Der Lehrplan (5): Unterm Rad

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radWas für ein trauriges Buch ist Hermann Hesses „Unterm Rad“ doch! Man leidet mit. Doch wer sich in Hans Giebenrath, dem Helden des Romans, wiederzuerkennen glaubt, irrt vermutlich. Selbst, wenn sie oder er noch zur Schule geht.

Giebenrath wird zwar von seinem verwitweten Vater ebenso wie vom Pfarrer und von Lehrern zum übermäßigen Lernen angehalten. Anders als manche der heutigen SchülerInnen ahnt er jedoch nicht einmal, wie sinnlos es ist, den ehrgeizigen Vorstellungen verknöcherter Erwachsenen zu entsprechen; er ist überfordert, ohne es zu wissen. Auch nachdem er dank einer bestandenen Prüfung ein Stipendium für ein geistliches Internat erhält, für dessen Anforderungen seine Fähigkeiten nicht ausreichen, duldet er still.

Vorwürfe macht Hans auch dann niemandem, als er die Einrichtung krank und gescheitert verlassen muss. Weder klagt er seinen Vater an, der ihn lieblos aufzog und früh kindliche Spiele untersagte, noch die Lehrer des Seminars, die Persönlichkeiten lieber zerstören als entwickeln helfen. Nach der Rückkehr in die heimatliche Kleinstadt lebt Hans einsam und entfremdet in den Tag hinein, bis er eine Lehre als Schlosser beginnt und kurz darauf nach einer Saufpartie mit Kollegen verstirbt. Ob durch Selbstmord oder Unachtsamkeit, wird nicht gezeigt. Passen würde beides, und vielleicht lässt der Charakter des eher passiven Hans die Grenzen zwischen freiwilligem Sterben und dem Hinnehmen des Todes eh bis zur Einheit verschwimmen.

Kann man „Unterm Rad“ lesen, nachdem man es lesen musste?

Aber ja doch, gewiss, es ist nur so traurig. Meine Befürchtung, hier eine etwas hippiesque Verdammung einer autoritären Pädagogik, die in der BRD nur noch ohne offizielle Unterstützung praktiziert wird (Toi, toi toi!) lesen zu müssen, war unbegründet. Hans Giebenrath wurde so früh gebrochen, dass es reichte, ihn nicht wieder aufzurichten, und davon erzählt Hesse in diesem Buch. Wenn daran jemand schuld sein sollte, dann so ziemlich alle, die je mit Hans zu tun hatten. Hesse erweckt diesen Eindruck nicht durch in die Geschichte eingeschobene Erläuterungen, er erzählt sie ohne allzu deutliche Hinweise auf seine Intention.

Die Welt von „Unterm Rad“ besteht aus romantischen Örtchen und pastoralem Idyllen mit herbstlichem Mostkeltern und Spaziergängen auf Landstraßen, schmutzigen Werkstätten und dämmrigen Studierzimmern. Aus unserem Sicht wirkt sie mit ihrer klösterlichen Lehranstalt und der Verehrung humanistischer Klassiker beinahe wie Fantasy. Die Gegenwart wird dadurch ohne einen direkten Vergleich mit der Vergangenheit als eine Zukunft erkennbar, mit der vor gut hundert Jahren nun wirklich niemand rechnen konnte.
Angenehm ist dabei, dass man sich ein Leben wie das der Personen in „Unterm Rad“ kaum wünschen würde. Ihre gewesene Gesellschaft, in der Kinder autoritär zugerichtet werden und die Schule „den natürlichen Menschen zerbrechen, besiegen und gewaltsam einschränken“ soll, wie eine Gestalt des Buches keinesfalls kritisch äußert, wird durch ein wenig mehr „bodenständiges“ Leben als gegenwärtig keineswegs besser. „Natürlichkeit“ ist auch nur ein Klischee, ebenso wie das Ideal einer „Selbstverwirklichung“, das erkennbar äußere Autoritäten wie in „Unterm Rad“ abgelöst hat und nicht mehr als Selbstkontrolle meint.

Anders als viele von uns ist Hans Giebenrath ein Charakter, der scheitert, weil er sich nicht in eine falsche Gesellschaft eingliedern lassen kann. Er widersetzt sich ihr nicht, weil ihm die Kraft dazu fehlt und vermag sich deshalb nicht vor ihr retten. Auch die ihm nahestehenden Menschen konnten oder wollten ihn nicht vor dem Untergang bewahren. Sie alle und Hans leben in einer Gesellschaft, in der Menschen Schwächen zum Verhängnis werden, die es unter anderen Bedingungen nicht geben würde. Seine Kapitulation stellt ihre Grausamkeit wirksamer bloß als jede Anklage, weshalb sich als Begleitung zur Lektüre der traurigen, doch nicht melancholischen und dennoch schönen Erzählung ein wenig Tocotronic empfiehlt:

Tocotronic – Kapitulation from Rock-O-Tronic records on Vimeo.

    Ein Kommentar:

  • Sirko schreibt am 4. Juli 2016 um 08:52

    Zumeist unbekannt: Herrman Hesse war selbst von ADHS betroffen, unter diesem Gesichtspunkt kann man seine Charaktere ganz neu begreifen.

    Therapeuten bleibt die Stoerung oft verborgen, Biografen nie.

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