Der Lehrplan (7): Die Wolke

Wenn nicht gerade furchtbare Dinge geschehen, geht es in „Die Wolke“ ziemlich öde zu. Was für ein Glück, dass sich gleich zu Beginn ein Super-GAU ereignet.

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Dessen unmittelbaren Folgen ist die Protagonistin Janna-Berta in der ersten Hälfte des Romans ausgeliefert. Seine Autorin Gudrun Pausewang berichtet in einem schlichten Stil, der so auch in einem Protokoll verwendet werden könnte, von schrecklichen Ereignisse und brutalen Taten. Ihre Figuren stehen dabei exemplarisch für bestimmte Gruppen und haben eine Funktion, aber keine Persönlichkeit. Stirbt ein kleiner Bruder, stirbt er wie der kleine Bruder schlechthin. An seinen Namen kann ich mich schon gut eine Stunde nach der Lektüre nicht mehr erinnern, herzig war er, und schlimm war sein Tod, und er war doch noch ein Kind.

Dieser und andere eindimensionale Charaktere leben in einer Welt, die mittlerweile wie eine kuriose Vorzeit anmutet. Es ist eine Bundesrepublik mit DDR nebenan, alten Damen aus Ostpreußen, Großeltern, die Nazis waren und Schimpfwörtern wie „Heulsuse“, „Schaf“ und „Blödmann“. Diese bundesrepublikanische Idylle ähnelt eher den 1950ern als der Gegenwart. In ihr liegen die Schrecken in Form von Tschernobyl und dem letzten Weltkrieg in der Vergangenheit, nur Gastarbeiter, hungernde Kinder im fernen Afrika und die ökologische Bewegung rufen etwas Unbehagen hervor. Das wirkt putzig und arg ordentlich, es ist eine Welt, in der gute Menschen Gutes und schlechte Menschen Schlechtes tun.

Tschernobyl hatte manche von ihnen, unter anderem die Eltern der 14-Jährigen Janna-Berta, zu Aktivisten gemacht, die andere von der Gefahr der Atomkraft zu überzeugen versuchten. Vermutlich glaubten sie, man müsse nur wissen, dass Kernkraftwerke gefährlich sind, damit sie nicht weiter genutzt würden; leider scheiterte ihre Aufklärungsarbeit angesichts ignoranter Politiker und desinteressierter Bürger. All das begegnet uns aber nur nebenbei in kurzen Erinnerungen, „Die Wolke“ ist ein besserer Schicksals-, kein Gesellschaftsroman, ein seltsam sauberer Groschenroman voller Tod in einer Welt, in der gestern noch alles in Ordnung schien.

Ein Kinderbuch kann komplexe Themen und Konflikte auf verschiedene Weise behandeln, zum Beispiel allegorisch, personifiziert oder „kindgerecht“ realistisch, also einfach und verständlich. In Letzterem liegt die Gefahr, Kinder präventiv zu entmündigen, indem man ihnen ausgewählte Ausschnitte der Realität vorsetzt. „Die Wolke“ zeigt vor allem, was die Auswirkungen einer Katastrophe sein könnten, es bemüht eher Schock als Angst oder Grusel und erinnert an die schwarze Pädagogik des „Struwwelpeter“. Das Grauen bricht herein, weil Politiker und bequeme Bürger nicht auf die mahnenden Demonstrationen der Atomkraftgegner gehört haben. Am Ende müssen alle darunter leiden und wir wissen: So ein GAU ist etwas Schlimmes, „druckt mehr warnende Broschüren“ (Foyer Des Arts, „Haschjule“).

Kann man „Die Wolke“ lesen, nachdem man es lesen musste?

Wer Boulevardzeitungen mag, Skandalgeschichten angenehm erschüttert aufnimmt und der Meinung ist, alles wäre schlecht, weil „die Politiker“ eben daran Schuld seien, könnte „Die Wolke“ gerne lesen, hat aber auch nichts Besseres verdient. Ja, wer ausgerechnet von Belletristik erwartet, seine Ansichten darin bestätigt zu sehen, möge getrost zu diesem farblos erzählten, drögen Buch greifen.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Atomenergie ist gefährlich, aber „Die Wolke“ ist ätzend. Es ist ein Buch, das nicht über die Realität hinausgeht, sondern sie auf dramatische, schockierende Geschehnisse reduziert und vor allem dadurch kaum mehr als ein ausgewalztes Flugblatt. Allerdings besitzt es, von der Länge einmal abgesehen, auch dessen Qualitäten. Es alarmiert und erinnert an die Gefahr, der wir permanent ausgesetzt sind. Eine Geschichte, die so offensichtlich nicht mehr als Mittel zum Zweck zu sein scheint, wird durch die löbliche Absicht jedoch nicht besser.

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