Das Einhorn und der Kuchenmord

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Toter Pinguin - Was geschah mit Rolf?!

Lange habe ich keine Geschichte der Erlebnisse meines Einhorns in Xanadu hier aufgeschrieben. Nun kam es aber dazu, dass ihm just letztes Wochenende ein spektakulärer Fall unter die Hufe kam, den ich Euch nicht vorenthalten möchte. Nach dem Klick also die Kurzgeschichte “Das Einhorn und der Kuchenmord”.

Das Einhorn und der Kuchenmord

Das Einhorn saß gerade bei Kaffee – schwarz – und Kuchen – regenbogenfarbig – als es heftig an der Tür klopfte. “Einhorn!”, hörte es eine ihm wohl bekannte Stimme von draußen. “Einhorn, bist Du da?!”

Einhorn trottete zur Tür und öffnete diese. Bloß vor ihm stand niemand. Verwundert sah es sich um, bis es den kleinen Kater am Türklopfer hängend und schwingend entdeckte. Es war Watson ein possierliches Kerlchen, welches flink und agil nur ein Ziel in Xanadu verfolgte: Der süßeste und frechste Kater von allen zu sein. Einzig allein seine Konzentrationsschwäche war ihm dabei im Weg.

Dieser sprang beherzigst herab, was wohl keinen beeindruckt hätte. Einhorn jedoch rechnete blitzschnell die Höhe des eisernen Türklopfers auf die Größe des nun vor ihm sitzenden Rackers um und kombinierte schnell: “Beeindruckend, das müsste mindestens das drölfzigfache seiner Eigengröße sein”, dachte es.

“Watson, was ist los?”

“Es ist schrecklich Einhorn, das Schlimmste ist eingetreten. Tot, er ist tot.”

Einhorn schrak zurück. “Tot? Wer?”

“Rolf, den Meisterbäcker unter den Pinguinen. Es war Raubmord. Sie haben seinen ganzen Kuchen mitgenommen.”

Einhorn zuckte zusammen. Mord? Es gab noch nie einen Mord in Xanadu. Wer würde sowas tun? “Watson, wer würde sowas tun?” Der Kater schlich sich in Einhorns Schrecksekunde in seine Hütte und machte sich mit scharfen Krallen an seinem Sofa zu schaffen. Ratsch, Ratsch, Ratsch. “Watson!”, entfuhr es Einhorn, “Wer würde sowas tun?”

“Ich weiß es nicht. Trotula meinte ich solle Dich holen, Du müsstest helfen.”

Jetzt fiel es Einhorn wie Schuppen von den Augen. Ja, das war seine Aufgabe. So war es Einhorn Sherlock Einhorn hieß, was tatsächlich stimmte, denn obwohl seine Eltern reichlich unkreativ beim Vornamen waren und ihm nur den Familiennamen als solchen gaben, tauften sie es beim zweiten Namen auf Sherlock.
Einhorn schmiss sich in einen karierten Gehrock, stülpte seinen Deerstalker über das Horn und schnappte sich mit dem Maul Watson, der gerade drauf und dran war eine Gardine hochzuklettern. Mit dem kleinen Kater im Mund trabte es schnurstracks zur Bäckerei von Rolf.

Es war kein schöner Anblick. Rolf lag mit allen Flügeln von sich gestreckt rücklinks auf dem Boden. Statt der kleinen schwarzen Knopfaugen verweilten große Kreuze in den Augenhöhlen. Und rings um ihn herum. Nein, gar in der ganzen Bäckerei. Krümel, überall Kuchenkrümel.

Trotula, die Schlaueste der adipösen Elfen, flatterte geradewegs auf Einhorn zu. “Du musst uns helfen, wir haben nichts angerührt. Wir wissen doch gar nicht, wie man mit einem Mord umgehen soll und Du magst doch Krimis, da dachte ich…”

Einhorn nickte wohlwissend und zog an seiner Wasserblasenpfeife, die nun statt Watson in seinem Maul steckte. Mit zusammengekniffenen Augen inspizierte es den Tatort. Da, was war das?

Zwischen all den Krümeln und Streuseln lag etwas was dort nicht hinzugehören schien. Es war ein längliches Stück Papier. Auf ihm drauf das Gesicht einer älteren Dame.

“Oh was ist das?”, fragte Watson und beschnupperte das Papier von allen Seiten. Noch bevor Einhorn antworten konnte lag Watson auf der Seite und zerfetzte den Zettel mit seinen vier Pfoten. Aber das war okay, Einhorn wusste vorerst eh keine Antwort, noch kannte er die ältere Dame auf dem Teil, noch hatte er eine Ahnung warum mehrmals die selbe Zahl aufgedruckt war. Es schnupperte an den von Watson übrig gelassenen Fetzen. Es kannte den Geruch, ein in Xanadu gar unüblicher Geruch. Vorsichtig leckte es an den Papierstreifen. Auch der Geschmack war ihm bekannt.

Mit großen Augen sahen Trotula und Watson Einhorn an. Nur Rolf nicht, der hatte ja nur so X-Augen. Außerdem war er tot. “Und?”

“Ich kombiniere”, Einhorn machte eine dramatische Pause, blies eine Seifenblase auf und ließ sie platzen. “Ich kombiniere – und ich sag das nur ungern – bei diesem Zettel handelt es sich um etwas was die Menschen Geld nennen. Es riecht nicht nur nach Mensch, sondern schmeckt nach auch nach Zwischentauschmitteln. Nämlich ein wenig fade und langweilig mit einer Spur Kokain.”

“Geld? Was macht denn Geld hier?”, fragte Tortula.

“Eine gute Frage Wats… eh Trotula. Ich gehe davon aus, dass sich ein Mensch nach Xanadu verirrte. Vermutlich angezogen von der fetzigen Musik unserer Rollerdisco.”

“Wie kommst Du darauf?”

“Siehst Du in den Kuchenkrümeln die parallel laufenden langen Spuren? Eindeutig Rollschuhe. Und so wie es aussieht von einem Zweibeiner.”

“Ohh”, sagte Rolf, meinte aber nicht die Kombinationsgabe des Einhorns, sondern ein Wollknäuel über das er sich hermachte. Einhorn ließ sich vom quirligen Watson nicht abbringen und fuhr weiter fort.

“Dehydriert vom wilden Getanze muss dieser Mensch Hunger bekommen haben und kam so zur Bäckerei, wo er auf Rolf traf. Hier wollte er diesen Zettel gegen Kuchen tauschen.”

“Was soll denn Rolf mit einem Bild einer alten Frau?”, fragte Watson, der schon längst statt des Wollknäuels in den Zipfeln von Einhorns Gehrock eine neue Beschäftigung gefunden hatte.

“Das weiß ich auch nicht. Menschen sammeln diese Bilder. Ich glaube so höher die Zahl, desto seltener sind die Bilder. Die abgebildeten Personen müssen so etwas wie Stars und Sternchen sein. Und wenn sie dann etwas brauchen, wie z.B. Kuchen oder Kaffee, dann tauschen sie das gegen die Bilder. Dabei ist es aber egal von wem wer Fan ist, einzig die Seltenheit interessiert die Sammler.”

“Sie tauschen Bilder gegen Essen?”

“Nicht nur das, sie tauschen diese Bilder sogar gegen Ideen, Gedanken und andere immaterielle Güter.”

“Wie? Auch gegen sowas Abstraktes wie Liebe?!”

“Ja, sogar das. Daher gehe ich davon aus, dass Rolf genau so irritiert gewesen sein muss wie wir es sind. Er wollte vermutlich, dass der Mensch den Kuchen einfach so isst. Wie wir alle eben. Doch das sind Menschen nicht gewohnt, also bestand dieser darauf, dass Rolf das Geld nehme.”

“Ja, aber wieso starb Rolf?”

“Das weiß ich auch nicht”, gab Einhorn zu und zückte einen Beutel aus seinem Gehrock. “Ich hab aber auch gar keine Nerven mich mit Menschen und ihrem Geld zu beschäftigen. Spaß macht das nämlich nicht. Um genau zu sein, verzweifeln sie selbst oft daran.”

Also öffnete es sein Säcklein, nahm eine gehörige Hand Glitzerzauberpulver und verteilte es über Rolf während Watson dem glitternden Zeugs entgegensprang und er versuchte es mit seiner Zunge zu aufzufangen. Kapuff – Rolfs kleine Knopfaugen waren wieder da. Er schüttelte sich kurz und watschelte ohne viele Worte zur Teigknetmaschine um weiter feinen Kuchen zu backen.

Zur gleichen Zeit begab es sich in der Menschenwelt dass ein junger Jurist sein ganzes Vermögen in einem Risikogeschäft an der Börse verlor. Das war aber Zufall. Genau so wie es zufällig war, dass dieser in der Nacht zuvor davon träumte nach einem Rollerdiscobesuch mit allerlei Tieren Unmengen von Kuchen vernascht zu haben.

Was bisher geschah:
Wie ist das da in Xanadu? (Teil 1)
Das Einhorn und das Niemalsstill (Teil 2)
Das Einhorn und das Puderzeugs (Teil 3)



    3 Kommentare:

  • Kirscherine schreibt am 20. Mai 2012 um 22:22

    “verweilten große Kreuze in den Augenhöhlen” ahaha! sehr schöne geschichte, ich mag deinen stil!

  • Thomas schreibt am 21. Mai 2012 um 10:05

    Mooooment! Wie kommt es dann, dass Einhorn bei der Geschichte mit Puderzeug in seinen Taschen nach Geld (sic!) sucht, um seinen Hunger stillen zu können. Hier stimmt doch was nicht!

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 21. Mai 2012 um 10:10

    @Thomas Da ist mir ein Fehler unterlaufen. Du musst wissen, das Einhorn erzählt mir das alles und ich schreibe es danach auf. Da hab ich wohl zu viel Menschendenke damals reingebracht. Hab’s korrigiert!

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