Slayer live

Die Dialyse der Aufklärung (4) – Das beste Konzert aller Zeiten

Slayer haben ein Konzert am Hausmeisterstrand in Italien gespielt, es war sehr erhaben und deshalb schreien wir jetzt alle Slayerslayerslayerslayer.

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Philip sagt, dass Slayer in Lignano spielen. Nämlich direkt am Hausmeisterstrand, wo deutschsprachige Familien Urlaub machen und ihren Kaffee und ihre Pizza auf Deutsch bestellen und auch auf Deutsch Antwort bekommen. Wo ganze Busgruppen von hormon- und trinkfreudigen Bros an manchem Wochenende die Ortschaft in einen nach Alkopops und Bier riechendes Bro-Paradies verwandeln und damit die Einwohner, Carabinieri und die anderen Hotelgäste in Angst und Schrecken versetzen. Ich glaube Philip anfangs nicht, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass Sankt Hausmeisterstrand eine Slayertaugliche Bühne sein Eigen nennt. Lignano ist im übrigen meine früheste Kindheits-Urlaubserinnerung, besonders haben mir damals als Fünfjährigen die Spielhöllen und Spielzeuggeschäfte imponiert. Spielautomaten, Luftmatratzen und Gelato-Gelato, na sicher – aber eine Arena? Philip insistiert und zeigt mir sein Smartphone, auf dessen Bildschirm stehen Ort und Datum des Konzertes zu lesen. Drei Sekunden später beschließen wir, alle anderen Pläne umzuschmeißen und nach Lignano zu fahren. Hotel gebucht, irgendwas mit Bett, Fenster und Dach, egal. Ein Stern, zwei Stern, drei Stern? Hauptsache Slayer-Pentagram.

Nach gut drei Stunden Autofahrt mit Zwischenstopp auf einer wunderschönen italienischen Autobahnraststätte, deren Toilettenanlage die These,dass der Allmächtige uns nicht besonders mögen kann, verifiziert, sind wir bereits da und machen uns auf den Weg in die Arena. Ein leicht trunkener, rotbackiger Mann am Boden begrüßt uns stillschlafend in den Gartenanlagen der Arena. Er hatte wohl einen langen Tag, denn auch die Hitze, die auch um acht Uhr noch vorherrscht erinnert eher an das metaphysische Untergeschoss als an den Garten Eden. Der Rest der Meute (es sind nicht besonders viele für Slayer-Verhältnisse) ist deutlich munterer, zumindest wenn es um Mülltrennung geht. Denn auch wenn während dem Konzert ab und an ein Becher fliegt, wird der sofort aufgehoben und in die umstehenden Plastikcontainer geworfen. Das Animalische bleibt im Moshpit und im Herzen, für diese Reinlichkeit gibt es einen Extra-Pentagramm-Sticker ins Mitteilungsheft!

Die Hitze brennt, die Stechmücken trinken unser Blut, als feierten sie eine schwarze Messe, das sommerliche Slayer-Backdrop wird heruntergelassen. „Delusions of Saviour“ ertönt als Intro und geht in „Repentless“ über. Der Anfangs noch etwas diffuse Bühnensound pendelt sich in kurzer Zeit ein, beim darauffolgenden „Disciple“ passt alles bestens. Es ist schweinelaut, ich jage während jedem Song circa 50 Stechmücken von meinen Venen. Derweil steht Kerry King stoisch wie immer da, nur manchmal wechselt er mit Gary Holt die Seiten. Ich frage mich, ob King weiß, in welcher Stadt er gerade ist oder ob er sowieso durchgehend in dieser Testosteron-Bodybuilder-Pose mit Gitarre dasteht und sie ihn einfach von Ort zu Ort hieven. Für ihn soll es Jägermeister regnen!

Auf diese Gentlemen ist Verlass. Keine Pausen, wenige Ansagen, jede Menge Gemetzel. Zwischendrin verspüre ich den Drang, den Bandnamen in erhobener Lautstärke zu skandieren. Ich gebe diesem Drang oft nach. „Slayer“, rufe ich. Und dann nochmal: „Slayer“.

Philip sitzt die meiste Zeit wortlos und staunend da. Kurz vor dem Zugabenblock schaut er mich an, als hätte er das Nirvana erreicht und die Buddhaschaft erlangt. „Das ist einfach so unglaublich arg“, sagt er. „Voll“, sage ich, „viel ärger noch als beim letzten Mal“. Dann setzt die Band zur Zugabe an, ohne jemals von der Bühne gegangen zu sein. Das Hanneman-Backdrop wird heruntergelassen. „South Of Heaven“, „Raining Blood“, „Black Magic“ und „Angel Of Death“. Das ist erhaben, sehr erhaben sogar.

Gute neunzig Minuten später: Schluss, aus. Diese verdammten Champions. Wir sind fertig, mückenzerstochen, durchnässt, erleuchtet. Wir bleiben noch zwei Nächte und repenten gar nichts. Am nächsten Tag meint Philip, Slayer würden heute in Rom spielen.

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