Poetischer Terrorismus: Playbacks, Filme & Fotografien als terorristischer Akt

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Playbacks, Filme & Fotografien als terorristischer Akt

Nachdem William S. Burroughs 1968 als Reporter Zeuge der Unruhen in Chicago wurde, entwickelte er die Idee seine Cut-up Technik auch als Waffe einzusetzen. Parapsychische Kriegsführung sozusagen.

Sein Ziel war es durch Aufnahmen, die er an öffentlichen Plätzen abspielte eine neue Realität zu schaffen. Ein Spiel mit der Wahrnehmung. Zusätzlich beschloss er während der Aufnahmen und des Abspielens eben dieser Fotos zu machen.

“Das hat eher etwas von einer Machtergreifung auf kultureller Ebene, ist eine Möglichkeit, bei den Leuten eine Bewusstseinsveränderung zu bewirken und weniger eine Möglichkeit, direkte politische Kontrolle zu erlangen.”

Nachdem man ihm einen angeschimmelten Käsekuchen in der Moka Bar in London servierte war ein Opfer gefunden. Jeden Tag stellte er sich vor die Espresso Bar fotografierte, nahm auf und spielte wieder ab. Vom 3. August bis zum 30. Oktober 1972 ging er so vor und schließlich schloss die Bar.

“Ich habe häufig die Feststellung gemacht,  dass diese  simple Operation – Ton – und Fotoaufnahmen von einem Ort zu machen, den man unter Druck setzen oder kaputtmachen will, und diese dann abspielt und noch mehr Fotos macht – zu Unfällen, Bränden oder Umzügen führt; vor allem zu letzterem. Das Zielobjekt weicht aus.”

Natürlich wurde das ganze von Burroughs auf eine Paraebene gehoben, letztendlich ist die Aktion dennoch nachvollziehbar und lässt sich gar als poetischer Terrorismus im Sinne von Hakim Bey bezeichnen.

“Die Publikumsreaktion oder der durch Poetischen Terrorismus hervorgerufene Schock sollte mindestens so stark sein wie das Gefühl des Terrors, vehementer Abscheu, sexueller Erregung, abergläubiger Ehrfurcht, plötzlichen intuitiven Durchblicks, dadaesker Angst – egal, ob Poetischer Terrorismus einer Person oder Vielen gilt, egal, ob ‘signiert’ oder anonym, wenn sich dadurch nicht irgendjemandes Leben ändert (außer dem des Künstlers), ist er mißlungen.”

Poetischer Terrorismus schafft hierbei Irritationen, arbeitet aber nie mit Gewalt. In seinem Buch Temporäre Autonome Zone (T.A.Z.) von 1985 definiert Bey Situationen in denen herrschende Regeln außer Kraft gesetzt werden und dadurch neue Begegnungen entstehen. Wenn Autoritäten ihre Macht verlieren ist die Möglichkeit zu unvorhersehbaren neuen Entwicklungen gegeben. Dadurch können neue Erfahrungen und zukunftsweisende Konzepte entstehen.

Man muss nach der Lektüre von T.A.Z. nicht viel abstrahieren um die Gemeinsamkeiten zu Burroughs Vorgehen zu erkennen. So wie Burroughs Prinzipien Beys vorweg nahm, nahm Bey die Bedeutung von Street Art, Adbusting oder Flashmobs vorweg.

Poetischer Terrorismus

Wenn Fotografieren als terroristische Bedrohung wahrgenommen wird

Was ich nun aber viel erstaunlicher finde ist, dass reines Fotografieren und Filmen immer mehr zur Bedrohung zu werden scheint. So zum Beispiel in London. Wo wir hier noch gerade so Schäuble belächeln können geht es dort bereits viel weiter. Durch Plakate sollen die Bürger an Denunzierung und Überwachung gewöhnt werden:

Hier kannst Du Dir die Plakate für den Heimgebrauch downloaden.

Eine noch bessere Kampagne gibt es hier.

Noch weiter geht die Polizei, die immer häufiger Fotografen in Gewahrsam nehmen, weil sie Touristenattraktionen fotografieren, die ja potentiell gute Terrorziele darstellen. So waren gleich sieben Polizisten von Nöten um den renommierten Architektur-Fotografen Grant Smith zu durchsuchen, nachdem er einem Wachmann keine Auskunft über sein Handeln geben wollte. Schließlich befand er sich auf öffentlichem Gelände und fotografierte nur eine Kirche.

Dank Section 44 des Terrorism Act 2000 hat die britische Polizei dazu jederzeit das Recht. Obwohl 2008 die Durchsuchungen um ein dreifaches angestiegen sind bleibt der Erfolg aus. Nur 0.1% der Durchsuchten wurden überhaupt verhaftet (was nicht heißt, dass sie angeklagt oder verurteilt wurden).

Ein weiteres Dokument der aktuellen Kontrollen könnt Ihr hier sehen:

Und so scheint Burroughs letzten Endes Recht zu behalten. Allein durch das Fotografieren und Filmen kann man Menschen offenbar so beunruhigen, dass erstaunliche Maßnahmen von Nöten sind. Da kann man sich nun dran gewöhnen oder ab sofort selbst mit Kamera und Diktiergerät gewappnet aus dem Haus gehen.



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