Der Lehrplan (8): Das siebte Kreuz

Es gibt Menschen, die fordern, man möge die Vergangenheit doch ruhen lassen. Für sie ist Geschichte nicht mehr als die Tradition oder eine Erzählung. Wahr ist, was ihnen schmeichelt, falsch, was vor Leuten wie ihnen warnt.

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Sie sind der Meinung, die heutige BRD oder gar ein abstraktes „Deutschland“ (also die Summe aller bisherigen politischen Gebilde des deutschsprachigen Raumes) sei eigentlich und im Grunde stets das Land irgendwelcher „abendländischen“ dichtenden Denker gewesen. Ihnen sind die Werke Einzelner Errungenschaften ihrer „Kultur“, an deren Schöpfung und Wirken sie geradezu magisch rückwirkend teilhaben. Die Verbrechen einer Gesellschaft hingegen gelten ihnen als individuelle Fehler oder gleich Verleumdungen. Dass mir nicht nach einer flapsigen Betrachtung von „Das siebte Kreuz“ als Schullektüre zumute ist, liegt vor allem an ihnen. Denn es gibt sie in unserer Gegenwart ebenso wie in Anna Seghers Roman.

In ihm schildert sie mehr als die Leiden von sieben geflohenen KZ-Häftlingen vor und nach ihrem Ausbruch. Drastik und Schock werden nicht, wie neulich in „Die Wolke“, als Mittel der Warnung und Erziehung bemüht, sie sind Teil einer Welt, in der dieser Roman als realistisch gelten kann. Sein Tonfall ist ernst, aber nicht pathetisch, es wird nicht angeklagt, sondern erzählt. Da ist kein Raunen und Rätseln, weshalb der Nationalsozialismus wohl „passieren“ konnte und wer wohl für ihn verantwortlich sei. In „Das siebte Kreuz“ sind Menschen soziale Wesen, und ihr Leiden entsteht dadurch, vom Leben der anderen ausgeschlossen zu sein.

Seghers zeigt, wie die faschistische Gesellschaft des Nationalsozialismus klare Grenzen wischen sich als „Volksgemeinschaft“ und „Fremdkörpern“ zog. Man konnte ihr zwar angehören, ohne zu morden, lief aber Gefahr, in letzter Konsequenz ermordet zu werden, falls man als fremd galt.

In „Das siebte Kreuz“ bewirkt die Verurteilung als „Volksschädling“ nicht nur Ächtung, auch die Familien, Freunde und Kollegen der so Bezeichneten geraten in Verruf und Gefahr, Gefängnis und KZ. Nicht die Täter werden dämonisiert und dadurch entmenschlicht, sondern das Unrecht liegt in der Entmenschlichung der Opfer. Durch Angst und Misstrauen verlieren selbst Beziehungen zwischen denen, die sich als „Volksgenossen“ verstehen ihre Unmittelbarkeit, weil ohne Rückversicherung nur gesagt werden kann, was gehört werden darf. Dennoch wird einem der Flüchtlinge das Leben durch teils unwissentliches Zusammenwirken verschiedener Menschen mit verschiedenen Motiven gerettet.

Kann man „Das siebte Kreuz“ lesen, nachdem man es lesen musste?

Es sei dringend dazu geraten.

„Das siebte Kreuz“ erschien vor Ende des Zweiten Weltkrieges und wurde von Seghers im Exil verfasst. Damals bestand die von ihr beschriebene Gesellschaft noch, aber ihre Erzählung handelt davon, dass die Nazis trotz siegesgewisser Bekundungen und Gewalt nicht allmächtig sein konnten.

Dazu noch stellt „Das siebte Kreuz“ den Alltag „einfacher Leute“, also von Fabrikarbeitern und Bauern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ohne Sozialkitsch dar. Auch die Beschreibungen von Landschaften und Orten sind ebenso griffig wie die der Personen, gehen allerdings über Zweckmäßigkeit hinaus. Berichtet wird chronologisch unter kunstvollem Wechsel zwischen verschiedenen Handlungssträngen, deren Beziehung zueinander erst mit fortschreitender Erzählung deutlich wird. Weil man deshalb stets aufmerksam lesen muss, scheint nichts belanglos zu sein.

Und vor allem gibt es gegenwärtig mit der AfD eine Partei, die „völkisch“ wieder „positiv besetzen“ möchte (siehe Daniels Post hierzu), Menschen durch ihre vermeintlich natürliche Zugehörigkeit zu einem fremden „Kulturkreis“ entmenschlicht, einer Kanzlerin Kompetenz abspricht, weil sie keine Kinder hat, ein „traditionelles“ Familienbild mit dem Schwerpunkt auf Kinderreichtum ebenso wie die Wiedereinführung der Wehrpflicht gutheißt und damit erschreckend erfolgreich ist. Da kann man ruhig mal ein antifaschistisches Buch in die Hand nehmen.

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