Magazine aus dem Magazin

Magazine aus dem Magazin (4) – Mittelweg. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung

„Raus aus der Blase!“, so hieß es mahnend nach dem Sieg der Postfaktiker in den USA und Sachsen. Schließlich waren wir alle ein bisschen schuld an deren Durchmarsch. Klar, wenn man immer nur in 1 Internetz abhängt und naise antideutsche Witze macht vong Pollitick her, wird es nichts mit der Agitation der Massen. Wir müssen wieder Dinge lesen, die wir gar nicht lesen wollen! Jasper Nicolaisen nimmt es auf sich und studiert jeden Monat eine von den Zeitungen, die in der Bibliothek immer hinter diesen komischen Fächern mit Plexiglasscheiben liegen.

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Diesmal: Mittelweg. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Ausgabe 36: „Neues Deutschland“

Achtung, nicht auf den Titel gucken! Zeitung einmal durchblättern – na, was glaubst du, wie das Blatt heißt?

Mitten in der Gesellschaft. Zeitschrift der deutschen Gesellschaft für Bedenkliches aus Demokratie und Wirtschaft.

In Wahrheit: Mittelweg. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Nicht schlecht.

Mittel weg, höhö.

Hä?

Ja, bei denen sind wohl alle Mittel weg.

Au weia.

Das würde auch erklären, warum in dieser Ausgabe alle paar Seiten irgendwelche Produkte abgebildet sind. Vielleicht der Versuch von Schleichwerbung, um die Kasse ein bisschen aufzubessern. Es sind auch sozialwissenschaftlertypische Produkte. Fertigspagetthi oder so was.Magazine aus dem Magazin: Mittelweg

Schreibt man das nicht „Spaghetti“?

Bin ich Sozialwissenschaftler?

Dachte eigentlich schon. Hast du nicht mal so was studiert?

Soziologie.

Na bitte. Und, wie war das so? Erkennst du das was wieder in dieser Zeitung?

Humorbefreitheit. Oder, nicht mal Humorbefreitheit. Eher der Versuch, komisch zu sein, und es klappt dann halt nicht. Wie Lateinlehrer, die immer „zum Bleistift“ und Agamemmnon statt „angenommen“ sagen.

Bin mir nicht sicher, dass man den antiken Versepenhelden wirklich so schreibt.

Bin ich Lateinlehrer?

Du bist heute so passiv-aggressiv. Was ist denn los?

Ach, diese Zeitung macht mir schlechte Laune. So ein komischer violetter Rand, der irgendwie frech sein soll. Und dann lauter so Papers von, ach, ich weiß auch nicht, dem Doktoranden, der im Fachbereich mal was werden soll und das noch braucht für die Diss. Und das Thema ist dann immer irgendwie Deutschland oder Demokratie oder Pluralismus, aber mit so einer alltagsbezogenen Note, so angewandt irgendwie, so am Puls der Zeit, aber total eingeschlafen. So: ist ja nett, was das vor einem Jahr im Spiegel stand, aber wir gehen das jetzt noch mal fundiert an. Wir fragen erst mal: was bedeutet das denn überhaupt, Migration? Das kommt ja aus dem Griechischen, aber viel wichtiger ist, was Deleuze oder der kleine Bruder von Habermas, der es nie so weit gebracht hat, irgendwann mal dazu angemerkt hat, in einem übrigens eminent komischen Briefwechsel mit Ulrike Hassloch, dass nämlich wir alle unser Leben lang migrieren, also wandern, von Leben zum Tode, vom Gedanken zum Nichts, von der Rentenversicherung bis zur Flüchtlingskrise, und da ist für jeden quasi was dabei!

Dabei denkt man bei „Institut für Sozialforschung“ natürlich sofort an Adorno.

Natürlich.

Frankfurter Schule.

Genau.

Erziehung nach Auschwitz.

Du sagst es.

Die Radioprogramme.

Wer kennt sie nicht?

Du?

Du doch auch nicht.

Stimmt.

Tja.

Tja.

Du, meine Zwischenprüfung war zu Foucault und danach weiß ich auch nicht mehr. Das ist alles schon so lange her.

Kommt Sex vor in der Zeitschrift?

Dazu fällt mir eine Adorno-Anekdote ein. Also, die ganzen Studenten, die er damals hatte, die waren ja so 68er. Also ständig nackt, quasi. Immer mit einem Joint im Mund und so kommunenmäßig unterwegs. Nur Beatles und Ton Steine Scherben den ganzen Tag.

Rolling Stones.

Ja.

Jimi Hendrix.

Janis Joplin.

Woodstock.

Man denkt, Adorno als Denker der Linken hat das befürwortet. Aber das war nicht so. Er hat es abgelehnt. Und da kam eine Studentin mit nackten Brüsten in die Vorlesung, und da ist er weinend rausgerannt.

Boah. Der Arme.

Doch! Wirklich! Ich habe mal geträumt, er hätte stattdessen gesagt: „Nackte Brüste gab es auch in Auschwitz“.

Nein. Das hat er nicht gesagt. So etwas Dummes und Brutales hätte Adorno nie gesagt,

War ja nur ein Traum.

Ein unnötig dummer und gefühlloser Traum.

Sozialwissenschaftler haben nur solche Träume!

Wie sähe die Welt aus, wenn sie so wäre, wie in diesem Magazin beschrieben?

Ziemlich so wie heute. Es ist eine ganz gute Beschreibung.

Empfehlung?

Ach, ich weiß nicht.

Kostet?

Wird aus den Literaturmitteln der Fachschaft bezahlt.

Alternativen in unserer Welt?

Phase 2. Da sind die Aufsätze länger, aber dafür sind die Fußnoten falsch.

Und es gibt keine Pastawerbung.

Dachte immer, diese mysteriösen schwarzweiß-Fotos in der Phase, das ist Werbung.

Wofür soll das denn Werbung sein?

Für das Leben.

Scheiße, ich glaube, du hast recht.

Es gibt auch keine Plattenbesprechungen, falls du das noch gefragt hättest.

Dachte ich mir.

    Ein Kommentar:

  • Martin Däniken schreibt am 12. Juni 2017 um 13:58

    Die wollen demnächst ein Preisausschreiben veranstalten:
    1.Preis:eine Ganzkörpertätowierung Oberkörper-ein schwarzer Rollkragenpullover/Unterkörper-eine braune Cordhose..

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