#aufschrei als Chance

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Aufschrei

Der Aufschrei ist noch nicht verhallt und die Kritiker werden laut. So lernt man(n), dass das ne ganz gefährliche Sache ist, weil ja sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt kein Sexismus sei und mit #aufschrei genau das vermischt und damit bagatallisiert würde. Und wer würde das schon wollen?

Nun bin ich sicherlich kein Experte, doch wüsste ich nicht, wo sexuelle Gewalt nicht Sexismus sein sollte. Sexismus ist ein Überbegriff. Dazu gehört auch die Gewalt. So definieren es auch Terrre de Femmes oder Marielouise Janssen-Jurreit.

Dies ist einer der üblichen Abwehrmechanismen. Wir sahen das leicht abgewandelt auch beim 29C3. Dass die Übergriffe dort lediglich verbal waren, war ein Grund für die Empörung. Hier wurde also vom Umgekehrten ausgegangen: Sexismus sei erst dann schlimm, wenn der körperliche Übergriff inbegriffen ist. Ja, was denn nun?! Am besten frage ich mal ein paar alte Männer wann etwas Sexismus oder nicht ist, die wissen das bestimmt.

Nun will es der Zufall, dass ich Freitag mit einer Freundin tanzen war. Es war laut und düster und ich bekam nur aus den Augenwinkel mit, wie sie jemand ansprach. Darauf kam sie zu mir rüber und fragte ob wir nicht frische Luft schappen wollen. Draußen war mir klar, dass es mit dem Typen zusammenhing. Was er sagte wollte sie nicht verraten. Das sei eben normal, sagte sie, sie sei das gewohnt. Eine Normalität die so verletzend war, dass die gute Stimmung dahin war und sie sofort die Tanzfläche verlassen wollte!

Und leider hat sie Recht und wir sollten dies als Chance sehen unser alltägliches Verhalten in Frage zu stellen. Wir dürfen nicht warten, dass jemand vorbei kommt und die Geduld hat uns zu lehren wann etwas nicht okay ist. In der Schule war ich heftiges Mobbingopfer und ich habe mich nicht gewehrt. Nichts gesagt, als dann eine Klassenkamaradin es den Lehrern meldete war die Antwort der Mobber “Das war nur Spaß, er hat ja nicht gesagt, dass es ihm keinen Spaß macht.” Just for the Lulz und nein, das war keine Ausrede, das war auch keine Naivität. Sie meinten das genau so!
Das ist kein legitimer Vergleich aber hoffentlich einer, den viele nachvollziehen können. Ich hatte keinen Bock mich mit denen auseinander zu setzen, wieso sollte ich? Wieso sollte ich den Wichsern erklären wieso mich was verletzt hat?! Damit sie wissen wo es besonders weh tut?! Hättest Du darauf Lust?!

Die Forderung, dass wir Männer das doch bitte erklärt bekommen ist eine Dreistigkeit sondergleichen. Und gleichzeitig etwas worauf wir reinfallen und bestehen. “Wenn es mir keiner erklärt, wie soll ich es denn wissen?!” – ein Satz, den auch ich bereits pampig einsetzte.

Wir haben Angst als übergriffig dargestellt zu werden, und denken als Sexist bezeichnet zu werden sei genau das. Dabei kann sich kaum einer von (Alltags-)Sexismus freisprechen. Auch ich nicht. Es ist so in unserer Gesellschaft verankert, dass es – wie meine einleitende Schilderung zeigt – als normal anerkannt wird. Es geht um die individuellen Grenzen die einzuhalten sind und das hat nicht zwingend was mit körperlichen Übergriffen zu tun. Mittlerweile reflektieren immer mehr über sich selbst und ihr Verhalten. René von Nerdcore schrieb einen längeren Text und Manuel bei Zivilschein formulierte den Grund der vielen Abwehrreaktionen recht passend:

“Auch gern ‘Ist jetzt jede dumme Anmache gleich sexistisch?’ oder ‘Wie soll man sich denn dann überhaupt Frauen nähern, ohne gleich als Sexist zu gelten?’. Besser als andere zeigt diese Art Argument, dass es immer noch als schlimmer empfunden wird, als übergriffig benannt zu werden, als übergriffig zu handeln: Problematisch sei nicht, was passiert, sondern wer als was ‘gilt’.”

Genau diese Reflektion ist ein erster Schritt. Danke #aufschrei! Das ist eine Chance, es ist das “Erklären” was wir immer fordern. Es ist ein Angebot, lasst es uns annehmen.



    9 Kommentare:

  • Manu Hyde via Facebook schreibt am 27. Januar 2013 um 12:30

    #popcorn

  • An Ke LaTrille via Facebook schreibt am 27. Januar 2013 um 12:40

  • An Ke LaTrille via Facebook schreibt am 27. Januar 2013 um 13:10

    …ich lese auch immer wieder gerne dieses tolle “Argument”, Männer seien halt so, das läge in ihrer Natur, Fortpflanzung und so. All die vielen glücklichen Familien, die ihren Ursprung in so einem Powersatz wie “Geile Hupen, darf ich mal anfassen?” haben, ja ja…

  • Andreas Klemt via Facebook schreibt am 27. Januar 2013 um 13:13

    Ich weiß nicht… Für mich ist das Gegenteil von sexistischem, charmantes Verhalten. Und das steht und fällt meist mit der ganz allgemeinen Intelligenz des betroffenen.

  • Stefan schreibt am 27. Januar 2013 um 15:33

    Hi Daniel,

    vorab: ich find die Debatte richtig und wichtig. Was mir an Deinem Beitrag nicht so gut gefällt ist Dein erster Satz. Der impliziert durch die Wortwahl, dass Kritiker in Löchern leben würden und vergibt pauschal das Attribut “hässliche Fratze”.

    Mir hätte es besser gefallen, wenn man Kritik und Argumente nicht pauschal ablehnt. Es gibt durchaus weniger dogmatische Sichtweisen, die man zumindest würdigen sollte. Kritik ist auch der Anfang eines Dialogs bzw. eine Rückmeldung “Botschaft erhalten”. Auch finde ich eine Unterscheidung zwischen sexueller Gewalt und Sexismus durchaus angebracht. Andernfalls sehe ich die Gefahr, von den Menschen die man erreichen will, nicht mehr ernst genommen zu werden.

  • Daniel Decker
    Daniel schreibt am 27. Januar 2013 um 16:21

    @Stefan, Danke für den Hinweis, habe den Beginn gestrichen. Die Kritiker sind allgegenwärtig verankert in unserer Gesellschaft, sie müssen nicht aus Löchern kommen und “hässliche Fratze” ist definitiv doof. Da gebe ich dir Recht.

    Zu Deinem anderen Punkt, genau darum dreht sich der Artikel. Das sehe ich anders, ich wüsste auch nicht wo da ein Konsens möglich ist. Nicht jede sexistische Handlung ist mit physischen Übergriffen verbunden, das ist klar. Aber schon die verlinkten Definitionen, die ja nicht ich mir ausgedacht habe, zeigen doch, dass Gewalt nicht auf einem anderen Blatt stehen darf. Konsensfähiger wäre es bestimmt zu sagen: “Ey, ja lass das mal ausklammern und die Definitionen vergessen und ne eigene machen.”

  • Emanon schreibt am 27. Januar 2013 um 17:17

    Zur Definitionsfrage:

    Sexismus ist ein gesellschaftliches Konstrukt und ein Überbegriff für die gedankliche Basis, auf der ein Verhalten fußt.

    Von dieser Basis ausgehen gibt es verschiedene Verhaltensweisen. Dazu zählen Äußerungen oder auch körperliches Handeln. Die Äußerungen können z.B. den Straftatbestand der Beleidigung erfüllen, dann handelt es sich um Beleidigung, oder auch nicht. In diesem Fall nennt man die Äußerung “sexistisch”, weil sie eben dieser Basis entspringt. “Beleidigung” wäre in diesem Fall die strafrechtliche Wertung der sexistischen Äußerung.

    Körperliches Handeln kann genauso Straftatbestände erfüllen oder nicht. Beispielsweise versuchte Vergewaltigung. In diesem Fall handelt es sich dann auch um sexistisches handeln, welches strafrechtlich als versuchte Vergewaltigung gewertet wird. “Sexueller Übergriff” ist umgangssprachich zusammenfassend für körperliches Handeln aus sexistischen Motiven.

    Ich kann mich also nur wiederholen, wenn ich appelliere, dass richtig differenziert wird. “Sexismus” ist nicht die kleine Schwester vom “Sexuellen Übergriff” bzw. “sexueller Gewalt”, sondern die Basis bzw. das Motiv. “Übergriff”, bzw. die richtigen Straftatbestände hingegen werten das Handeln.

    Lest bitte mindestens wikipedia zum Thema bevor sich die Diskussion verfährt und ihr Dinge sagt, die ihr gar nicht ausdrücken wollt.

  • Dieter schreibt am 29. Januar 2013 um 22:06

    70000 Männlein und WEIBLEIN füllen das Olympiastadion für einen Mario Barth der nur von Sexismus lebt (andere “Comedians” auch) – also die “Mehrheit” hat anscheinend kein Problem damit und ich frage mich was das ausdrückt?
    Spaß am Untergang, Verlust des “Guten Benehmens”, des Respekts vor dem Gegenüber, dem Anderen, Ausdruck einer Ellenbogengesellschaft deren einziger Maßstab die Kohle ist – nicht verdient sondern “generiert” ohne Rücksicht auf alle(s). Und ihr diskutiert hier über die “richtige Differenzierung”

  • Sebastian schreibt am 2. Februar 2013 um 16:44

    Mir ist schleierhaft, was in Männern vorgeht, die Frauen derart belästigen, daß diese daraufhin Tanzfläche / Club / Örtlichkeit verlassen. Persönlich bin ich schon früh dazu übergegangen, Frauen einfach gar nicht anzusprechen, dann besteht auch keine Gefahr, sie aus Versehen zu belästigen. Das bringt zwar auch ein maues bis abwesendes Sexleben mit sich, da Frauen ja nahezu nie die Initiative ergreifen, aber wenigstens kann ich mir so sicher sein, niemandem den Abend zu verderben.

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