Der Lehrplan (9): Die Verwandlung

Warum nur könnte uns ein Schriftsteller etwas anderes „sagen wollen“ als das, was er niederschrieb? War er nicht in der Lage, sich eindeutig äußern, fehlte ihm der Mut dazu oder das Interesse daran, ist es gar Kokettieren? Weshalb nur sollte er Fährten legen und Finten schlagen?

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Erwacht zum Beispiel ein Gregor Samsa in Kafkas „Die Verwandlung“ als Käfer, dann geht es ja eigentlich, berufene Pädagogen haben es mich lehren wollen, nicht um die titelgebende Verwandlung Gregor Samsas in einen Käfer, sondern einen Vater-Komplex des Dichters, das heißt seine vermuteten Probleme mit jenem. Zu meiner Schulzeit gab es ohne ihre Erwähnung keine Hoffnung auf eine gute Benotung von Aufsätzen oder Klausuren. Die für manche angenehme Folge dieser fixen Idee war, dass niemand die Erzählung lesen musste, um mitreden zu können. Nur wurde dann eben nicht darüber gesprochen, wie es ist, Kafka zu lesen, sondern über allerlei Dinge, die als irgendwie „kafkaesk“ galten, über Vaterfiguren, Autorität und Ohnmacht. Große Käfer kamen zu kurz.

Vielleicht wird in den Schulen mittlerweile gar nicht mehr verlangt, zu erahnen, welche privaten Konflikte und Gefühle sich in Kafkas Werk Bahn gebrochen haben könnten. Es wäre wünschenswert, denn diese Art der Auslegung befördert Schwadronieren, belohnt Halbwissen und bietet eine faule Ausrede, um sich dem Befremdlichen und Außeralltäglichen in der Kunst nicht stellen zu müssen. Wer sie auf diese Art als Stichwortgeber für Diskussionen mit richtigen und falschen Auslegungen kennenlernt läuft Gefahr, sie für sinnlos zu halten, wenn sie ihm oder ihr unverständlich bleiben.

Ohne Frage ist es wichtig, rhetorische Mittel und die Absichten hinter ihrer Verwendung zu erkennen, es ist ja nicht so, als gäbe es keine Demagogen und Reklame. Doch nur, weil es Stilmittel gibt, muss etwas Unverständliches nicht gleich eine Parabel, eine Allegorie oder ein Symbol sein. Wacht Gregor Samsa „(…) zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“ auf, könnte Kafka insbesondere erzählt haben wollen, wie Gregor Samsa „(…) zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“ aufwachte. Es ist absolut in Ordnung, davon verwirrt zu sein und sich zu fragen, was das soll. Eine zufriedenstellende Antwort darauf muss es trotzdem nicht geben; wer sie als selbstverständlich voraussetzt, ist, je nach Art Fragestellung, naiv, paranoid oder überheblich. Kafka lebte zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten gesellschaftlichen und persönlichen Bedingungen, und unter ihnen schrieb er seine Werke. Die Kenntnis seiner Biographie hilft, sie historisch einzuordnen, zu einer Interpretation im Sinne einer inhaltlichen „Entschlüsselung“ tragen sie nichts bei.

Kann man „Die Verwandlung“ lesen, nachdem man sie lesen musste?

Ja, und zwar mit Vergnügen. Gregor Samsa erwacht als Käfer und sinniert erst einmal über sein Leben als Handelsreisender, obwohl er es nicht mehr führen kann und wird. Er ist nicht geschockt, glaubt nicht zu träumen und findet sich überhaupt sehr schnell in sein nun wirklich krass verändertes Dasein; auf eine phantastische, absonderliche Situation reagiert er angemessen unrealistisch. Bei anderen Autoren könnte eine solche Art der Darstellung die an sich schlichte, aber drastische Idee der Verwandlung wirkungslos machen. Da in Kafkas Erzählung auch die Familie Samsas (Eltern und jüngere Schwester) bemüht ist, ihr Leben so gut wie möglich weiterzuführen, wirken die Reaktionen aller Beteiligten auf irritierende Art stimmig und eher komisch als seltsam.

Dennoch ist „Die Verwandlung“ mitnichten eine lustige Erzählung, sie ist grotesk, wenn auch nicht gruselig. Alles ereignet sich seltsam gesittet, das grausame Ende eingeschlossen. Es fehlt der sensationelle Schock, Innenleben werden kaum ausgebreitet und keine Antworten gegeben. weil sich niemand Fragen stellt. Wenn sie uns ins Grübeln bringt, dann vor allem, weil wir ein Leben führen, das absonderlich genug ist, um uns in den absurden Geschichten Kafkas wiederzufinden. Nur was wollen wir uns damit sagen?

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