Kirk & Bruce – Das anerzogene Geschlecht

-

Durch die Blogosphäre geht gerade ein CNN-Bericht und ein damit verbundener Aufschrei. Es geht um Dr. George Rekers, ein Psychologe und Pastor. Das klingt in der Kombination schon gefährlich und ist es auch.

Rekers ist Christ, Anti-Gay und braucht schwule Callboys die ihm auf Europareisen sein Gepäck tragen. Er ist also ein wandelndes Klischee. Dennoch ist Homosexualität für ihn eine Sünde.

Es geht aber auch um Kirk Andrew Murphy.

Kirk Murphy

1970 wurde der damals 5-Jährige Kirk Murphy einem Ex-Gay-Experiment an der UCLA unterzogen. Unter der Leitung von George Rekers, damals lediglich Doktorand, durchging Kirk eine “Therapie” um angeblich femenines Verhalten zu eliminieren. So spielte Kirk z.B. gerne mit Puppen.

Nachdem seine Mutter einen TV-Beitrag sah, meldete sie ihren Sohn bei einer Anti-Homo-Therapie an. Kirk wurde unter dem Pseudonym Kraig zu Rekers Musterbeispiel und seine vier Jahre später veröffentlichte Arbeit “Behavioral Treatment Of Deviant Sex-Role Behaviors In A Male Child” (PDF) verhalf ihm zu einer drei Jahrzente umspannenden Karriere als wissenschaftlicher Berater für Anti-Gay Aktivisten wie NARTH, der National Association for Research & Therapy of Homosexuality. Unter bezug auf Kraif aka Kirk berichtete Rekers, dass es ihm gelungen sei ein “bevorstehendes-homosexuelles” Kind zu einem “gesunden, heterosexuellen Mann” umzuerziehen.

2003 nahm sich Kirk Murphy mit 38 das Leben. Noch 2009 verbuchte Rekers in dem Buch “Handbook of Therapy for Unwanted Homosexual Attractions” seinen Fall als Erfolg. CNN machte nun eine erschütternde Doku über das “Sissy Boy Experiment”.

Interessant ist dabei die Ähnlichkeit zum Fall Bruce Reimer:

“Bruce und Brian Reimer wurden als eineiige Zwillinge geboren. Im Alter von sechs Monaten stellte man bei beiden eine Vorhautverengung fest und knapp zwei Monate später, am 27. April 1966, erfolgte eine Operation bei Bruce. Die Beschneidung missglückte jedoch und sein Penis wurde irreparabel beschädigt. Seine Eltern entschieden sich daher auf Rat des bekannten Sexualwissenschaftlers John Money, das Kind als Mädchen aufzuziehen. Im Alter von 22 Monaten wurden Bruce die noch vorhandenen Hoden entfernt (Kastration) und aus der Haut seines Hodensacks rudimentäre Schamlippen geformt. Bruce wurde ab diesem Zeitpunkt Brenda genannt. Darüber hinaus wurde das Kind etwa ab dem 12. Lebensjahr mit weiblichen Hormonen behandelt.

Money war von diesem Fall besonders begeistert, da Bruces eineiiger Zwillingsbruder Brian als Vergleich für Moneys These dienen konnte, nach welcher allein die Erziehung in den frühen Lebensjahren für die Ausprägung einer sexuellen und geschlechtsspezifischen Identität eine Rolle spielt. Brenda wurde nach dieser Zuweisung von Money als ‘normales, glückliches Mädchen’ beschrieben. Brenda selbst sowie Familie und Freunde jedoch beschrieben sie als ein zutiefst unglückliches Kind mit großen sozialen Problemen.”

Quelle: Wikipedia

In der Pubertät fand Brenda raus, dass sie eigentlich Bruce war und lebte vortan wieder als Mann und nannte sich David. 2004, im Alter von 38 Jahren, beging Reimer Selbstmord.

Ironischerweise wurde der Fall Bruce Reimer gefeiert. Insbesondere von Alice Schwarzer, die darin eine Bestätigung sah, dass es sich bei Sexualität lediglich um ein soziales Konstrukt handele. In ihrem Buch “Der kleine Unterschied” verwendete sie dies als Beleg für ihre Thesen des Gleichheitsfeminismus und als Musterbeispiel für den “aufklärenden Auftrag der Forschung”. Zu Gute muss man Schwarzer halten, dass ihr Buch 1975 erschien und sich lediglich, wenn auch distanzlos, auf die Studie von John Money bezog. Von der unglücklichen Pubertät, dem weiteren Lebensverlauf und dem Selbstmord konnte sie damals nichts wissen. Schwarzer, die sich bis heute nicht von ihrer These distanzierte, in ihrem Buch:

“Zu den wenigen Ausnahmen, die nicht manipulieren, sondern dem aufklärenden Auftrag der Forschung gerecht werden, gehören Wissenschaftler wie der Psychologe Prof. John Money und die Psychiaterin Anke A. Ehrhardt, die sich in Forschung und klinischer Beobachtung intensiv mit der Frage der Geschlechtsidentität befassen. […] Im siebten Monat wurde einem Teil eines eineiigen männlichen Zwillingspaares bei der in den USA üblichen Beschneidung der Vorhaut versehentlich der Penis ganz verbrannt. Die Eltern […] folgen […] dem Rat eines Chirurgen, den Jungen ohne Penis einfach als Mädchen zu erziehen. […] Das Mädchen wird einer kontinuierlichen Hormonbehandlung unterzogen, und nach der Pubertät wird man ihm eine künstliche Scheide einsetzen. Sie wird dann eine normale Frau sein – nur gebären kann sie nicht. Und die Gebärfähigkeit ist auch der einzige Unterschied, der zwischen Mann und Frau bleibt. Alles andere ist künstlich aufgesetzt, ist eine Frage der geformten seelischen Identität.”

Die Formung der seelischen Identitäten von Bruce Reimer und Kirk Murphy resultierten im Freitod.

UPDATE: Nach dem Klick alle Teile der Sendung.

The Sissy Boy Experiment Part I

The Sissy Boy Experiment Part II

The Sissy Boy Experiment Part III



    5 Kommentare:

  • Marie schreibt am 9. Juni 2011 um 13:18

    Ich will jetzt keine Lanze für Alice Schwarzer brechen, aber ich denke, man muss dieses Zitat wirklich, wie Du ja auch andeutest, im Kontext der Zeit sehen. Die Erkenntnis, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern das Ergebnis sozialer Konstruktionen sind und nicht “naturgegeben”, die gab es natürlich schon (Simone de Beauvoir ect.) aber das hatte im politischen Diskurs zunächst einmal keine Bedeutung. In einer Zeit, in der die zweite Frauenbewegung zunächst einmal Tabus brechen musste (Abtreibung, Zugang zu Verhütungsmitteln, Vergewaltigung in der Ehe ect.), hat Alice Schwarzer zumindest versucht, in Frage zu stellen, dass Frauen und Männer von Natur aus grundverschieden sind und jede/r ihren bzw. seinen Platz in der Gesellschaft schon aus diesem Grund einnehmen muss. Wenn sie da mit dem Beispiel etwas über das Ziel hinausgeschossen ist, so what?

  • BioBlubb schreibt am 9. Juni 2011 um 16:07

    Bewegender Artikel, der aufzeigt, wie verblendet und auf die eigene Hypothese fixiert Wissenschaftler (Hier: Money) manchmal sein können. Und vielleicht geben diese Fälle ja auch den Gender-Extremisten zu denken (und hiermit meine ich ausdrücklich diejenigen, die das Gender-Ding auf die Spitze treiben, ich behaupte nicht, dass alle Genderleute Extremisten sind!).

  • G schreibt am 10. Juni 2011 um 15:21

    Solche gewaltsame “Umerziehung” ist kein Phänomen der 70er der USA!
    Erinnert auch an bis heute, auch in Deutschland, stattfindende jahrelange folternde Therapieversuche und sexuelle Drangsalierung bei Trans* durch gewissenlose Psychiater und Psychologen der sog. Sexologie.
    Wer kaputtgeht, hat Pech gehabt und ist nicht überzeugend genug gewesen.

    Abweichung vom sexuellen Verhalten zieht auch bei uns immer noch medizinische und juristische Unterdrückung nach sich.

  • Sissy schreibt am 13. Juni 2011 um 13:56

    Das Experiment von einem Therapeuten wie Rekers ist in jedem Fall nicht mit der Geschichte von Reimer gleichzusetzen. Beide sind natürlich für die Biografien als Katastrophen anzusehen, aber die Unterschiede müssen hier klar benannt werden. Reimer und Murphy in einen Topf zu werfen ist eine Argumentationsstruktur, die nicht funktioniert.
    Bei Murphy geht es um ein Ereignis aus dem Anti-Gay-Movement und darum einer Person ihre Sexualität abzusprechen. Hier geht es klar darum zu erkennen, dass wir in einer heteronormativen Gesellschaft leben (müssen, zumindest bislang), in der Abweichungen von der “Normalität” als krank definiert werden.
    Bei Money hingegen ist die Ausgangsposition zunächst eine missglückte Operation. Dass Brenda_Bruce damit nahezu unmöglichen Lebensvoraussetzungen ausgesetzt war, bedingt sich vor allem aus dem Umstand, dass ja ihre_seine Eltern, Großeltern und wer weiß wer noch alles dieses Kind als Bruce kennen gelernt haben. Hier wäre wieder ein Verweis auf die heteronormative Gesellschaft angebracht, da ja die Verwandten sehr wahrscheinlich das Kind trotz allem noch als Jungen, bzw. als “irgendwie falsch” wahrgenommen haben. Das ist natürlich auch sehr spekulativ, aber anzunehmen ist, dass die Sozialisation von Brenda_Bruce anders verlaufen ist, als bei ihrem_seinem Zwillingsbruder und das Kind immer etwas anders behandelt wurde, sich nie als „normale“ Persönlichkeit fühlen konnte.
    Um nicht allzu ausschweifend zu werden, beide Fälle sind wie gesagt individuelle Katastrophen, der Fall von Kirk Murphy steht exemplarisch für die Auswirkungen des Anti-Gay-Movement, der Fall Reimer aber wird immer wieder von Maskulist_innen, Antifeminist_innen und anderweitigen Gegner_innen der Gender Studies und der Queer Theory verwendet, um auf die vorgeburtlich quasi schon festgelegten Eigenschaften der Menschen zu beharren, die diese als Mann oder als Frau aufweisen würden.
    Außer, dass beide Menschen keinen Einfluss auf ihr Schicksal nehmen konnten und sich in ihren 30ern für den Suizid entschieden haben, weisen sie für mein Verständnis keine Gemeinsamkeiten auf. Ansonsten wäre für mich das Fazit zu dem Artikel, „Warum Brenda nicht zuhören kann“….

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 13. Juni 2011 um 14:14

    “Das ist natürlich auch sehr spekulativ”, schreibst Du. So gesehen müssen wir wohl oder übel beide Ansätze anerkennen und daher kann ich durchaus die Parallelen herausstreichen, zumal diese nichtmal Vermutungen sind. (Außer dass sich beide genau deswegen umbrachten, wovon ihre Angehörigen allerdings ausgehen.)

    In beiden Fällen geht es um eine auferzwungene Sexualität, der Mensch selbst darf sich in beiden Fällen nicht selbst entscheiden. Beiden war im späteren Verlauf ihres Lebens klar wer sie waren. Daher lebte Brenda_Bruce wieder als David und Kirk erkannte seine Homosexualität an, die er allerdings nicht wagte auszuleben.

    Den Unterschied den Du besonders herauskehrst ist die Spekulation Deinerseits, dass Bruce_Brenda vermutlich / eventuell / könnte ja sein anders erzogen wurde als sein Zwillingsbruder. Das wäre wirklich ein interessanter Punkt den es zu prüfen gälte. So ist mir das aber viel zu sehr in der Luft rumgestochert.

    Und ich glaube nicht, dass es antifeministisch ist, wenn man erwartet, dass man Belege prüft. Egal für welche Position. Auch halte ich es für fragwürdig Maskulist_innen, Antifeminist_innen und Gegner_innen der Gender Studies in einen Gesamttopf zu schmeißen. Das ist mir zu sehr schwarz / weiß gedacht…

Dein Kommentar:

Kommentarfeed zu diesem Artikel via RSS abonnieren.

Hinweis: Kommentare werden moderiert. Sie können auch ohne Angaben von Gründen gelöscht werden. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht! Weitere Infos zum Datenschutz