Im Mandarinenwald

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Mandarinenwald

Ich bin ja so ein Reblogger-Blogger, manchmal schreibe ich eine Kurzgeschichte über mein Einhorn, gebe mit popkulturellen Querverweisen an oder promote meine eigene Person, aber wirklich eigenen kreativen Input gibt es hier selten. Deswegen bewundere ich BloggerInnen, die ihren kreativen Output einer Öffentlichkeit preisgeben. Viel davon ist lala, vieles interessiert mich nicht. Aber dieser Text hier von Carmen Schnitzer, den ich bei Himmelende fand und freundlicherweise nochmal veröffentlichen darf, hat mich umgehauen. Carmen, die eigentlich als Redakteurin bei hey! arbeitet, schreibt seitdem sie sechs ist. Und sie hat Talent. Vielleicht ist das manchen zu bildhaft, zu metaphorisch. Aber ich mag den Mandarinenwald, weil er Bilder enthält, die sich bei mir im Kopf entfalten. Und es sind die Auslassungen, das Verknappte. Das sind die Stellen an denen man hängen bleibt und inne hält. Und ich hoffe, dass Carmens Wunsch wahr wird zumindest einmal im Leben ein Buch zu veröffentlichen. Lest das!

„Orange ist die untraurigste Farbe der Welt!“, findet Leon und malt zwei dicke, apfelsinenfarbene Würmer mit lachenden Mündern, kugeligen Augen und blauen Haaren. Dann kritzelt er ihnen klumpige Füße und so etwas wie Hände, an denen sie einander halten. „Verliebte!“, erklärt er und schämt sich ein bisschen dafür.  Legt den Kopf schief und patscht sich das Händchen auf Wange und Auge.
„Verliebte küssen sich aber“, behauptet seine ältere Schwester Mia voll heiligen Ernstes.
„Küssen ist traurig“, flüstert Leon, dabei ist er erst vier. Er weiß noch nichts von Sehnsucht, geschlossenen Augen und „… mach mir ruhig etwas vor“.

Meral  erschrickt. Hoffentlich! „Warst du schon mal verliebt, Leon?“
„Neeeeeiiiiiin!“ Entrüstet. „Ich bin doch noch ein Kind!“
„Klar, du hast recht. Dumm von mir.“ Erleichtert.
Die Kinder lachen. „Dumm wie ein Flummi, dumm, dumm, dumm!“
Federleicht, unsichtbar tanzen dicke Apfelsinenwürmer durchs Zimmer. Ein heißer Sommertag. Es könnten meine sein, denkt Meral. Meine Kinder.

Sind es aber nicht. Mathis hat sie mit Anne bekommen. Mia wurde kaum ein Jahr nach seiner Trennung von Meral geboren, Leon zwei Jahre später. Der Schmerz vergeht nicht. Wahrscheinlich nie. Jeder schleppt ein paar ungelebte Leben mit sich herum, die einen mehr, die anderen weniger, die einen bringt es zum Weinen und Zweifeln, die anderen akzeptieren Träume als Teil ihrer Wirklichkeit.

Ungeschriebene Briefe, ungeküsste Küsse, nicht verwirklichte Pläne und verlorener Mut, all das. Was wohl zusammenkäme, könnten und würden wir jedem Impuls folgen, in einer Parallelwelt, mehreren Welten, jedem Impuls, jeder verrückten Idee, jeder Sehnsucht? Wieviele Verbrecher wären unter uns, wie viele Weltenbummler, wie viele Eltern, Millionäre, Huren? Welche Konsequenzen müssten wir tragen, wie viele gleichzeitig ablaufende Leben bräuchte jeder, wie viele Jahre kämen zusammen im Laufe eines Menschseins, 500, 1000, gar mehr?

Gedankenspiele. Zeitvertreib. Außerhalb ihrer Fantasie hat Meral keine Kinder von Mathis bekommen, Punkt. Nicht von Mathis und auch sonst von niemandem. Mia und Leon verkörpern eine Liebe, die hätte sein können. Und doch sind die beiden Kleinen ihr Glück.

Vor zwei Tagen ist Anne verschwunden. Musste mal raus, hatte sie Mathis in einem Brief geschrieben. Könne nicht mehr, sei ganz leer, verwirrt, brauche Abstand und Ruhe. Mathis hat Meral gebeten zu kommen und ihr den Brief gezeigt. Daraufhin fühlte sie alles und nichts. Küsste ihn schnell auf den Mund, und er küsste vor Schreck ein bisschen zurück. Sie taten sofort, als sei es nicht passiert, was machte es auch für einen Unterschied. Es war kein Kuss, der eine Antwort bedeutet oder eine Frage. Nur Leere und Traum. Dann kamen die Kinder ins Zimmer und zerbrachen versehentlich die Vase mit den halb verwelkten, flammenfarbenen Gerbera. Große Scherben. Niemand weinte.

„Sie kennen und mögen dich“, sagte Mathis später leise. „Kannst du…?“
Meral nickte. „Wann brauchst du mich?“
Jetzt ist sie hier, ohne ihn.
„Bleibst du für immer?“, fragt Mia.
Meral schüttelt den Kopf.
Dann kommt, was kommen musste. Leon: „Wo ist Mama?“
„Sie ist… muss nur… Ich… Ich weiß es nicht, Schatz.“
„Sie braucht Urlaub von uns“, erklärt Mia und blickt auf den Boden.
Meral nimmt sie in den Arm. „Hat sie das gesagt?“
Mia schüttelt den Kopf, dann nickt sie. „Ich glaube.“ Ein paar Tränen kullern still über ihre Wangen.
„Bestimmt kommt sie bald wieder…“ Meral drückt beide Kinder an sich. Ihre Haare duften nach Pfirsisch-Shampoo. „Lass uns ein bisschen rausgehen und spielen, ja?”
Die Sonne brennt. Sie spielen Restaurant, backen Steinepizza, kochen Grasnudeln mit Hagebuttensoße und tanzen danach in der Sandkasten-Disko, bis alle wieder fröhlich sind und verschwitzt und erschöpft.

Ich verliere mich in einem fremden Leben, ich darf das nicht spüren, dieses Glück. Irgendwann in den letzten Jahren bin ich vom Weg abgekommen, aber im Grunde tut das nichts zur Sache, denn letztlich ist ja alles Weg, machen wir uns nichts vor. Willst du mit Anne tauschen? Willst du? Komm zu dir.

Die Kinder schlafen schon, als Mathis nach Hause kommt. Meral sitzt auf der Terrasse.
Er öffnet eine Flasche Sekt.
„Aperol, Eis?“
„Gern.“ Sie trinken.
„Danke, dass du da warst… Bist.“
„Schon okay, war ein schöner Tag.“ Sie sieht ihn schlucken. Tränen oder Sekt. „Entschuldige.”
Er schüttelt den Kopf. „Ist ja nicht deine Schuld.“ Dann bricht es aus ihm heraus: „Ich wusste nicht, dass sie so unglücklich ist. Klar hat sie manchmal so Sachen gesagt, von wegen alles hinschmeißen und so, aber ehrlich, wer will das denn nicht? Zwischendurch mal ein anderes Leben, danach sehnen wir uns doch alle!“
Alles leuchtet. Die Gläser in ihren Händen, die Blumen im Garten, die untergehende Sonne. Ich gehöre nicht hierhin, denkt sie. Nicht so. Vor Erleichterung muss sie beinahe weinen.
Nachts kümmert sie sich um einen liegengebliebenen Auftrag, die Broschüre für ein Hotel im Grünen.
So vergehen die Tage.

Manchmal sind die Kinder sehr still. Aber zu sagen, sie lachten gar nicht mehr, wäre gelogen. Immer noch können sie versinken im Spiel, Dinosaurier sein oder Elfen oder Clowns. In einigen Momenten vergisst auch Meral Raum und Zeit.
Dann kommt Anne zurück. Verweint, aber entschlossen. „Hier ist mein Leben.”
Sie wundert sich, als sie Meral sieht: „Du hier?“
„Wegen der Kleinen.“
„Ach so.“ Anne zögert, vielleicht hat sie Angst. „Danke.“
Meral zuckt mit den Schultern. „Ich war gern hier.“
Annes Blick ist prüfend, aber sanft. „Danke“, wiederholt sie.
Dann geht Meral. Leon schenkt ihr zum Abschied ein Bild. „Ein Wald“, erklärt er, „mit wilden Tieren. Die tun aber nix. Und das da bist du!“

Ich klettere und klettere. Der Mandarinenbaum im Traum ist hoch wie eine alte Eiche. Mit Früchten, groß wie Honigmelonen, und Laub, so dicht, dass ich es zur Seite schieben muss, um die Sonne zu sehen. Liebe ist ein Geschenk, auch wenn sie wieder vergeht. An den Ästen schramme ich mir die Beine auf. Es tut so weh, wie es eben muss. Am Himmel leuchten bunte Wolken wie riesige Blumen. Jemand hält mich an der Hand. Ich wurde reich beschenkt. Das ist die Wahrheit.

“Im Mandarinenwald” ist die “orange” Geschichte in einer Reihe von Liebesgeschichten, die je einer Farbe gewidmet sind. Die anderen, die bislang fertig sind, gibt’s auch auf himmelende.de

Foto: Wikipedia / 4028mdk09



    2 Kommentare:

  • Kim schreibt am 16. März 2011 um 16:43

    Aber die meisten Blogs, die ich unterhaltsam finde, sind allesamt nur Reblogger-Blogs.

  • Moss schreibt am 17. März 2011 um 00:17

    … und übrigens sind meine Lieblingsstahlkappenschuhe, die ich neulich in der Bucht gefunden, auch knallorangene Doc-Martens.

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