Diederichsen

Über die Neue Rechte – Diedrich Diederichsen & Paul Nolte

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Zwei lesenswerte Interviews über Neue Rechte, Krise, Medien usw. Im Tagesanzeiger vergleicht der sich selbst als „neokonservativ“ bezeichnende Historiker Paul Nolte das Erstarken rechtspopulistischer Parteien wie der AfD, FPÖ, Front National & Co. in Europa mit den 30er Jahren des vorherigen Jahrhunderts. Doch wie ist es mit dem Kulturbruch den die neuen Rechten beklagen wenn sie von Lügenpresse, Gender-Terrorismus und links-rot-grün Versifftheit sprechen und den Islam fürchten?! Gibt es den überhaupt?

„Ja. Nur ist er eher eine Folge der innerwestlichen Modernisierungstendenzen als eines Konflikts der Kulturen oder Religionen. Es ist kein Zufall, dass der Islam ausgerechnet in säkularisierten Gesellschaften wie der unseren als Bedrohung empfunden wird. (…) In dieser Hinsicht ähneln die Abendlandkämpfer im übrigen frappant den islamischen Fundamentalisten, die die Welt genauso sehen: als bedroht durch die Dynamik und Freiheit westlicher Ordnungen.“

In Bezug auf die AfD spricht er außerdem von einem „Extremismus der Mitte“, der nicht mehr richtig ins klassische Schema von links und rechts passt. Hiermit bezieht sich Nolte aus meiner Sicht allerdings auf den Begriff von Seymour Martin Lipset der bereits 1959 in seinem Buch „Political Man“ schrieb, dass der linke Extremismus seine Basis in den unteren Schichten und der Arbeiterklasse habe, der rechte Extremismus in den Oberschichten verankert sei und der Faschismus in der soziökonomischen Mittelschicht beheimatete sei. Gleichzeitig verneint er eindeutig, dass die AfD faschistisch sei, behält sich so dann aber wohl doch noch ein Hintertürchen auf.

Poptheoretiker Diedrich Diederichsen kommt aus einer gänzlich anderen Ecke als Nolte und ist vielmehr ein Kritiker des Konservativen. 1996 veröffentlichte er mit Politische Korrekturen (Partnerlink) ein Buch welches forderte sich in Deutschland mehr mit „Political Correctness“ auseinanderzusetzen und es nicht als leeres Schlagwort zur Denunziation jeglicher moralischer Haltung in der Politik zu nutzen. In der Jungle World spricht er darüber, dass es heute kein Problem mehr darstellt sich als „rechts“ zu outen. Anti-PC zu sein ist in diesen Kreisen Programm:

„Deswegen war Anti-PC immer zunächst mal eine Kritik am »Unnatürlichen«, »Verkrampften« der PC-Position; deswegen vermischte sich das mit so Dingen wie der Kritik an der Rechtschreibreform, die auch meistens damit begründet wurde, dass die Leute so reden beziehungsweise ­schreiben wollen, »wie ihnen der Schnabel gewachsen ist«. […] Leute, die sich in einer Machtposition befinden, sehen aber ihre Position unterwandert, wenn die Normalität der Sprache, die ihre Machtposition stützt, überhaupt nur Thema wird. Die Macht ist dabei noch nicht einmal angegriffen worden, sie wird lediglich Thema. Das gilt für Politiker und Vorstandsvorsitzende genauso wie für Wissenschaftler und Intellektuelle. Dass sie sich dann als Opfer empfinden oder inszenieren, ist das Neue, das sich in den neunziger Jahren entwickelt hat. Man konstruiert einen hegemonialen Feminismus, Gutmenschentum, PC etc. und erklärt sich für verfolgt. Das Interessante dabei ist, dass PC eigentlich das Ernstnehmen der parlamentarischen Demokratie und ihrer Idee von Öffentlichkeit durch die Linke darstellte, einer feministisch, antirassistisch, sexualpolitisch, bürgerrechtlich geöffneten Linken. Vorher hatte man seine eigenen Blöcke organisiert, mehr oder weniger radikal, aber in Abstimmung mit den eigenen Leuten als Vertretung oder Kampforganisation – nun wollte man, wollte auch ich das sagenhafte Angebot der Meinungsfreiheit einmal annehmen. Und das fand die andere Seite dann komplett irre, dass da welche das allgemeine Alltagsleben politisch diskutieren wollten.“

Besonders „schön“ finde ich allerdings wie er die Unterschiede zwischen dem Stammtisch und der Kommentatrkultur im Netz unterscheidet. Warum artet Hate-Speech so aus, woher kommt das?

„[…] ich denke, dass die Textform des Ausbruchs, wie der Netzkommentar ihn bietet, für die Rechtsradikalisierung sehr hilfreich ist. Man ist zu Hause, allein, ganz bei sich und seinem Computer, der auch die Spiel- und Freizeitmaschine ist, man ist in einer scheinbar geschützten und emotional sicheren Zone und nun ballert man von dort aus – und wird auch noch gehört und bestätigt, und zwar je mehr, desto mehr man die Sau rauslässt. Am Stammtisch gibt es zwar auch Radikalisierung, dort entstehen Mobs, aber es gibt auch eine soziale Kontrolle und einen Wirt, der keinen Ärger will – das gibt es im Netz alles nicht.“

Was Diedrichsen über rechte Debatten schreibt erinnert mich auch an das was ich (ganz unwissenschaftlich!) als „politischen Clickbait“ bezeichne. Dass Medien sich ein rechtes Feuilleton leisten sieht Diedrichsen bereits seit Beginn der 90er so. Akteure von damals wie Matussek, der selbst für die WELT als Kolumnist untragbar wurde, spielten sich auch in den letzten Jahren auf. Diedrichsen dazu:

„In den neunziger Jahren haben wir entdeckt, dass es so etwas wie rechte Debatten gibt und das auch ein bisschen exotistisch interessant gefunden: Die blasen jetzt zum Kampf um die kulturelle Hegemonie. Aber einen Erfolg der intellektuellen Rechten würde ich nicht daran festmachen, dass die ihre eigenen intellektuellen Debatten haben, sondern daran, dass etwa Sloterdijk seine Manifeste wie »Primitive Reflexe« in der Zeit veröffentlichen darf.“

(Foto: Wikicommons von Henning Schlottman unter CC-Lizenz 4.0)

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