Pussy Riot auf der Flucht und was das mit der RAF zu tun haben soll

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Pussy Riot beim Protest in der Kirche

Es ist ruhiger geworden in den meisten Medien. So scheinen sich die Befürchtungen von vielen zu bewahrheiten. Weggesperrt und vergessen? Nicht ganz. Nach der Verurteilung von drei Mitgliedern der Band wurde eine Fahndung nach den zwei weiteren an der Aktion in der Kirche beteiligten Frauen ausgerufen. Nach wem genau von der zehn- bis zwölfköpfigen Gruppe gefahndet wird scheint unklar. Durch ein Überwachungsvideo sollen die Identitäten aber bekannt sein.

Wahrscheinlich handelt es sich um die Mitglieder, die laut Chicago Tribune aus Russland flüchteten.

“‘In regard to the pursuit, two of our members have successfully fled the country! They are recruiting foreign feminists to prepare new actions!,’ a Twitter account called Pussy Riot Group said.”

Doch auch die Stimmen der Kritik an den Supportern werden lauter. Einen lesenswerten Artikel hat die FAZ veröffentlicht. Wie Ihr Euch denken könnt, stimme ich in vielen Punkten absolut gar nicht damit überein. Vor allem der Vergleich zur ersten Generation der RAF hinkt total. Zur Erinnerung: Die erste Generation unter Baader überfiel Banken, verübte Bombenanschläge und tötete bereitwillig Menschen.

Auch die grenzenlose Vermischung von Voina-Aktionen mit denen von Pussy Riot scheint mir bedenklich. Auch das beliebte “Es gibt Schlimmeres” wird wieder rangezogen in dem auf Diktaturen wie Nordkorea verwiesen wird. Auch das berühmte “Denkt hier jemand an die Kinder” fehlt nicht und wird direkt mit Ulrike Meinhof (sic!) verknüpft. Dennoch solltet Ihr das Teil lesen, da es einen anderen Blickwinkel eröffnet, der einige bedenkenswerte Punkte enthält.

“Wussten Tolokonnikowa und ihre Mitstreiterinnen, welche Tragweite ihre Aktion haben würde? In Briefen aus dem Gefängnis und Äußerungen vor Gericht behaupten die drei, dass sie sich eine solche Reaktion nicht hätten vorstellen können. Auch hätten sie nicht geahnt, dass ihre Aktion die Gefühle von orthodoxen Gläubigen verletzen könnte. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder sind die Frauen sehr naiv oder sie sagen nicht die Wahrheit. Da zumindest Tolokonnikowa seit nunmehr fünf Jahren Mitglied der Aktionskünstlerszene ist, lässt sich Naivität in ihrem Fall ausschließen.

Ganz nüchtern betrachtet: Die Frauen drangen in die wichtigste Kathedrale des Landes ein, sangen dort ‘Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße’ (etwa vergleichbar mit dem italienischen ‘porco dio’) und dass der Patriarch ein ‘Schweinehund’ (das russische Wort entspricht stilistisch dem englischen ‘bitch’) sei. Zuvor hatten sie bei einem ähnlichen Auftritt in einer kleineren Kirche schon Material gesammelt. Aus beiden Videoaufnahmen bastelten sie dann den Clip, der im Internet mehrere Millionen Klicks sammelte.”

Auch wird in dem Artikel darauf verwiesen, dass nicht alle kremlkritischen Stimmen sofort im Gefängnis landen. Viel eher sei das Gegenteil der Fall. Dabei sieht der Autor über Fälle wie Chodorkowski schweigend hinweg. Und ja, dahingehend hat der Artikel recht. So schlimm wie Nordkorea ist Putins Russland nicht, das beweisen auch die fallengelassenen Vorwürfe gegen Kasparov. Dieser wurde während Protesten für Pussy Riot festgenommen und verbucht die Entkräftung der Vorwürfe als Erfolg:

“I think it’s a very important day, a historic day, because for the first time in our courts the evidence of a policeman was not accepted just because he wears a uniform.”



    12 Kommentare:

  • da)v(ax schreibt am 28. August 2012 um 13:45

    Geiles PR-Logo gesichtet:
    http://maximized.soup.io/post/276140395/Image

  • da)v(ax schreibt am 28. August 2012 um 13:48

    PS: “So schlimm wie Nordkorea ist Putins Russland nicht”

    Ich finde solche Vergleiche ganz furchtbar. Natürlich findet man IMMER irgendein Land der Welt, in dem es NOCH schlimmer zugeht als in einem anderen beliebigen Land der Welt. Aber das verharmlost leider ALLES. So gesehen sind WIR ja auch keine Polizeistaat und schon gar kein Faschismus, das sind immer nur die ANDEREN. Da krisch Plack!

    Russland ist ein autoritärer Miststaat und wir sind auch auf dem besten Wege dahin. Aber da alle immer sagen “Ach komm, ist doch gar nicht so schlimm wie in $(SchlimmesLand)” wird halt auch schön weiter geschlafen.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 28. August 2012 um 14:26

    @da)v(ax Word! Ist immer ein doofes Argument!

  • Spullen schreibt am 28. August 2012 um 15:10

    Das Argument das der Autor anführt heißt nicht “Es gibt schlimmeres” sondern “Es gibt schlimmeres aber da kümmert sich hier kein Arsch drum weil es nicht medienwirksam in Szene gesetzt wird”

    Ich finde den Artikel eigentlich ganz gut, abgesehen von den bescheuerten Vergleichen mit der RAF.

    Die Aktionen von Pussy Riot SIND ordinär, ob so etwas jetzt notwendig ist oder nicht und ob das Kunst ist und ob Kunst so etwas darf – darüber kann man streiten. Aber so wie der Autor das darstellt – und er scheint sich besser mit der russischen Gesellschaft auszukennen als wir alle – hat die Gruppe mit der Krichenaktion einfach einen groben Fehler begangen als sie die Religion mit ins Spiel gebracht haben.

    Ich sehe die Gruppe auch nicht als Vorreiter feministischer Werte, sondern höchstens als Provokateur der immerhin mediales Aufsehen für ein ganz anderes Problem erwirkt: Russlands Vorgehen gegen Andersdenkende.

  • da)v(ax schreibt am 28. August 2012 um 15:36

    @Spullen: Lies bitte noch mal nach, warum die PR gerade diese Kirche ausgesucht haben:

    http://www.guardian.co.uk/world/2012/jul/29/pussy-riot-protest-vladimir-putin-russia

    What’s not in dispute is that Pussy Riot did cause offence. But that was the point. “The church of Christ the Saviour was chosen for very specific, symbolic reasons,” says Verzilov. “It was blown up by Stalin to show his power against the church and in the 60s was turned into a swimming pool.” And then the Soviet Union collapsed. “And Moscow’s first post-Soviet mayor, Luzhkov, decided to rebuild the cathedral. At that time, in the early 90s, the most successful commercial enterprise in the country was organised crime, and he said I need $1bn and whoever doesn’t pay is going to jail. “It became a very important governmental symbol. And it’s supposed to be the most sacred place in Russia. But it’s very commercialised: there’s a massive parking garage under it, and banqueting halls you can hire out for $10,000 a day.

    Wenn es ein grober Fehler war, darauf aufmerksam zu machen, dann… äh… also dann weiß ich auch nicht.

  • Tara schreibt am 28. August 2012 um 19:27

    Aktions “Pussy Riot” nicht gegen Putin und nicht gegen Kirche. Das ist eine Aktion gegen russische Volk.
    Warum niemand will Meinungen gegen “pussi” veröffentlichen?
    Das ist ein Verschworung

  • Tara schreibt am 28. August 2012 um 19:28

    Hier gibt es video. “Pussy Riot” und Gruppe “Der Krieg” im Museum. Es ist normal? Seks machen im Museum/ Und sie haben selbst diese video veröffentlichen.
    http:// via-midgard.info/news/in_russia/25249-video-s-uchastiem-pussy-riot-detej-k-prosmotru-ne.html

  • Tara schreibt am 28. August 2012 um 19:34

    Mit Link, leider, kann ich nicht kommentieren.
    Aber, Advokat Pussi – arbeitet zusammen mit NED
    Die Korrespodentin Anna Malpas war bei diese Aktion in Kirche- Sie auch arbeitet mit NED.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 29. August 2012 um 08:55

    @Tara Natürlich kannst Du hier mit Link kommentieren. Das HTML MarkUp dafür steht auch unter dem Kommentarfeld. Der Link den Du bisher postestest funktioniert allerdings nicht. Wie Du dem Artikel oben entnehmen kannst hat gerade erst die FAZ einen Artikel dagegen veröffentlicht.

  • da|v|ax schreibt am 29. August 2012 um 10:43

    @tara, oh, das ist jetzt schon eine Verschwörung gegen das russische Volk? Na, das ist auch mal ‘ne Weltsicht…

  • Spullen schreibt am 29. August 2012 um 19:52

    Aha und in wiefern haben sie darauf aufmerksam gemacht? Ich zum Beispiel hab gar nichts davon mitgekriegt dass das so eine Symbolträchtige Kirche ist. Und was war mit der anderen Kirche in der die Aktion ebenfalls stanttfand?

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 29. August 2012 um 22:40

    @Spullen nun in sofern schonmal viele die den Guardian gelesen haben (das Interview auf das Max verweist ging ziemlich viral und war auch hier im Blogmehrmals verlinkt) und wahrscheinlich viele, die sich “besser mit der russischen Gesellschaft auszukennen als wir alle”

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