Magazine aus dem Magazin: Highsnobiety

Magazine aus dem Magazin (3) – Highsnobiety

„Raus aus der Blase!“, so hieß es mahnend nach dem Sieg der Postfaktiker in den USA und Sachsen. Schließlich waren wir alle ein bisschen schuld an deren Durchmarsch. Klar, wenn man immer nur in 1 Internetz abhängt und naise antideutsche Witze macht vong Pollitick her, wird es nichts mit der Agitation der Massen. Wir müssen wieder Dinge lesen, die wir gar nicht lesen wollen! Jasper Nicolaisen nimmt es auf sich und studiert jeden Monat eine von den Zeitungen, die in der Bibliothek immer hinter diesen komischen Fächern mit Plexiglasscheiben liegen

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Diesmal: Highsnobiety (Fall/Winter 2016)

Achtung, nicht auf den Titel gucken! Zeitung einmal durchblättern – na, was glaubst du, wie das Blatt heißt?

Durchblättern? Ich traue mich gar nicht, das anzufassen. Es mutet auratisch und fake zugleich an. Wie eine Ming-Vase. Aber eine Ming-Vase, die von Jeff Koons aus aufblasbarem Plastik gefertigt und von Brett Easton Ellis mit einer fiktiven Biographie versehen wurde. „Im Auktionshaus Smoothies als unverkäuflich annonciert und dann an die Prinzessin von Bharein im Tausch gegen ihre Lieblingsfalken aus diamantenen Nanobots gegangen, die Koons darauf Dickpics vom Berghain-Klo schickte“. Hm, vielleicht: „Slickscape Dandy“?

In Wahrheit: Highsnobiety

Noch viel besser, weil dümmer. Eigentlich nur mit dem Spruch zu beschreiben: so dumm, dass es schon wieder gut ist. Und der ist ja schon arg dumm. Jetzt weiß ich, warum mir das Heft so glossy und altbacken zugleich vorkommt! Es verstrahlt diese komplett überkommene 90er-Ironie. Da gab es doch auch so Magazine, die man wegen der Werbeanzeigen lesen sollte, oder? Oder anschauen. So mit Koksspuren in der Falz.

A propos Koks: Kommt Sex vor?

Nein. Zu cool für Sex. Alles kann, nichts muss. Abweisende Blicke in den Spiegel. Lippenstift, durch den sich Sprünge im Glas ziehen. Wortlose Versprechen, die sofort gebrochen werden. Den Kopf auf die Kacheln betten und einen Moment die Augen schließen. Ein Vangelis-Synthesizer-Motiv ertönt. Als du die Augen wieder öffnest, bist du in einer mit fake fur ausgekleideten Holzfällerhütte, in der sich die Prinzessin von Bhraein und Lady Gaga mit den Fingernägeln betasten. Du schaust auf und der Manager neben dir im Flieger riecht nach Red Bull und Schweiß.

Okay.

Nichts ist okay.

Ich frage dann einfach mal weiter.

Enjoy the feeling.

Kommen Plattenkritiken vor?

Musik kann man nicht sehen, nicht anfassen. Das hier ist Haptik, Optik. Brillanz und Schmuck. Ein rückwärtiges Prisma, das alles Zerfallene schmerzhaft verdichtet.

Äh, ja. Was glaubst du, wer liest das?

Niemand. Es liegt auf niedrigen Tischen und summt. Es zieht Gläserklirren und raschelnden Stoff an. Davon ernähren sich die blassen Wesen im Inneren. Es ist ein Vampir der Indifferenz, Indolzenz.

Jaok. Aber noch mal: wer liest das?

Ich glaube, das kauft man nur aus Versehen auf dem Weg zum Ryanair-Flug nach Düsseldorf. Oder streicht bei einer Vernissage, zu der man nur mitgeschleppt wurde, über das Erlesenheit herausschreiende Papier.

Also niemand.

Niemand, niemand.

Wie sähe die Welt aus, wenn sie so wäre, wie in diesem Magazin beschrieben?

Verstehst du nicht? Verstehst du denn nicht? Das ist unsere Welt! Und wir sind alle in ihr gefangen.

Empfehlung?

Ungefähr so sehr, wie ich das Necronomicon empfehlen würde. Wer in den seelenlosen Abgründen am Ende aller Zeiten dem endlosen Wimmern geistloser Flöten lauschen und dabei Coctails schlürfen möchte, ist hier sicherlich gut bedient.

Kostet?

Highsnobiety darf nicht gekauft, geraubt oder gestohlen werden. Es darf nur gefunden, als Geschenk empfangen oder im Traum geschaut werden.

Alternativen in unserer Welt?

Irgendein egales Magazin für Clowns und Affen, das am Rande deiner Wahrnehmung existiert, aber niemals von irgendjemand wirklich gelesen wird. Spiegel oder FAZ Quarterly vielleicht.

Danke.

Die Eulen sind nicht, was sie scheinen.

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