertierten Dame namens Christina Lugner verheiratet, dem Prototyp und der Ur-Mutter der Lugner-Geliebten. Ihr Spitzname war „Mausi“ und man dachte damals, er hätte sich keine Ärgere aussuchen können. Er hat sich im Laufe der Jahre noch ganz andere Kaliber ausgesucht. Belegt ist das alles in zahlreichen Doku-Soap-Staffeln, die bis heute gedreht werden.

Viele Jahre später, heute, hat sich bei Lugner wenig geändert, es ist jetzt halt seine hundertvierundzwanzigste Ehe. Ich habe vergessen, welchen Tiernamen seine jetzige Frau trägt, weiß aber, dass sie mit Nicht-Tierspitznamen Cathy heißt und absolutes First-Lady-Material sein soll. Richard tritt erneut zur Wahl zum österreichischen Bundespräsidenten an. Seine Chancen sind gering, seine Laune ist blendend. Und weil Richard zur Wahlparty in die Lugner City lud, wo es Würstel und Getränke für einen Euro geben sollte und die große österreichische Chanteuse Jazz Gitti als Stargast dabei war, bin ich also frohen Mutes und mit einer Prise Existenzangst in die Lugner City um ein wenig in diesem Mikrokosmos von Savoir Vivre, fulminantem Frohsinn und Jazz-Gitti-Musik zu schwelgen.

Der Autor mit Jazz-Gitti

II: Intermezzo auf dem Dead Carpet

Weil aber Glamour und Red Carpets mein Leben sind, ist mir ein Event pro Woche längst nicht genug. Deshalb bin ich am Vortag auch bei den Amadeus Awards, quasi dem österreichischen Pendant zu den Echos oder, noch internationaler gedacht, den Grammy Awards. Dort gehen alle – es sei denn, sie sind selbst nominiert – in erster Linie zum Saufen und/oder zum Netzwerken hin. Die meisten Leute trifft man am Raucherbalkon und am besten gelaunt sind immer die Major-Label-Leute, die sonst am wenigsten zum Lachen haben weil sich alle Leute neuerdings immer alles aus dem Internet runterladen. Moderiert wird die Veranstaltung wieder vom Schauspieler Manuel Rubey, gemeinsam mit Arabella Kiesbauer – und das ist leider nur ganz, ganz selten lustig. Was aber nichts macht, weil auch der restliche Abend mit wenigen Ausnahmen wirklich sehr langweilig ist.

Verdientermaßen gewinnen Wanda und Bilderbuch das Meiste. Eigentlich hätten sie überhaupt alles gewinnen müssen. Auch Kategorien, in die sie gar nicht passen. Auch Kategorien, die es gar nicht gibt. Oder geben kann. Wanda machen es wie immer richtig und zeigen sich bei den Awards eher dem Image entsprechend angetrunken als beeindruckt. Überhaupt sehen die wenigsten der Musiker in den ersten Reihen so aus, als hätten sie Spaß.

Die Grand Dame aller österreichischen Grand Damen, Dagmar „Grand Dame“ Koller, überreicht den Preis für beste Künstlerin an – wen denn sonst – Conchita Wurst. Hubert von Goisern wird bester Künstler, was eigentlich dem Nino Aus Wien zugestanden wäre, der aber immerhin seinen ersten Amadeus als bester Alternative-Act bekommt, aber gar nicht da ist. Der strammwadelige steirische Volksmusikant Andreas Gabalier ist auch nicht anwesend, was aber nicht weiter schlimm ist. Einen Amadeus für den phattesten Volksmusik-Shiznit kriegt Gabalier, der Feminismus irgendwie voll bäh findet, dennoch. Hansi Hinterseer, der somit leer ausgeht, ist sicher enttäuscht und weint bitter-bärige Tränen auf seine Fell-Boots. Auch andere bekommen noch Preise bekommen und spielen live. Zöe zum Beispiel, die einen französischsprachigen Song performt, der wie „Lolita“ von Alizee klingt, dessen Namen ich vergessen habe und mit dem sie für Österreich beim Songcontest an den Start geht. Als internationalen Stargast hat man Sarah Connor eingeladen. Das sagt schon viel über die Amadeus Awards aus. Gemeinsam mit Gregor Meyle singt sie einen Song, bei dessen ersten Akkorden ich mir meinen Mantel von der Garderobe hole, mich am Raucherbalkon von ein paar Leuten verabschiede und frohen Mutes nach Hause gehe. Die Aftershowparty im Volksgarten lasse ich sausen, ich muss schließlich fit und ausgeschlafen sein für Lugner und Jazz Gitti und 1-Euro-Würstel.

III. Make Einkaufscenter great again!

Societylöwe, Baumeister, Eigenmarke, Hofnarr, Geschäftsmann: Was auch immer Richard Lugner ist, talentierter Redner ist er keiner. Die Lugner City ist gut gefüllt, und es wäre scheißegal, was auf der Bühne stattfände, die Leute wären trotzdem zum Schauen da. Heute ist es eben keine Autogrammstunde mit Lugners Opernball-Gästen oder Playback-Auftritte von irgendwelchen dubiosen Musicalstars, sondern Richies Wahlveranstaltung. Er wettert ungelenk gegen Rot und Schwarz, stottert rum, kommt trotz Ablesen nicht zum Punkt. Der Funke will nicht so richtig überspringen. Als er irgendetwas gegen den Kommunismus sagt, applaudiert ein begeisterter Kommunismus-Gegner. Der Rest wartet – auf Freibier (beziehungsweise 1-Euro-Bier), Jazz Gitti und bessere Zeiten. Lugner bringt Argumente wie (sinngemäß) „Wenn es schon demnächst einen FPÖ-Bundeskanzler geben wird, soll nicht auch der Bundespräsident ein FPÖler sein“. Das tut schon wirklich, wirklich weh. Eines seiner Lieblingsargumente: Er ist schließlich der einzige Kandidat, der schon sehr viele Steuern gezahlt hat und dem Staat nie auf der Tasche lag. Die Trump-Karte. Make Einkaufscenter great again!

Ich schätze, ich bin meiner Begleitung beim anschließenden Showcase von Jazz Gitti sehr peinlich. Denn irgendwie reisst mich diese unfassbare Tristesse, dieses beklemmende emotionale Vakuum zu wahren Begeisterungsstürmen hin. „Gebts der Gitti einen Cognac, die fällt sonst um“, sagt Lugner kurz vor dem Konzert. Für mich der größte Satz des Abends. Sie habe eh bei schon allen auf den Wahlparties gespielt, witzelt Jazz Gitti. Ihre Ansagen haben in ihrer grimmigen Lebensfreude etwas Resignatives. Sie verteilt Lebensratschläge – von der Bühne der Lugner City aus. Sie holt sich Männer auf die Bühne und schäkert mit ihnen. Sie singt „Es gibt soviele Trottel auf da Wöd“ und wackelt mit dem Popo. Am Ende singt sie ihren größten Hit, „Kränk di net“ – und ich singe lauthals mit, dieses Kleinod der Apokalypse, diese Zelebration der totalen Verdammnis, hier im Epizentrum der Hölle, der Lugner City. Am Ende verteilt Lugner noch Jacken mit der Aufschrift „Lugner for President“ an jene, die richtige Antworten auf Quizfragen rausbrüllen („Wie heißt meine Frau?“, „Wie heißt die Jazz Gitti mit echtem Namen?“). Was aus den 1-Euro-Würsteln geworden ist, weiß ich nicht, aber ich überzeuge meine Begleitung, mit mir zum Bühnenaufgang zu eilen, um Brigitte Jazz um ein gemeinsames Foto zu bitten. Ich bin stolz sagen zu können… voila!

IV. Fazit

Der Amadeus und die Wahlparty in der Lugner City hatten einiges gemeinsam: Es gab wenig Glamour, die meisten Leute waren wegen den Getränken da, so richtig großen Spaß hatten die wenigsten und es war ein Spektakel, dass man sich nicht ganz schmerzfrei anschauen konnte, aber auch nicht gänzlich wegschauen wollte. Vielleicht könnte man ja den nächsten Amadeus-Preis fürs Lebenswerk auch an Jazz Gitti überreichen. Lugner wird zu diesem Zeitpunkt wohl mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht der österreichische Bundespräsident sein (Gott sei dank!) – aber hoffentlich noch immer in seiner Lugner City stehen und mit einem schelmischen Grinsen Passanten beim Vorbeigehen begrüßen.

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