Über (Jung-)Antideutsche von ZEIT bis Jungle Word – Eine Presseschau

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Marlene Dietrich wusste schon: "Deutschland? Nie wieder!"

Letzte Woche ging eine Reportage des Zeit-Magazins in meiner Timeline ziemlich steil. „Ga Ga Land“, so der Titel des Artikels, wirkt ein wenig seltsam. Autor Mohamed Amjahid will Antideutsche porträtieren und hat dafür ein Jahr recherchiert. Unter anderem auf Wikipedia. Ein wirkliches Portrait bzw. eine Erklärung was „antideutsch“ genau ist oder sein soll entsteht leider nicht. Dafür aber eine Diskussion und mitunter viel Häme. Die Prinzessinenreporter persiflieren die Reportage mit einem angeblichen Einblick in die ZEIT-Magazin-Redaktion und Leo Fischer kritisiert den Artikel in Neues Deutschland. Große Lücken fallen Jutta Ditfurth auf Twitter auf:

Dabei hätte sich zur „Nie wieder Deutschland“-Demo auch ein Artikel auf Wikipedia finden lassen, der im Übrigen auch meine Bilderwahl zu diesem Post erklärt:

„Als Schlagwort der Radikale-Linke-Kampagne entstand der Slogan in Analogie zu einem kolportierten Zitat der Schauspielerin Marlene Dietrich. Danach soll sie auf die Frage eines Reporters geantwortet haben: ‚Deutschland? Nie wieder!‘. Daraus entwickelte sich später der politische Slogan, der der Ablehnung von deutschem Nationalismus und Patriotismus Ausdruck verleihen soll.“

Auch der Autor selbst reagierte auf das viele Feedback. Ein weit besserer Text zu dem Thema und einer kritischen Auseinandersetzung fand sich indes schon vor zwei Jahren in der Jungle World. Paulette Gensler schreibt dort von „Jungantideutschen“ die Pop und Pose statt Kritik & Theoriebildung in den Mittelpunkt stellen. Ich fühle mich hier durchaus angesprochen und empfehle gerade deswegen die Lektüre:

„Solche griffigen Gebrauchstheorien popularisieren in ihrer Amalgamierung mit »antideutschen Inhalten« letztere und bringen an Sekundärliteratur geschulte Theoretiker hervor, die ausgestattet mit Halbwissen der Reihe »Theorie.org« oder ähnlichen Verballhornungen von Kritik sich nur in der Phrasendrescherei hervortun können.

Somit betrifft das heutige Dilemma nicht bestimmte Erscheinungsformen, sondern die gesamte geistige Konstitution der Jungantideutschen. Auch jene Reeducation, wie sie Adorno in seinen zahlreichen Aufsätzen und Vorträgen über Bildung und Erziehung konkretisierte, hatte keineswegs die Vermittlung vorgefertigter Botschaften zum Inhalt, sondern betraf die Fähigkeit zum Denken als Grundlage der Mündigwerdung selbst. […] Es gilt vielmehr, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, selbst eine vernünftige Kritik an einem bestimmten Gegenstand formulieren zu können, statt der routinierten Wiedergabe von Parolen zu frönen. Schließlich ist dies eine sehr individuelle Aufgabe, die durch Austausch und Zusammenarbeit vorangetrieben werden, jedoch nie a priori danach verlangen kann. In diesem Zuge wäre auch daran zu erinnern, dass Kritische Theorie die Fortführung und nicht die Ersetzung traditioneller Theorie darstellt. Der Abbruch der Tradition statt deren Reflexion ist das Jugendliche und Pubertäre der »Jungantideutschen«, die von der eigenen Konformität nicht wissen wollen und gerade deshalb umso tiefer in diese hineingeraten. Das antibürgerliche Ressen­timent gegen ein diffuses »Händereichen mit konservativen Kräften« endet in der durch geistesfeindliches Rebellentum motivierten Forderung, sich einer Querfront der aktivistischen Dummheit zuzuwenden oder sich in solcher gar einzubringen.“

Und wo wir schon dabei sind, soll auch die im Artikel erwähnte Kritik der Antideutschen Aktion Berlin in Bezug auf Einhorn- und Katzenbildern verlinkt werden:

„Es ist mehr als nur zynisch, wenn man gesellschaftliche Widersprüche im postmodernen Kapitalismus sowie die zunehmende Barbarei in den vom Weltmarkt abgehängten Gebieten unter Zuhilfenahme von Katzenbildern oder mittels bunter Einhornmontagen inklusive Davidstern kommentiert.

Wenn antideutsche Inhalte mit den hinlänglich bekannten Symbolen verziert sind, finden sie ausschließlich begeisterte Abnehmer im eigenen Dunstkreis. Nicht nur aus diesem Grund ist anti-deutsche Politik in den vergangenen Jahren zwischen NGOs, Facebook-Gruppen und Universitätsseminaren komplett hängengeblieben.“

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