Alexandra Tobor (Foto Privat)

Alexandra Tobor & ich über Minigolf und ihr neues Buch

Ich bin leidenschaftlicher Minigolfspieler, da lag es nahe mit Alexandra Tobor zu ihrem neuen Roman „Minigolf Paradiso“ ein Themeninterview zu führen.

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Hi Alexandra, Dein zweites Buch ist gerade erschienen. Wenn ich mich recht erinnere startete Minigolf Paradiso eigentlich als Fortsetzung Deines Erstlings „Sitzen vier Polen im Auto“. Alexandra ist aber jetzt Malina. Die Zeit und das Alter passt aber. Haben Ullstein die Rechte an Deinen Figuren, ist es keine Fortsetzung, oder wolltest Du einen klaren Schnitt weil die Bücher für sich alleine stehen sollten?

Stimmt, ich habe mit dem Gedanken gespielt, eine Fortsetzung zu schreiben, aber sobald ich begonnen hatte, die neue Geschichte zu konzipieren, war eigentlich klar, dass es nichts Autobiografisches werden würde. Erst jetzt, nachdem das Buch draußen ist, wird mir bewusst, wie viel von meinem eigenen Leben drin ist, auch wenn ich die Story nicht selbst erlebt habe. Hashtag 90er. Hashtag Kleinstadtjugend. Hashtag Musik als Flucht vor dem Leben.

Der totgeglaubte Opa Deiner Protagonistin betreibt eine Minigolfanlage. Etwas was mich sehr fasziniert, da ich großer Minigolffan bin, wie kam es dazu?

Endlich fragt mich das mal jemand! Ich war schon immer fasziniert von Miniaturwelten und ihrer Beliebtheit beim kleinbürgerlichen Milieu. Die große Welt von Reich und Schön wird geschrumpft, um sie finanziell und kulturell zugänglich zu machen. Miniaturwelten sind Fassadenwelten. Es geht nicht um den Inhalt, sondern um den Schein. Das ist der Kern von Kitsch. Meine Familie besuchte häufig den Miniaturenpark „Minidomm“ in Ratingen bei Düsseldorf, wo man zwischen berühmten Sehenswürdigkeiten flanieren konnte. Malina bemerkt spöttisch, dass ihre Familie sich die Welt in Originalgröße nun mal nicht leisten konnte. Der Kleinbürger hat diese ironische Distanz nicht, er lässt sich von Schein und Illusion verzaubern und merkt nicht, wie popelig alles ist, weil er die Originale nur vom Hörensagen kennt, sie gehören für ihn in das Reich des Märchens. Opa Alois lebt in einer Scheinwelt und ich wollte für ihn eine Umgebung schaffen, die das reflektiert. So wurde es eine verwaiste Minigolfanlage. Spielt heutzutage überhaupt noch jemand Minigolf?

Ja, ich. Ich bin ein großer Minigolf-Fan. Ich mag das Abgetrashte. Minigolf hat auch immer was von früher. Da passen Wackelpeter-Vodka-Shots hinzu und Eurotrash. Oder Saurer Apfel. All das Zeug was Du heimlich getrunken hast. Es hat was von zu alt für Spielplätze sein. Etwas von sich cool geben und dabei dennoch total uncool sein.

Adventure Golf

Kennst Du den Unterschied zwischen Minigolf und Adventure Golf? Adventure Golf baut „richtige Golfplätze nach“, also mit Wasserhindernissen und Bunkern und Minigolf sind diese klassischen Betonbahnen. Bei letzteren gibt es auch genormte Bahnen. Das wird gemacht um Turniere auf der ganzen Welt spielen zu können.

Ja. Minigolfplätze sind typische „lost places“, auch wenn sie noch aktiv betrieben werden. Sie passen nicht in die Zeit und genau deswegen geht man hin. Um die letzten Ausdünstungen der Vergangenheit zu inhalieren und dieses schmerzhafte Ziehen im Bauch zu spüren, wenn man die Vanitas am Werke sieht. Ich habe im Zuge meiner Recherchen zum ersten Mal Minigolf gespielt und die Unterschiede waren mir nicht bekannt. Kenne diesen „Sport“ erst seit 1994, weil ich da kurz mit der Jugend-Weltmeisterin im Minigolf befreundet war. Hammer, oder? Weltmeisterin! Damals hielt ich das für einen Elite-Sport, allein deshalb, weil man eine Gebühr entrichten musste und meine Eltern es nicht kannten. Neulich stolperte ich über einen englischsprachigen Lizenz-Werbetext zu „Minigolf Paradiso“. Der Titel wird mit „Crazy Golf Paradiso“ übersetzt. Was soll denn das nun wieder?

Hast du denn schon als Kind Minigolf gespielt? Ist das in Deutschland eine typische Familienaktivität gewesen?

Ich weiß es gar nicht. Ich habe da erst in den letzten Jahren eine Leidenschaft für entwickelt. Ich erinnere mich, dass da wo ich aufwuchs Schwimmbäder und Minigolf zusammen gehörten. Und in meiner Erinnerung waren die damals schon etwas runtergekommen. Wie ist eine Weltmeisterin in Minigolf so? Hatte sie ihre eigenen Bälle und Schläger?
Ich stelle mir das so vor wie Tennis. Du kommst da hin und leihst das Zeugs und die Weltmeisterin zaubert dann da die tollsten Dinge herbei. Ein Schläger der so schön glänzt wie die Sterne und Bälle die aussehen wie neu, glänzend und unbenutzt.

Ja, so habe ich mir das auch vorgestellt! Dieses Mädchen befeuerte meine wildesten Minigolf-Phantasien. In meiner Vorstellung sah ich sie vor Neon-Springbrunnen unter Palmen den mit Plastikdiamanten bestückten Schläger schwingen. Leider hatte ich nie Gelegenheit, sie spielen zu sehen, denn sie war eine AWO-Jugendfahrt-Urlaubsbekanntschaft. Vor ein paar Jahren fand ich sie im Internet und schrieb ihr, um in Erfahrung zu bringen, was aus ihrer Minigolf-Karriere geworden war. Natürlich kannte ich ihren vollen Namen noch, und ihre Lieblingsbands, und dass sie Al Bundy und Star Trek verehrte. Nur: Sie konnte sich nicht mehr an mich erinnern. Als wäre ich nie da gewesen. Das ist die Unsichtbarkeit, die ich mit Malina teile. Sich über Menschen den Kopf zerbrechen, die noch nie einen Gedanken an dich verschwendet haben.

Hat Sie Dir dennoch wichtige Geheimnisse für Dein Buch verraten?

No way. Das war lange vor meiner Buchidee. Und so viel musste ich gar nicht wissen. Im ganzen Buch wird kein einziges Mal gespielt! Die Inspiration für den Minigolf-Platz habe ich mir im Internet geholt. Das Thema „vergammelte Minigolf-Plätze“ hat so viele Fans, dass es ein leichtes war, da die passenden Fotos zu finden.

Das heißt das Spiel selbst findest du nicht interessant?

Minigolf ist ein Spiel für Loser. Das meine ich keineswegs negativ. Mir fällt bloß kein Spiel für draußen ein, bei dem es egaler wäre, wenn man sich zum Affen macht. Man latscht gemeinsam um die abgewrackten Bahnen, lacht zusammen über das Nichtgelingen, die eigene Ungeschicklichkeit. Die kleinen Bleistifte, mit denen man die Punkte auf den Zetteln notiert, rühren mich schon zu Tränen. Es ist, wie du gesagt hast: sich cool vorkommen, während man total uncool ist. Oder hat es für dich auch eine kompetitive Seite?

Da ich nie alleine spiele überkommt mich da immer der Ehrgeiz. Ich bin auch ein schrecklicher Regelpendant.

Auch weil es so albern ist. Neben einer Miniatur-Windmühle stehen an einer Bahn die total schief und krumm ist und dann bürokratisch auf die Regeln pochst: „NUR EINE SCHLÄGERBREITE DARFST DU DENN BALL VON DER BANDE SCHIEBEN!“

A bad day at golf, still beats a good day at the office!

Das Schöne dabei ist, dass Du immer dann wenn Du aufgegeben hast und lustlos draufdreschst ein Hole-In-One schlägst oder ein Par und dann wieder besser spielen magst. Du schreibst, dass Opa Alois dort in einer Scheinwelt lebt. Ist er auch ein Loser, ein Verlierer? Was bedeutet für ihn der Minigolf-Platz?

Opa Alois, genannt Aldi, ist ein Verlierer, wie er im Buche steht. Ein polnischer Versager. Er ist einsam, er lebt in einem Wohnwagen und kommt nur mit Gaunereien über die Runden. Seiner bemitleidenswerten Lebenssituation steht sein grandioses Selbstbild gegenüber von einem, der ganz kurz davor ist, ein großer TV-Star zu werden, eine Million im Lotto zu gewinnen, endlich das zu bekommen, was ihm zusteht. Der Minigolfplatz ist ein Psychogram seines Schicksals. Das fängt schon beim Namen an: Paradiso. Ein utopischer Ort, der das Ende aller Leiden verheißt. Ewige Glückseligkeit. Aldi hat von der großen weiten Welt geträumt und mit der Minigolfanlage einen symbolischen Ersatz gefunden. So wie Kinder sich im Wald Buden bauen und Puppenzimmer in Schuhkartons, so hat Aldi versucht, sich mit der Minigolfanlage die Welt in Reichweite zu bringen. Er wollte ein kleines Neuschwanstein und eine kleine Freiheitsstatue auf seinem Platz, am Ende schmückte nur Kirmesschrott die Bahnen. Als Malina auf Aldi trifft, sind die Bahnen vergammelt und überwuchert. Niemand kommt. Das spricht Bände über das, was aus Aldis Träumen geworden ist.

Ich glaube in der Realität würden heute gerade deswegen Leute kommen. Für mich können die Bahnen nicht abgetrasht genug sein. Schwarzlicht-Minigolf, Adventure-Golf und und …

Ich komme mir langsam irgendwie vor wie Aldi. Ich hab auch ein wenig den Traum eine Minigolfanlage zu betreiben. Aber eine die wie große Golfplätze betrieben wird. Exklusiv mit Handicap und elitär ausgrenzend. Am Ende würde da wohl dann auch keiner spielen…

Ich frage mich gerade, wer bis hierher gelesen hat. Niemand? Leute, die „Minigolf Paradiso“ bereits gelesen haben? Oder ist jemand dabei, der es noch nicht gelesen hat? Falls letzteres, möchte ich hier kurz eine Spoiler-Warnung aussprechen. Für alle anderen: Es ist ebenso bezeichnend, was am Ende mit der Minigolfanlage passiert. Nachdem Aldi sich mit seiner Familie versöhnt hat, kann wieder etwas Neues entstehen, und was er da gemeinsam mit seiner Frau aufbaut, ist eine trashige Hieronymus Bosch Themenwelt. Das passt zum einen in die Zeit: Es ist 1998 und die Medien machen Panik wegen der nahenden Jahrtausendwende und den apokalyptischen Vorhersagen des Nostradamus. Zum anderen zeichnen sich schon die Nuller Jahre ab, in denen es die Menschen zunehmend zum Individuellen und Kaputten zieht. Der Charme des Abgewrackten wird erkannt. Die „early adopters“ im Buch sind Gothics, die in Scharen zum Minigolfplatz strömen, um sich vor den bizarren Gebilden aus dem „Garten der Lüste“ fotografieren zu lassen. Ich war überrascht, dass diese Idee noch nie real umgesetzt wurde, aber das mag daran liegen, dass Minigolfanlagenbetreiber aus einem ähnlichen Milieu wie Schausteller kommen und nichts von Kunst verstehen. Schade eigentlich, ich wünsche mir mehr Camp um mich rum.

Mehr Camp finde ich immer gut und wenn alle Stricke reißen kann ich Dich ja als Beraterin für meinen Alterssitz auf dem Minigolfplatz engagieren.

Ich verabschiede mich mit Aldis Worten: Tschüss! Adios! Aufwiederhähnchen!

Weiterführende Links um abgewrackte Minigolf-Anlagen zu recherchieren:

12 Verlassene Minigolf-Anlagen
12 weitere verlassene Minigolf-Anlagen
„Minigolf Paradiso“ von Alexandra Tobor (Partnerlink)

    Ein Kommentar:

  • Donngal schreibt am 18. August 2016 um 09:23

    Ich hab Alexandras Buch noch nicht gelesen, wundere mich aber wie schlecht Minigolf eigentlich so wegkommt im allgemeinen. Ich kenne kaum jemanden der auf meinen Vorschlag „Lass uns Minigolf spielen“ mit „ja, geil!“ reagiert. Dabei ist Minigolf doch wirklich genial. Man kann gegeneinander antreten, ich komme nicht aus der Puste, man kann es auch angetrunken spielen, ich habe die Chance zu gewinnen, die Bahnen können lustig bis abgefahren bis unmöglich sein, ich habe es als Kind geliebt und liebe es noch heute. Ich kann mich an eine Minigolf in einer Dinosaurier Themenanlage auf Mallorca erinnern, das ist eine sehr schöne Erinnerung, die ganze Familie hat gespielt, und alle hatten Spass (oder haben Spass simuliert?).

    Diese Begeisterung für Minigolf teilen aber sehr wenige Menschen, eigentlich freue ich mich sehr über den Focus den ihr in diesem Interview auf Minigolf gelegt habt, gefällt mir gut!

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