Disco Demolition Night

Disco Demolition Night – The day that disco died

Es gibt wohl wenige Musik-Genres, die ein eigenes Todesdatum haben. Disco hat es. Der 12. Juli 1979 ist der „offizielle“ Todestag der Disco-Musik.

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Mitte der 70er Jahre schaffte es die ersten Disco-Hits in den Mainstream und damit war das Interesse der Plattenfirmen geweckt. Schließlich ließ sich mit dieser Tanzmusik viel Geld verdienen. Disco war aber mehr als nur Musik. Disco war hedonistisch und subkulturelles Auffangbecken. Disco war Eskapismus für Minderheiten, entstand das Genre doch vornehmlich Ende der 60er in Gay-Clubs und sprach neben der LGBT-Community vor allem auch Afroamerikaner, Italoamerikaner und Hispanics an. Tanzmusik war Gegenkultur und Fluchtmöglichkeit aus dem harten Alltag. Im ersten größeren Artikel über das Genre 1973 im Rolling Stone schrieb Vince Aletti:

„Allgemein betrachtet ist der typische DJ in New Yorker Diskotheken jung (zwischen 18 und 30 Jahren alt), Italiener und schwul.“

Etwas was sich zumindest zum Teil auch im Film „Saturday Night Fever“ wiederspiegelt. Nicht umsonst ist Protagonist Tony Manero Italoamerikaner. Der Film von 1977 war bestimmt auch Höhepunkt des Disco-Hypes. Insbesondere durch seinen legendären Bee-Gees-Soundtrack. Dabei muss hervorgehoben werden, dass die Bee Gees zuvor gänzlich andere Musik machten und erst spät auf den Disco-Zug aufsprangen. Mit ihren Songs zum Film schufen sie einen der bestverkauftesten Soundtracks aller Zeiten. Gleichzeitig war der Markt gesättigt und die Rockfans fühlten sich bedroht und waren sich einig: „Disco sucks!“

Als dann auch noch „ihre“ Bands und Künstler wie KISS, die Rolling Stones, Rod Stewart, Queen oder David Bowie Disco-Elemente in ihre Songs einbauten war das Geschrei groß: Sell out, Ausverkauf, Verrat!

Wie ein DJ Tausende von Disco-Platten in die Luft sprengte

Besonders sehr hasste der 24jährige Radio-DJ Steve Dahl das Tanzmusik-Genre. Eine Programmänderung bei seinem Arbeitgeber WDAI führte dazu, dass der Rock-Fan gefeuert wurde. Sein Musikgeschmack passte einfach nicht mehr zum neuen Stil des Senders.

Einige Monate später machte er sich über den Disco-Hype und seinen ehemaligen Arbeitgeber bei der Konkurrenz lustig. Der beleidigte DJ gewann so die Herzen einiger Rock-Fans. Darunter auch das von Mike Veeck, Sohn des Besitzers der Chicagoer Baseball-Mannschaft White Sox. Zusammen erdachten sie ein Promo-Event der Extraklasse.

Wer am 12. Juli 1979 zum Spiel der Sox kommt und mindestens eine Disco-Platte zum Zerstören mitbringt, konnte für gerade mal 98 Cent das Spiel im Comiskey Park ansehen. Angesagt waren zwei Spiele, in einer Pause zwischen beiden Spielen sollten die Platten dann gesprengt werden.

Die Veranstalter rechneten mit 25.000 bis 30.000 Fans, kommen sollten dann aber über 50.000. Leute, die nicht mehr auf das Gelände gelassen wurden, kletterten einfach über den Zaun. Am Spiel waren die meisten eher wenig interessiert. Sie wollten die Platten brennen sehen und warfen sie wie Frisbees auf das Spielfeld. Einige der mitgebrachten Platten wurden eingesammelt und dann nach dem ersten Spiel in einer Kiste auf das Spielfeld gebracht. Steve Dahl, mit Army-Helm und Fantasie-Uniform, brüllte zur Masse:

„Dies ist nun offiziell die größte Anti-Disco-Kundgebung der Welt! Hört zu, wir haben alle Disco-Platten, die ihr heute Abend mitgebracht habt, die haben wir in einem riesigen Kasten gesteckt, und wir werden die wiiiiiirklich guuuuut in die Luft sprengen.“

Dann jagte Dahl die Platten hoch, woraufhin die Masse auf das Feld rannte und ausrastete.

In Zerstörungswut und Feierlaune konnte das angekündigte zweite Spiel gar nicht mehr stattfinden.
Die Disco Demoliton Night war nicht das einzige Anti-Disco-Event, aber mit Abstand das Größte und zeitlich am nächsten am kommerziellen Abstieg des Genres.

Homophob und Rassistisch?!

Es war sicherlich nicht nur Dahls Auftreten als Fantasy-General, dass Kritik auf sich zog. Chic-Gitarrist und Produzent Nile Rodgers verwies auf die Ähnlichkeit der Demolition Night zur Bücherverbrennung der Nazis.
Nicht wenige bemerkten, dass hier vornehmlich weiße Jugendliche gegen ein in der LGBT-Community entstandenes Genre protestierten. Rolling-Stone-Autor Dave Marsh erinnert sich:

„Ich war entsetzt. Es war die paranoideste Vorstellung die Du davon haben konntest wozu die ethnische Säuberung des Rock-Radios führen konnte.“

Bereits 1979 schrieb Marsh, dass dies ein Event von jungen weißen Männern gewesen sei, die sich durch ein „Produkt von Homosexuellen, Schwarzen und Latinos“ bedroht fühlten. Kutlurhistoriker J. Zeitz schrieb 2008 im Journal of Contemporary History:

„Eine offensichtliche Erklärung für die Ausschreitungen bei der Disco Demolition Night kulminiert in der Sehnsucht weißer, Working-Class-Baseball-Fans eine Kunstform anzugreifen, die mit Afro-Amerikanern, Schwulen, Lesben und Latinos verknüpft ist.“

Auch heute finden sich unter den entsprechenden YouTube-Videos Diskussionen ob das Event nun rassistisch war oder nicht. Mit-Initiator Steve Dahl streitet dies natürlich vehement ab. Vielen ging es ja schließlich nur um ein verhasstes Musik-Genre und für Dahl standen nach der Publicity um die Demolition Night viele Türen offen. Er wurde landesweit berühmt und schrieb ein Buch über sein Event: The Night Disco Died (Partnerlink)
Angeblich arbeitet er zusammen mit Bob Odenkrik („Better call Saul“) an einer Comedy über die Nacht in der Disco starb.

Weiterführende Links zur Disco Demolition Night

Disco Demolition: Riot to Rebirth – Kurzdoku auf YouTube
Flashback: Watch The Fiery Riot

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