5 Dinge, die ich aus einem Nazi-Wiki gelernt habe

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Frankreich muss bis Polen reichen

Sie nennen das Internet „Weltnetz“ und die USA „VSA“. Til Schweiger ist für sie ein „Salonbolschewist“ und Tarrantinos „Inglorious Basterds“ ein „niederträchtiges antideutsches Machwerk“. Seit 2007 schreiben fleißige Nazis, Neonazis, Aluhüte und Neurechte an einem alternativen Netzlexikon und kamen bisher auf 60.000 Artikel, die gegen „die politisch korrekte Mehrheit von Schreibern“ der Wikipedia ankämpft. Denn Gechichtsschreibung erfolgt aus einer Weltanschauung heraus. Nur eben nicht die eigene. Die Autor*innen des Wikis sind die einzigen die „theoretisch unbelastet und unabhängig von einer bestimmten politischen Anschauung, die Dinge selbst in den Blick“ nehmen und dabei einen „Führer durch die Vergangenheit“ (sic!) erschaffen.

Ich habe mich auf dem Nazi-Wiki umgesehen und einige Sachen festgestellt.

1. Nazis sind detailverliebt

Zum Teufel mit den Anglizismen. Alles wird übersetzt. Das Internet ist das Weltnetz, die United States sind die Vereinigten Staaten und ihre Bewohner*innen damit VS-Amerikaner und Google ist eine Zeigemaschine, weil das Wiki selbst dort nicht stattfindet.

Und tatsächlich wird auch großdeutsch gedacht. Österreicher werden dementsprechend auch als Deutsche einverleibt. Besonders angetan war ich aber von einem kleineren Detail. So werden tatsächlich Geburts- und Todes-Runen im Wiki verwendet.

Runen

2. Freund und Feind ist gar nicht so einfach zu unterscheiden

Listen, Kategorien, Einordnungen. Bürokratie ist heute auch noch wichtig. Die größte Ehre die einem im Nazi-Wiki zuteil werden kann ist bei SHD eingeordnet zu werden. SHD steht für Selbsthassender Deutsch*er und damit wird großzügig umgegangen. Egotronics Torsun, Patrick Gensing, Anne Helm, Marlene Dietrich und Robert Stadlober reihen sich hier neben – no kidding – Til Schweiger, Gudio Knopp, Angela Merkel und Gerhard Schröder.

Auch sonst ist die Einteilung in Freund und Feind meist überraschender als gedacht. Dennis Ingo Schulz, der vermutlich den meisten Nazis selbst eher als Witzfigur dient, kommt sehr gut davon. Ebenso Akif Pirinçci der in der „theoretisch unbelasteten unabhängigen“ Geschichtsschreibung ganze Lobeshymnen ob seiner „analytischen Qualität und Genauigkeit“ zugeschrieben bekommt. Lorbeeren bekommt auch Erika Steinbach, da sie den „‚Vertreibungsholocaust‘ an den Deutschen“ nicht leugnet. Props Erika!

Doof gefunden werden dagegen Leute wie Ken Jebsen („deutschfeindlich“ und zu links), Björn Höcke (vertritt nicht die ganze „Wahrheit“TM), Horst Mahler (eigentlich ganz okay, aber zu christlich und damit irgendwie jüdisch) und Jan Fleischhauer (gibt sich nur konservativ, ist aber eigentlich links). Öhm, okay…

3. Es gibt keine deutsche Wiedervereinigung

Du kannst es Dir vielleicht denken, aber die deutsche Wiedervereinigung gibt es in diesem Wiki nicht. Dem Weltbild entsprechend ist lediglich von einer Teilvereinigung die Rede:

„Der politisch korrekte Begriff Deutsche Wiedervereinigung suggeriert fälschlicherweise, daß damit die vollständige Einheit Deutschlands hergestellt worden sei. Richtig ist hingegen, daß es sich lediglich um eine Deutsche Teilvereinigung handelt, weil insbesondere die Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße, das Sudetenland sowie die Ostmark von dem Vereinigungsprozeß ausgenommen waren.“

Da habt Ihr es, ihr „Schlafschafe“!

4. Nazis glauben nicht an die Rechtsmäßigkeit der BRD aber an deren Gesetze

Ähnlich wie Naidoo halten sie Deutschland für ein besetztes unsouveränes Land das teilweise (siehe 3.) auf dem Boden des deutschen Reiches liegt. Lediglich ein Besatzungskonstrukt, eine Fremdherrschaft oder Xenokratie. Das hindert aber keineswegs daran Disclaimer auf der Seite unterzubringen und sich von externen Inhalten zu distanzieren. Die Seite selbst ist übrigens seit 2009 indiziert. Deswegen bekommt Ihr auch keine Links von mir. Denn ein Disclaimer zu rein dokumentarischen und bibliophilen Zwecken würde da wohl auch nichts nützen.

5. Das ist nicht lustig

Klang das alles noch interessant und zum Teil amüsant. Wird es (aller)spätestens bei dem Eintrag zum Holocaust erschreckend. Dieser wird auf der Seite geleugnet und als Konstrukt einer ideologischen Umerziehung dargestellt.
Was in der Detailverliebtheit und all dem Irrsinn zuvor noch skurril anmutete, ist vermutlich der braunste Mist, den ich bisher im Internet lesen konnte.

Zusammenfassend ist diese Seite am Ende ein weiteres Beweisstück: Nazis sind nicht witzig und lernen kannst Du auch nichts von ihnen!

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