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Magazine aus dem Magazin (5) – apartamento – an everyday life interiors magazine #19

„Raus aus der Blase!“, so hieß es mahnend nach dem Sieg der Postfaktiker in den USA und Sachsen. Schließlich waren wir alle ein bisschen schuld an deren Durchmarsch. Klar, wenn man immer nur in 1 Internetz abhängt und naise antideutsche Witze macht vong Pollitick her, wird es nichts mit der Agitation der Massen. Wir müssen wieder Dinge lesen, die wir gar nicht lesen wollen! Jasper Nicolaisen nimmt es auf sich und studiert jeden Monat eine von den Zeitungen, die in der Bibliothek immer hinter diesen komischen Fächern mit Plexiglasscheiben liegen.

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Diesmal: apartamento – an everyday life interiors magazine #19

Achtung, nicht auf den Titel gucken! Zeitung einmal durchblättern – na, was glaubst du, wie das Blatt heißt?

Ist doch kackegal, wie das heißt. Es kann nur zauberschön sein. Das ganze Heft ist ein Glanz! Hier, riech mal.

(schnüffelt) Hmmm. Wie eine schöne Wohnung.

Ja, aber eine wahrhaftig schöne Wohnung! Eben nicht so schöner-wohnen-schön, sondern: richtig schön. Eine Mischung aus Essen, Blumen, Körpergeruch und Bücherschweiß, in der noch jüngst verklungene Musik warm vibriert. Eine Geruch, in den man eine Plattennadel einführen könnte. Und fühl mal.

(tastet) Ooooh. Wie geliebte Haut.

Nein. Oder: fast. Eine Stufe davor. Oder danach. Wie die Oberflächen in der Wohnung eines geliebten Menschen. Decken, Tische, Buchrücken, deine Mulde im Küchensofa. Ganz, ganz wunderbar ist das.

Das Heft heißt apartamento – an everyday life interiors magazine.

Zauberschön. Siehst du? Hab ich´s nicht gesagt? Zauberschön, weil es wahr ist. In diesem Heft von Taschenbuchformat geht es ja darum, begleitet von genauen Ansichten ihrer Wohnungen, kluge und interessante Menschen im Plauderton zu befragen. Und all die Wohnungen sind, weil in ihnen kluge und interessante Menschen wohnen, auch interessant. Was mich am meisten fasziniert und berührt ist, dass keine der Wohnungen unangenehm gestylt wirkt. Es könnten echte – oder sind es ja auch – kleine Wohnungen deiner Künstlerinnenfreunde sein, wo alles so vor sich hin staubt.

Du hast recht. Trotz der bunten Farben und der vielen Kunstwerke an den Wänden sieht es in beinahe allen dieser Wohnungen recht staubig aus.

Das kommt von der ungünstigen Kombination aus „viel angesammelt haben“ und „wenig Platz haben“, gepaart mit „kein Geld für eine Putzhilfe“. Es sind halt so New Yorker oder so Hinterhofwohnungen, in denen Leute wohnen, die internationale Designer, alte Musiker oder Bekannte von Discofickern der 70er sind. Und die haben natürlich die Bude voll mit Andenken von damals und Arbeitsmaterial: Bücher über das „Black Mountain College“, Skizzen von Laurie Anderson, der Penis von John Lennon und alte Schreibtische voller Müll und Plattenspieler. Und so Zettel mit der Setlist von einem Hippiefestival in Vermont. Bevor die Zeitung kam, haben sie schnell die leeren Pizzaschachteln unters Bett geschoben und die Sektflaschen auf der Fensterbank abgestaubt. So Wohnungen sind das. Plus Kunststoffobjekten von der Documenta 3.

Und die Interviews?

Die Interviews sind alle so, wie wenn man da kurz reinschneite und sich schon lange kennen würde. Sag mal, wie war es denn damals so als Discoficker? Gut? Ah, super. Und, mal wieder eine Platte gemacht oder was Internationales designt? Nein? Nee, muss ja auch nicht. Kennst du eigentlich Bear Holiday? Ich auch nicht, soll aber gut sein. Oh, schönes Buch. Der Umschlag ist von Yoko Ono? Ach, Yoko, die hab ich ja neulich mal im deutschen Fernsehen gesehen, die hat da eine Show mit Claws Hoya-Umlau. Ein Cremant? Oder einen Schokoriegel? Kannst du mir zwei Dollar leihen? Halt normale Gespräche.

A propos Gespräche: Kommt Sex vor?

Das ganze Heft ist Sex. Sex von Leuten für Leute, die Sex nicht mehr nötig haben, seit sie Discoficker in den 70ern waren. Aber natürlich können sie immer noch jeden haben. Und dann atmet diese ganze staubige, bunte Bude ein und aus und der New Yorker Regen ist der kühle Schweiß eines sanften Tiers.

Wow.

Ich kann das auch erst erfassen, seit ich dieses Heft gelesen habe. Es ist wirklich die beste Zeitung aller Zeiten. Sie ist selbst wie eine Wohnung, in die man gerne kommt.

Oder in der man gerne kommt.

Ein bisschen Demut vor dieser Schönheit wäre schon angebracht.

Okay.

Ja.

apartamento(Beide schweigen. Draußen rauscht der Regen. Wie durch Magie liegt plötzlich eine Zigarettenschachtel auf dem Tisch. Beide rauchen stumm. Der Rauch kreist um die schwere Bibliothekslampe. Die Vorhänge weben aus Nachmittagslicht und Nikotin einen Song von Nico Päffgen.)

Weißt du, schon das Kaufen dieser Zeitung war ein Erlebnis von einiger Schönheit. Ich sah sie das erste Mal auf dem Tisch vor einem Spätkauf in einem schrecklichen Viertel Berlins. Immer, wenn ich danach an dem Laden vorbeiging, war er geschlossen. Ich drückte mir die Nase an der Scheibe platt, um das Heft mit der so ruhig elektrisierenden Ausstrahlung noch einmal zu sehen. Im Halbdunkel erspähte ich Strickzubehör, Schokoriegel und alte Schallplatten, dazu Zigaretten, Bier und die Tagespresse. Dann, viele Wochen später, flüchtete ich nach meiner Therapiestunde vor dem Regen in irgendeinen Hauseingang. Da bemerkte ich, dass es der Laden war. Fast so, als hätte das Geschäft, als hätte die Zeitschrift die Stunde unserer Begegnung ausgesucht. Ich nahm sie vom Stapel und wollte zahlen, da sagte die Frau hinter der Kasse – sie trug eine unwahrscheinlich große Brille – sie sagte: Warten Sie, ich gebe Ihnen eine frische. Bei dem Preis haben Sie eine frische verdient. Sie flirtete mich unverkennbar an, dabei war schien sie in den 70ern zu sein. Ihr Blick traf mich wie warmer Honig. Sie rauchte und aß einen Schokoriegel, was aber ihrer Sexyness ebenso wenig Abbruch tat wie der doch beträchtliche Altersunterschied zwischen uns. Mit klopfender Erektion zahlte ich die zwölf Euro. Da fiel mein Blick auf das Strickzeug, das auf dem Tresen lag. Ich sah der Verkäuferin in die Augen, das heißt, ich wollte ihr in die Augen sehen, blieb aber unterwegs an ihren Brüsten hängen. Sie trug ein Strickkleid, ein vermutlich selbstgestricktes Strickkleid, durch das sich ihre Brustwarzen – abzeichnen wäre zu wenig gesagt, aus dem ihre Brustwarzen schauten wie andere Augen. Das ist natürlich ein erzdummes Bild, aber sie verzeih mir. Und da begriff ich, dass der Laden zugleich ihre Wohnung war, wo sie aß, arbeitete und schlief, und so hatte ich dieses Heft über Gespräche in Wohnungen in einer Wohnung erworben, und da drückte und spannte sie auch schon die Ladentür, und ich wusste auch, warum das Geschäft so oft geschlossen gewesen war.

Du musst nichts mehr sagen.

Es war dann noch so schön.

Um dieses Heft sammelt sich zwangsläufig Schönheit.

Kommen Plattenkritiken vor?

Nein. Die Menschen, die sich um dieses Heft versammeln, kennen alle Platten, die sie kennen müssen.

Was glaubst du, wer liest das?

Ich. Du. Wunderschöne ältere Frauen in Strick- und Schokoriegelläden.

Wie sähe die Welt aus, wenn sie so wäre, wie in diesem Magazin beschrieben?

Eine solche Welt kann es erst nach der Revolution geben, am kühlen Herbstnachmittag der Menschheit.

Empfehlung?

Wer es braucht, wird es finden. Meine Empfehlung ist nicht nötig.

Kostet?

12 Euro. Aber es schenkt dir eine Seele.

Alternativen in unserer Welt?

Keine. Nirgends. Dieses Heft ist ein Zimmer aus einer anderen, besseren Welt.

Danke.

Ich danke dir. Willst du einen Schokoriegel?

Gerne. (Kaut) Seit wann strickst du eigentlich?

Nach all unseren Interviews weißt du schon so viel von mir. Ich weiß noch gar nichts von dir.

(Eine Wohnungstür schließt sich.)

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