Politischer Clickbait – AfD & Co. dick in den Medien und nun?

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AfD - Alternative für Deutschland

Es ist eine Krux, dieser Post natürlich auch wieder. Doch im Zusammenhang mit Gauland und Boateng kommt eine imho längst überfällige Meinung auf. Manche sinnieren noch ob soziale Medien nicht für Hetze und Stimmung(smache) verantwortlich seien. Seiten wie DIE WELT veröffentlichen alleine am 29.5. zehn Artikel zur AfD. Im Vergleich dazu kommt Die Linke, die am selbigen Wochenende nicht nur Parteitag, sondern auch Tortenwurf hatte, auf gerade mal zwei Artikel am 29.5.:

Parteien in der Berichterstattung der WELT

Und auch ich selbst recherchiere derweil im Hintergrund an einem vermutlich wieder nie erscheinenden Post über die doch sehr „seltsam“ anmutenden Ansichten des fleißigen Autoren und AfD-Politikers Wolfgang Gedeon.

Christian Ditsch formuliert es auf Prinzessinnenreporter so:

„Manchmal habe ich den Eindruck, als ob es ein Wettrennen unter euch medialen Kolleg*innen gäbe, wer jetzt grade den tollsten, rassistischen O-Ton von einem der von euch so Hofierten in den Medienwald werfen kann. Da kommt dann auf die Frühkonferenz der Journalist / die Journalistin und wedelt mit dem Interview, der Videokassette, dem Tonband und ist freudig erregt, über den rassistischen Mist, der (von den Interviewten wohlkalkuliert!) ins Mikrofon diktiert wurde – „Das hat noch kein Anderer!“ Und im Wettlauf um den Preis der tollsten Schlagzeile muss der Mist dann tatsächlich auch noch veröffentlicht werden. Merkt ihr eigentlich, dass ihr nichts weiter als ein Vehikel für den Rassismus seid, der da via Medien verbreitet werden soll?“

Auch Linus Volkmann schreibt bei Kaput über das politische Clickbaiting:

„So bestimmt dieser Random-Dreck aus den Hinterzimmern von AfD und Freunden weiter die Headlines – digital wie Print. So wird Stammtisch-Rassismus um vermeintlich ‚undeutsche‘ Kindergesichter auf Schokolade zum Top-Thema, während sich die Räumung des Lagers von Idomeni auf die hinteren Ränge der News-Wichtigkeiten verbannt sieht. Empörung selbst scheint längst wichtiger geworden zu sein als ihr jeweiliger Auslöser. Preaching to the converted als latent zynisches Popcorn-Event, das Trottelmaschinen wie die AfD nur weiter populär macht.“

Und ich fühle mich dabei wieder an Wiglaf Droste erinnert, aber auch an diverse ältere Posts von mir, die unterstellen, dass auch die redaktionelle Auswahl von politischen Themen längst durch PIs und damit verbundene Ad-Impressions und Vermarktbarkeit bestimmt wird. In diesem Kontext:

Politischer Clickbait – Das Entstehen einer politischen Meinung
Politischer Clickbait – Wie einfach es ist mit Parolen in den Medien zu landen

Und woher kommt das alles? Schon 2014 schrieb ich, dass wir all diesen Ansichten und Leuten ein Forum boten. Damit verschiebt sich die Grenze des „Das darf man wohl doch noch sagen“ genau so wie das demokratischere „Darüber müssen wir uns mal beide Meinungen anhören und abwägen“. Jede Medienlandschaft bekommt die Geister, die sie verdient, weil sie sie gerufen haben.

(Das Diagramm oben ist nicht stellvertretend zu verstehen, da lediglich ein einziger Tag auf einer einzigen Seite ausgewertet wurde. Wer Bock hat kann das aber gerne mal für ein ganzes Jahr machen, fände ich interessant und würde ich sofort verbloggen!)

    7 Kommentare:

  • Baeks schreibt am 1. Juni 2016 um 21:50

    Ein Aufreger über den sich jeder aufregt ist eine Top-News für die Medien – gerade beim beliebten Thema Fussball (PIs!) …dazu Reaktions-Ping-Pong.
    Dagegen eine Torte in Sahras Gesicht oder das Parteiprogramm der Linken niemanden mehr aufregt.
    emotions sell…

  • ben_ schreibt am 2. Juni 2016 um 08:09

    Gestern erst so bei mir gedacht, dass das Verhalten der Medien (die ja nur ein Spiegel der Gesellschaft sind, weshalb wir wohl sagen dürfen, dass wir es mit dem Aufmerksamkeitsverhalten der Gesellschaft zu tun haben) in Sachen AfD mich seeehr stark an die Blütezeit der Piraten erinnert. Da wurde auch jede skurile Meinungsäusserung eines Hinterbänklers in irgendeinem Partei-Forum zu einer Nachricht hochsterilisiert (Orthographie so beabsichtigt).

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 2. Juni 2016 um 19:15

    @ben_ Ich sehe die Medien nicht unbedingt als Spiegel, sondern doch viel aktiver. Ein Spiegel ist aus meiner Sicht zu passiv. Ich glaube durchaus, dass Medien mehr Macht haben als etwas abzubilden, sondern auch die Macht etwas zu gestalten.

  • ben_ schreibt am 6. Juni 2016 um 12:33

    @Daniel: Ah. Da habe ich mich vielleicht nicht präzise genug ausgedrückt. Einzelne Medien haben latürnich Macht. Das sieht man leider ziemlich regelmässig an der Bild-Zeitung. Aber … (und die Meinung hab ich im Studium bei Kommilitonen eingesammelt, die mehr mit Massenmedien gemacht haben) … in der Summe sind sie doch nur ein Spiegel und zwar aus zwei – wie ich finden muss ziemlich überzeugenden – Gründen.

    Erstens ist es schon mal statistisch wahrscheinlich, dass die Verteilung von Interessen, Meiungen, Einstellungen, Moralvorstellungen, Weltsichten (u.ä.) der Mitarbeiter in den Verlagshäuser äquivalent verteilt ist zum Rest der Gesellschaft. Journalisten mögen in manchen Themen präziseres Wissen und auch einen zeitlichen Wissensvorsprung haben vor dem Teil der Gesellschaft mit dem sie korrespondieren, aber ihre grundsätzlichen Positionen sind identisch.

    Zweitens existiert bei weitem überwiegenden Teil des Journalismus in der freien Marktwirtschaft. Ich kann mir nicht erklären, wie die wirtschaftlichen überleben können sollten, wenn sie nicht das schreiben würden, was jeweils ein korrespondierender Teil der Gesellschaft lesen will.

    Und en details: Ich habe die Belege nicht mehr, weil es schon so lange her ist, aber das Parade-Beispiel für meine Position ist das Verhältnis der Medien zum Vietnamkrieg. Hier galt lange Jahre der Mythos, die Berichterstattung habe zum Wechsel der Stimmung in den USA und schliesslich zum Ende des Krieges geführt. Genauere Studien aber zeigen, dass die Art der Berichterstattung erst dann in Kritische umschlug, als auch die Stimmung im Land kippte.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 6. Juni 2016 um 17:57

    @ben_ Aber das ist ja der Vorwurf eigentlich, dass sowas geschrieben wird um Kasse zu machen. Ohne Rücksicht auf den Impact.

    Oder wie es gerade der Chef von CBS sagte:
    “Trump is good for us economically. He may not be good for America, but it’s damn good for CBS, that’s all I got to say.”

  • ben_ schreibt am 13. Juni 2016 um 13:16

    @Daniel: Naja … das ist kein direkter Grund. Ich glaube die wenigsten Journalisten schreiben, das so, weil sie viel Geld verdienen wollen. Ich glaube die Verlegen stellen eben jene ein, von denen sie wissen, dass sie von sich aus das schreiben, was jemand lesen möchte.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 13. Juni 2016 um 14:04

    @ben_ Ich glaube eher, dass da Klickzahlen ne große Rolle spielen und die sind für viele Redakteure heute schon Ziele die sich ggf. auch auf Boni auszahlen. Ich denke schon, dass ein großer Anteil online geschrieben wird mit dem Hintergrund „das klickt gut“ oder „manche Themen gehen immer“. Populismus ist eben oft halt auch populär.

    Wäre eine interessante Frage für Online-Redakteure. Werden sie in Reichweite gemessen oder hat Reichweite einen Einfluss auf Bonuszahlungen?

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