Die Punk-Oma: Märchen ohne Moral aber mit Aussage

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Punk-Oma erzählt Märchen

Die Punk-Oma erzählt moderne Märchen auf YouTube. Es geht meist um Identitätsfindung. Da sie auch über asexuelle Einhörner erzählt dachte ich, dass es eine gute Idee sei sie hier vorzustellen. Es geht um Scheiße, die ganz gemütlich sein kann und Hipster-Regeln im Märchenland.

Du bist also die Punk-Oma, Dich kennt man aus Deinen Märchenerzählungen auf YouTube. Wieso machst Du das? Andere Omas stricken oder kochen Nudeln mit Butter und Zucker.

Oh, es fing damit an, dass ein Freund von mir aus Kanada gerne ein Märchen auf Deutsch hören wollte. weil ich kein passendes Märchenbuch fand, setzte ich mich hin und fing an, zu erzählen und erzählte ein zeitgemäßes Märchen, das sehr kurz und tragisch wurde, aber offenbar den Zeitgeist traf. Die Punk-Oma hat kein wirkliches Sendungsbewusstsein. Die setzt ihre Brille auf, macht die Kamera an und fängt auf wohl oder übel an zu erzählen

Das heißt entgegen anderer Märchen muss man auch nicht vor der „Moral der Geschicht“ Angst haben?

Nein, auf gar keinen Fall. Die Punk-Oma will nicht erzählen, was falsch oder richtig ist, sondern eher Identitäts-Dilemma in Stories verpacken. Die Punk-Oma versteht schon die verschiedenen Probleme, die junge Leute heute haben und versucht sie, ein bisschen zu abstrahieren…
Nee, alles Quatsch. Die Punk-Oma will lustige Geschichten erzählen, ohne das Problem dahinter lächerlich zu machen.
Punk ist die Methode, mit der die Stories entstehen „Machen wir einfach mal!“. Da wird nicht groß überlegt und theoretisiert, die Geschichten sind improvisiert. Obwohl natürlich gewisse Erwartungen sich entwickelt haben.

Welche Erwartungen sind das?

Es fing ja an mit der Geschichte vom Prinzen, der Prinzessin sein wollte, dann war schon irgendwie klar, dass die Geschichten sich im weitesten Sinne irgendwie mit Geschlechter- und Sexualitätsidentität befassen würden.

Ich meine auch, dass die Punk-Oma Coming Of Age Märchen erzählt. Die kann man gut nachvollziehen, weil -trotz aller Unterschiede- diese Phase im Leben bei allen ähnlich abläuft. Sexuelle Findung, Identitätsfindung, man festigt den Menschen, der man mal wird. Wobei die Punk-Oma den Zuhörer immer wieder beruhigt: “Es ist okay, dass Du nicht weißt, wer Du sein wirst.”

Ja genau! Märchen haben halt eine sehr statische und enge Auffassung von “Glück” und dem “Guten”. Und heute isses halt so, dass die stories eigentlich noch genauso laufen wie sie das schon immer taten, der Unterschied liegt nur darin, wie man sie bewertet.  Also, dass die Prinzessin am Ende allein durch die Welt zieht, ist genauso cooles Happy end wie Heirat etc. Wobei es nicht darum geht, konventionelle Vorstellungen nieder zu machen, sondern darum, alternative Lösungen auch ein bisschen rosa anzupinseln. Auf jeden Fall ist es mir sehr sehr wichtig, nicht den linken Zeigefinger zu erheben. Find ich auch total furchtbar

Du bist ja jetzt aus ´nem bestimmten Grund als Interviewpartner hier. Wegen Deiner zweiten Erzählung von “Jochen, dem asexuellen Einhorn.” Wieso wähltest Du die Figur des Einhorns für diese Geschichte? Weil sie als rein und unberührt gilt?

Ja. Wobei es natürlich nicht ganz so leicht ist. Jochen ist ja als asexueller der Außenseiter in der Gemeinschaft. Das heißt, dass alle anderen “reinen und unberührten” Einhörner sexualisiert worden sind. Und Jochen, der eigentlich viel eher diesem Klischee entspricht, ist deswegen “draußen”. Die Einhörner fand ich deshalb ganz passend, weil sie sich so leicht profanisieren lassen. Weil sie das “reine, gute edle” symbolisieren. Auch bei Einhörnern gibt‘s keine unberührte Empfängnis. Keiner ist reiner, besser, schöner oder höher per Geburt. Und Jochen gehört da ja genauso dazu. Er ist eigentlich dazu prädestiniert, das “über-Einhorn” zu sein, weil er keine Lust auf Sex hat. Aber er fühlt sich darum nicht als etwas Besseres. Er ist einfach so. Und das ist auch etwas, womit er bei den Einhörnern nicht durchkommt.
Nicht-Sexualität wird das meiste Unverständnis entgegengebracht. Alles geht, alles darf man, alles ist okay, nur nicht wollen darf man nicht. Das wirkt evtl. wie Verrat an den Leuten, die Freiheiten erkämpft haben.

In Hinsicht auf die Märchentradition finde ich, dass Elemente von Andersen und Wilde bei Dir zu finden sind. Die Melancholie und dennoch Hoffnung.

Melancholisch?

Ja, finde ich schon. Jochen ist irgendwie das moderne hässliche Entlein.

Der Kern der Geschichten ist eher so: Jeder landet irgendwie mal in der Scheiße. Der Punkt ist: jeder hat seinen eigenen Weg, sich daraus zu befreien. Oder festzustellen, dass Scheiße auch ganz weich und warm sein kann.

Die wichtigste Frage hätte ich fast vergessen. Wo kauft die Punk-Oma ihre Brillen ein?

Die werden für sie von einer Truppe polyamoröser Trolle handgefertigt, aus Untergrund-Hippness-Gründen kann ich die Kontaktadresse leider nicht weitergeben….

Blödes Märchenland-Szenetum.

Gewisse Regeln bestehen auch da, die letzten Regel, die fallen werden, sind die Hipster-Gesetze. Mark my words.

Als letzte Frage. Einhornism ist der Glaube an Schönheit, Liebe und Veränderung. Ist die Punk-Oma Einhornist?

Ja, aber wie man sich denken kann, hätten ein paar Leute wohl Probleme mit dem, was Schönheit und Liebe für die Punk-Oma bedeutet.

Mehr über die Punk-Oma:

Wolfseule ist die Punk-Oma und betreibt nicht nur ein Netlabel, sondern macht auch selbst Musik.



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