#ichkaufdasnicht – Aktion gegen diskriminierende Produkte: Anne Wizorek im Interview

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Ich kauf das nicht!

Das Blog kleinerdrei solltest Du kennen. Ich habe es hier bereits gefeiert. Anne Wizorek kennst Du wahrscheinlich auch, sie macht mit einigen FreundInnen kleinerdrei und war als Initiatorin von #aufschrei in allerlei Medien. In Anlehnung an die Aktion #Notbuyingit von Miss Representation startet sie jetzt eine groß angelegte Social Media Kampagne. Mit eigenem Tumblr, Twitter und Pinterest-Account gegen diskriminierende Werbung. Gegen Sexismus und Homophobie, gegen Rassimus und Rollenklischees. Anne schreibt:

“Der Einfluss stammt in diesen Fällen nun mal größtenteils aus unseren Portemonnaies und deshalb lautet die simple Botschaft, dass wir keinen Cent für herabwürdigende Produkte ausgeben oder in Firmen und Medien investieren, die Diskriminierendes produzieren. Doch ist das nicht nur ein öffentliches Beschämen der jeweiligen Firmen und Medien und ein Statement für uns selbst, sondern auch für alle Anderen, indem wir unsere Entscheidung mit unseren sozialen Netzwerken teilen.”

Leserinnen und Leser wissen, dass Rollenklischees in Produktwerbung hier oft ein Thema sind und gerade als Fan von Pink, Glitzer und Einhörnern ist das ein Thema mit dem ich immer wieder aneinander gerate. Einhörner sind eben für alle da! Grund genug Anne zum Start der Aktion zu interviewen.

Liebe Anne, erstmal Glückwunsch zu Eurem Blog kleinerdrei, ich bin seit Anfang an Leser und natürlich denken viele bei Deiner neuen Aktion bestimmt gleich an #aufschrei. Ist das Absicht und hoffst Du, dass Du durch diese Aktion ein eben so großes Echo und damit eine verbundene Awareness schaffen kannst?!

Nein, die Idee für eine solche Aktion und das Vorbild #Notbuyingit habe ich schon vor längerer Zeit gehabt.

Wenn es jetzt viel Aufmerksamkeit bekommen kann, wäre das natürlich toll, aber ich erwarte das nun keinesfalls. Für mich ist #ichkaufdasnicht vor allem auch als Plattform gedacht, um das Problem überhaupt erst mal an einem Ort sichtbar zu machen und aufzuzeigen, was wir als Konsumentinnen und Konsumenten für Möglichkeiten haben, anstatt uns in ein “Ist halt so” zu kuscheln.

#ichkaufdasnicht ist eine Aktion gegen diskriminierende Produkte. Gerade in letzter Zeit fällt auf, dass Produkte immer mehr geschlechtsbezogen beworben werden. LEGO für (erwachsene) Männer, Ü-Eier für Mädchen, YPS für Männer usw. Siehst Du da einen Trend?! Von Produkten wie AXE bist Du das ja bereits gewohnt, aber in anderen Sektoren findest Du geschlechtsspezifische Produkte immer mehr.

Natürlich ist das ein Trend, denn mit der Trennung in zwei Geschlechter lässt sich einfach mehr Geld verdienen und den Kundinnen und Kunden wird zugleich noch der Anschein vermittelt, man wäre bei der Produktentwicklung mehr auf ihre “individuellen Bedürfnisse” eingegangen. Das Ü-Ei ist da schon ein klassisches Beispiel: Ein eigentlich gutes Produkt für Kinder, wird plötzlich zu einer Sache für Jungs und Mädchen. Wobei das Mädchen-Ei vor allem auch noch deswegen ausgelagert wurde, damit Jungs sich nicht mit “Puppenkram” und dergleichen befassen müssen. Ob sie nicht aber auch gerne mit Feen, Glitzer und dergleichen spielen möchten, werden sie dabei aber nicht gefragt, genau so wenig wie Mädchen zugestanden wird, dass sie sich auch gerne außerhalb der rosaroten Prinzessinnenblase bewegen möchten. Geschlechterstereotype schränken uns alle ein und das dies bereits mit Kinderspielzeug beginnt, ist eine gruselige bis gefährliche Entwicklung.

Du wirst es kennen. Das Schein-Argument “Gibt es denn nichts wichtigeres?!” – Ich kann mir denken, dass schnell gesagt wird, dass Produktionsbedingungen ein viel größeres Problem seien. Dein Aufruf schließt das Anprangern von unmenschlichen Sweatshops natürlich gar nicht aus und das ist bestimmt auch erwünscht. Dein Fokus liegt dennoch sehr auf Diskriminierung in der Außendarstellung von Produkten. Wieso dort?!

Wer sich gegen Sweatshops einsetzen möchte, darf dies gerne tun. #ichkaufdasnicht hält ja niemanden davon ab und ich persönlich schon gar nicht. Das eine Problem mit dem anderen aufzuwiegen, ist jedoch Quatsch und hilft am Ende niemandem, solange sich für keins davon aktiv eingesetzt wird. Natürlich gibt es diverse Gründe, bestimmte Dinge nicht zu kaufen, aber der Fokus der Kampagne ist bewusst auf etwas gesetzt worden, an das sich zu viele von uns schon zu sehr gewöhnt haben. Stereotype und Diskriminierungen sind quasi schon zum”guten Stilmittel”, besonders in der Werbung geworden, aber in Frage gestellt werden sie von zu wenigen Menschen. Doch es wäre ja naiv zu behaupten, dass Werbung, Medien und Produkte keinen Einfluss auf uns hätten, schließlich umgeben sie uns jeden Tag und das in nicht abnehmender Intensität. Was ist also falsch daran, an ein Konsumbewusstsein zu appellieren, das eben nicht alles mitmacht, das – so weit es eben noch möglich ist – selbstbestimmt entscheidet? Für Konsumentinnen und Konsumenten passiert das nun einmal an dem Punkt, wo sie Geld ausgeben oder eben nicht. Das ist unser Druckmittel und wir sollten es noch viel öfter und bewusster einsetzen, aber eben auch anderen damit als Vorbilder dienen. Ich finde das wichtig genug, um die Welt um uns herum ein Stück weiter selbstbestimmt zu formen.

Das Gute an #ichkaufdasnicht ist ja: Bloß weil ich persönlich diese Aussage treffe, *musst* du ihr ja gar nicht folgen. Aber indem ich meine Meinung über http://ichkaufdasnicht.tumblr.com mitteile, bringt es vielleicht ein paar mehr Menschen zum Nachdenken und wenn diese sich am Ende dagegen entscheiden, ein Produkt zu kaufen, das sexistische Werbung macht, ist das ein Gewinn – je nachdem wie groß die Masse der Menschen ist, dann eben ein großer oder ein kleiner. Ich finde alle davon wertvoll und wichtig.

Was sagst Du denn zu ähnlich gelagerten Aktionen wie “Pink stinks”?! Ich fand da stets den Namen unglücklich gewählt, vor allem wo ich mal beobachtete, dass ein Bekannter dann alle pinken Produkte des Sexismus bezichtigte. Ist das ein Kollateralschaden, der sich vor allem aus gängigen Klischees nährt, oder musst Du bei so einer Aktion auch darauf achten, dass nicht neue Klischees entstehen?

Mir geht es da ähnlich, die Idee ist gut und der Name natürlich catchy, aber irgendwie impliziert das auf den ersten Blick, als würde Pink jetzt gar nicht mehr okay sein und gehöre verbannt. Andererseits zeigt es eben auch ganz gut, dass es nicht nur einer Kampagne mit Handlungsanweisungen, sondern auch der steten Aufklärungsarbeit bedarf.

Ansonsten bin ich auch immer dafür, dass wir unsere eigene Sprache für solche Kampagnen nutzen, auch wenn es englischsprachige Vorbilder gibt und deutsche Sprache leider nicht gerade die kompakteste ist.

Am Ende doch nochmal kurz zurück zu #aufschrei. Die Gefahr bestünde, dass die Debatte als “beendet” gilt und die mediale Aufmerksamkeit abebbt. Eine solche Aktion wie #ichkaufdasnicht könnte abermals Aufmerksamkeit schaffen. Ist das gewünscht oder schlicht zufällig?!

Nun, #ichkaufdasnicht befasst sich natürlich mit einem Faktor des Sexismus-Problems und einem Lösungsansatz aus Konsumentinnen- und Konsumentensicht – etwas, das vielen nach #aufschrei ja fehlte, sprich praktische Lösungsansätze zu haben, nach denen sie agieren können. Insofern wäre es schön, wenn der Kampagne eine große Aufmerksamkeit zukommt, weil das erkannt wird, aber darauf spekuliere ich hierbei nicht. Der Zeitpunkt ist schlicht jetzt gewählt, weil ich das erste Mal seit #aufschrei wieder Zeit hatte, die Idee zu verfolgen und sie auszuformulieren. Ansonsten ist #ichkaufdasnicht für mich eh ein langfristiges Projekt, genau so wie das Vorbild #Notbuyingit.

Vielen Dank für Das Interview.

Mein Einhorn und ich wünschen Anne und allen die sich beteiligen viel Erfolg dabei. Gute Aktion!



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