Jimi Hendrix Gedenkstein

Love and Peace auf Fehmarn 1970

Letzte Woche war ich auf Fehmarn und habe dort unter anderem diesen Gedenkstein besucht. Errichtet wurde er für Jimi Hendrix, der genau dort sein letztes Konzert beim „Love and Peace“ Festival 1970 gespielt haben soll. Lest hier die unglaubliche Geschichte des Festivals.

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Ganz korrekt ist die Geschichte von Hendrix´ letztem Konzert nicht. Einen Tag vor seinem Tod, in der Nacht vom 16. auf den 17. September 1970 spielte Hendrix zusammen mit Eric Burdon und war in einem Londoner Jazzclub. So viel also zu diesem Mythos. Noch besser ist aber die Geschichte des Festivals selbst, wobei nicht wenig im Trüben liegt.

Ein deutsches „Woodstock“ sollte es werden. Dabei waren die Organisatoren Helmut Ferdinand, Christian Berthold und Tim Sievers wohl mehr von dem „Isle Of Wight“-Festival inspiriert worden. Dementsprechend war der Plan, ihr eigenes Open-Air auf einer Insel zu veranstalten. Eben genau so wie beim großen Vorbild.

Mit einer 50 Hektar großen Wiese bei einem Campingplatz am Flügger Leuchtturm war dann auch schnell ein geeignetes Gelände auf Fehmarn gefunden. Mit seiner Lage in der Ostsee, nahe Dänemark und mit guter Verkehrsanbindung ein passender Veranstaltungsort, wie es schien. 60.000 Besucher*innen sollten kommen. Gemietet wurden 50 Toiletten des nahen Campingplatzes und 100 weitere mobile Klos, Telefonzellen von der deutschen Post und vieles mehr. Das Geld für ihr Vorhaben bekamen Ferdinand, Berthold und Sievers u.a. von Beate Uhse, die nicht nur 200.000 Euro vorstreckte, sondern auch ihre Shops als Vorverkaufsstellen zur Verfügung stellte. Und da es so schön zum Titel des Festivals passte, schmiss sie auch noch eigenhändig beim Festival Kondome in die Menge.

Open Air Love + Peace Insel Fehmarn 1970 mit u.a. Jimi HendrixDiese war allerdings kleiner als erwartet. Statt 60.000 Besucher*innen kamen wohl gerade mal 20.000 bis höchstens 30.000. Unzureichende Organisation und rabiate Sicherheitskräfte quälten die Zuschauer*innen.

Die genaue Sachlage ist unklar. Eine Rockergang wurde als Ordner eingestellt oder stellte sich – je nach Quelle – einfach selbst ein. Vielerorts ist von den „Hell´s Angels“ die Rede, die gab es 1970 allerdings noch gar nicht. Gemeint waren wohl eher die „Bloody Devils“. Diese tauchten zu Hunderten bereits am Donnerstag vor dem Festival auf und lieferten sich mit den offiziell eingestellten Ordnern – davon wiederum auch einige Rocker – eine Schlacht. Veranstalter Christian Berthold erinnert sich:

„Es war schrecklich. Auch die zu Hilfe gerufene Polizei, eine Hundertschaft, war machtlos. Wir haben den Rockern schließlich 30.000 Mark gegeben, damit sie unter Polizeiaufsicht die Insel verlassen.“

Dennoch blieben wohl nicht wenige bis zum Ende und hinterließen einen bleibenden Eindruck. Insbesondere die Gewaltbereitschaft der oft mit Fahrradketten bewaffneten Rocker, die weiterhin als Sicherheitskräfte auftraten, wurde bemängelt. So schreibt der Musikexpress 1970:

„Brandstiftung und Brutalität waren an der Tagesordnung. […] Fehmarn, das war nicht Love and Peace; Fehmarn, das war eher ein Horrortrip.“

Und zwar ein solcher, dass die Zeitschrift gleich die ganze Open-Air-Kultur in Deutschland beerdigen wollte:

„Am 6.9. verstarb nach langem und qualvollen Leiden der deutschen Veranstalter liebstes Kind: Das deutsche Open Air Festival.“

Schuld waren aber nicht nur die Ordner und die Organisation, sondern auch das Wetter. Sturmböen bis zur Windstärke 8 und Regen verwandelten das Gelände in ein Schlammbad. Wegen des starken Windes war die Musik kaum zu hören, die extra aus England importierte Anlage war zu schwach. Und dann immer wieder Absagen. Von 35 Bands spielten lediglich 18. Immer wieder gab es lange Pausen, und Konzerte wurden verlegt. Als Hendrix auf Fehmarn ankam, inspizierte sein Manager per Helikopter das Gelände. Wild aufgebaute Zelte auf dem Gelände selbst machten einen seltsamen Eindruck. „Hendrix spielt nicht auf einen Campingplatz.“ Tatsächlich gab es wohl eine mehr oder minder seltsame Durchsage, die einige Besucher*innen dazu bewegte, die Zelte einzureißen. Spielen wollte Hendrix, dessen Konzert am Samstag stattfinden sollte, dennoch nicht und blieb in seinem Hotel in Puttgarden. Das Wetter war zu schlecht, und der Regen sorgte immer wieder dafür, dass die Künstler*innen auf der Bühne Stromschläge bekamen. Also wurde das Konzert auf den Sonntag verlegt. In der Nacht wurde dann gleich auf dem Festivalgelände selbst campiert. die Holztüren der Toiletten und Teile der Bühne wurden abgerissen und dienten als Wetterschutz oder gar gleich als Brennholz.

Am Sonntag betrat um 11 Uhr Jimi Hendrix das Gelände und verschwand in einem extra für ihn bereitgestellten Wohnwagen während die Roadies die Back-Line aufbauten. Es sollte dennoch zwei Stunden dauern bis der Star unter Buhrufen der erschöpften und genervten Menge die Bühne betrat. Hendrix rief:

„Buh, Buh….ich scheiß drauf ob ihr buht oder nicht, solange ihr es in der richtigen Tonart tut, ihr Idioten.“

Für einen kurzen Moment brach das Wetter auf, die Sonne schien, und Hendrix spielte einen 90 minütigen Gig.

Das reichte den meisten und sie bewegten sich heim, obwohl das Festival noch gar nicht zu Ende war. Auch die Veranstalter hatten langsam keinen Bock mehr und gaben auf. Organisator Helmut Ferdinand erinnert sich:

„Am Sonntag nachmittag spitzte sich die aggressive Stimmung derart zu, daß wir Angst um Leib und Leben haben mußten. Christian und Tim (die 2 anderen Veranstalter) hatten das Gelände bereits verlassen, und ich bin dann zu Fuß und per Autostopp zum Hotel nach Puttgarden gekommen. Dort tauchte dann auch zum ersten Mal die Polizei auf und forderte uns auf, zum Festivalgelände zurückzugehen. Ich weigerte mich erst, weil ich wirklich Angst hatte. Sie sicherten uns Polizeischutz zu und zusammen sind wir dann wieder hingefahren. Da war das OZ (Anm. des Autors: Organisationszentrum) inzwischen abgebrannt, der Kassenwagen war umgefallen, die Kassen waren aufgebrochen und das Geld war verschwunden. Es war schrecklich.“

Gerade über die letzten Stunden des Festivals herrscht Unklarheit. Als letzte Band traten auf jeden Fall Ton Steine Scherben auf, die damals als Rote Steine ihren ersten Auftritt hatten. Rio Reiser eröffnete das Konzert:

„Ey, wir ham hier einen Scheck gefunden über 100.000 Mark, den hat Jimi Hendrix hier verloren….“

Jimi Hendrix Gedenkstein auf FehmarnSo ganz wahr mag das nicht gewesen sein, denn Hendrix wurde laut Booker Fritz Rau im Vorfeld komplett ausgezahlt. Auch an dem Scheck lässt sich zweifeln. So wissen einige Bands zu berichten, dass sie ihre Gage direkt auf dem Gelände in Bargeld bekamen und ihnen ganz Bange wurde, bei der aufgehitzten Stimmung mit Koffern voller Geld über das Gelände zu schleichen. Dennoch reichte es wohl aus, um die bisher nicht bezahlten Helfer*innen endgültig auf die Palme zu bringen. Schließlich wurde ihre versprochene Bezahlung am Sonntag immer wieder verlegt. Von 15:00 auf 17:00 und dann auf 20:00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt soll sich aber bereits kein Verantwortlicher mehr auf dem Gelände befunden haben.

„Rammt die Veranstalter ungespitzt in den Boden.“, schrie Reiser und spielte mit den Steinen „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“. Das ließen sich die ca. 4000 übrig gebliebenen nicht zweimal sagen und rissen alles ab, steckten das Organisationszentrum und Teile der Bühne in Brand. Die Rocker fuhren kreuz und quer mit ihren Bikes über das Gelände. Als das Feuer dann drohte, die P.A. zu vernichten, trat der Besitzer der Anlage ans Mikrophon. Er sei auch noch nicht bezahlt worden, und es sei doch unfair, wenn jetzt auch noch sein Equipment vernichtet würde. Also taten sich Rocker und Zuschauer*innen zusammen und bauten die Anlage ab. Dann ging der Abriss weiter.

350 Polizist*innen versuchten bis Mitternacht, die Randalierenden unter Kontrolle zu bringen. Am 10. September wurde das Gelände geräumt. Bei strahlendem Sonnenschein.

400.000 Schulden sollen offen geblieben sein. Über 25 Jahre waren Open-Air-Konzerte auf Fehmarn gesetzlich untersagt. Die Veranstalter bestreiten bis heute, mit dem Geld durchgebrannt zu sein.

Stoff für einen Film, wie ich finde. Was für eine Story!

Weitere Infos zum Love and Peace auf Fehmarn:

Die Wikipedia zum Love and Peace Festival
Fehmarn Festival 1970

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