Das neue Spiel

Das neue Spiel – Michael Seemann im Interview zu seiner Crowdfundingkampagne

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Das neue Spiel

Michael Seemann kennst Du im Web vielleicht auch als MSpro. Mit “Neues Spiel – Nach dem Kontrollverlust” soll ein Buch erscheinen über die Datenschwemme und deren willkürliche Verbreitung im Netz erscheinen. Mit der zunehmenden Digitalisierung der Alltagswelt sind Informationen nicht mehr kontrollierbar. Ziel von Seemann ist es, neben der Theorie, auch konkrete Ratschläge zu geben, wie in Zukunft Personen mit ihren Daten umgehen sollen. Im Interview geht es allerdings vor allem um die Kampagne selbst. Innerhalb weniger Stunden wurde das Ziel erfüllt. Bei 15.000 Euro wird eine Podcastreihe die Inhalte des Buches begleiten.


Frohes Neues Michael, einer Deiner Vorsätze ist es 2014 ein Buch zu schreiben, das Du erfolgreich gecrowdfunded hast. Heißt das Du hast noch gar keine Zeile geschrieben?

Diese Frage kann man auf zwei Weisen beantworten:

1. Ja, noch keine Zeile. Ich habe mir ja deswegen einen Crowdfundingvorschuss besorgt, um in die Lage versetzt zu werden, ohne verhungern zu müssen, das Buch zu schreiben. Konkreter Schreibbeginn ist also der 1. Februar, dann, wenn die Kampagne endet.

2. Bist du wahnsinnig? Ich schreibe seit über 3 Jahren an dem Buch! Es steht als lose Kladdensammlung im Netz unter der Domain ctrl-verlust.net. Ich muss diese Kladden nur sichten, neu ordnen und in ein Buch umschreiben.

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Natürlich schreibe ich ein neues Buch, mit neuen Thesen, aber es wird natürlich verdammt viel Wissen der letzten 3 Jahre einfließen. Vor allem hat sich der Blickwinkel geändert. Das Blog wollte immer noch dem Kontrollverlust nachspüren, ihn sichtbar machen. Das hat sich seit Snowden erledigt. Bleibt, ihn zu erklären und zu verstehen und daraus Tipps zu generieren.

Du hast mit Deiner Crowdfunding-Aktion 8.000 Euro angepeilt und bist jetzt schon bei über 12.000 Euro. Wenn Du auf größere Verlage blickst ist die Summe für ein Buch ja recht bescheiden. Du schreibst selbst, dass Dir davon wohl lediglich die Hälfte zum Leben bliebe (“4000 Euro sind nicht nichts, aber für ein halbes Jahr Leben auch nicht gerade üppig.”) – Wieso hast Du überhaupt so niedrig angefangen? Bock auf Selbstkasteiung?

Ich habe wenig Erfahrung mit Crowdfunding und deswegen war ich etwas unsicher. Ich wollte eigentlich auf eine Summe um die 10.000 Euro kommen. Bei diversen Besprechungen mit Menschen, die sich besser auskennen als ich, wurde mir angedeutet, dass das zwar viel, aber durchaus eine machbare Summe sei. Da man bei Startnext aber nichts bekommt, wenn man die Zielsumme nicht erreicht, ist es grundsätzlich sinnvoll vorsichtig zu sein. Außerdem kann man ja eh überfunden. Daher die 8000.

Meine Erwartung, mit der ich da also reinging war, die 8000 Euro auf jeden Fall zu schaffen (meine Ängste daran zu scheitern waren da, aber sie waren gering) und die Hoffnung auf um die 10.0000 zu überfunden. Dass ich die 8000 aber in nur 28 Stunden reißen würde, wäre mir im Traum nicht eingfallen.

8000 Euro wäre aber tatsächlich die Summe gewesen, das unterste Minimum sozusagen, das es mir erlaubt hätte das Buch mit Ach und Krach und ein bisschen was Zuverdienen schreiben zu können. Ich lebe ja grundsätzlich sehr spartanisch.

Meinst Du die Rekorderfüllung in weniger als zwei Tagen lag am Angebot auf Deine Releaseparty zu kommen? Und vor allem was gibt es für die VIP-Gäste zu essen?!

Ich glaube, die Rekorderfüllung hat drei wesentliche Ursachen.

Erstens habe ich die letzten 3 Monate viel Gehirnschmalz und Arbeit in die Kampagne gesteckt. Der Film, das Buchcover, die Texte, die Dankeschöns. Ich habe mit wirklich vielen Menschen gesprochen, habe viele Kontakte aktiviert und mit einigen Menschen zusammengearbeitet, um all das zu realisieren. Ich glaube tatsächlich, dass die Kampagne gut geworden ist.

Zweitens muss man bedenken, dass ich im Netz ja kein Unbekannter bin. Ich wusele da seit 8 Jahren rum und habe vielen Kram gemacht. Und auch das Thema, das ich hier präsentiere, entwickle ich seit über 3 Jahren und habe damit bereits viel öffentliches Interesse bekommen. Ich vermute, es gibt da mittlerweile sowas wie eine kleine Kontrollverlust-Community, die auch bereit ist, sowas direkt zu unterstützen.

Drittens sind da natürlich das aktuelle Thema NSA und die allgemeine Unzufriedenheit mit bisherigen Lösungsansätze. Die einen rufen “die Politik soll das lösen”, die anderen “Wir müssen mit mehr Krypto um uns werfen!”. All diese Ansätze sind nicht falsch, aber auch nicht gerade erfolgverprechend. Wenn da jemand kommt und da einen neuen Weg anbietet, der zumindest nicht der abgetretene Weg ist, wird das natürlich dankbar aufgenommen. Das widerum erzeugt einen gewissen Druck bei mir, auch was ordentliches zu abliefern …

Ich weiß aber tatsächlich nicht, was es zu Essen geben wird. Mit dem Geld kann man nicht in ein Nobelrestaurant gehen. Aber in Berlin gibt es ja eine Menge recht preiswerter, aber dennoch interessanter Restaurants. Da wird mir schon was einfallen.

Ein weiterer interessanter Punkt bei Deinem Buch wird die Lizensierung sein. Du hast eine eigene Lizenz entwickelt. Die “Do What the Fuck You Want to Public Digital License”, eine Anlehnung an die “WTFPL”-Lizenz, wie ich vermute. Diese war in der Vergangenheit nicht sonderlich erfolgreich. Ist das Vorbild da gut gewählt?! (Bonus: Ich hab nicht so recht verstanden welche Rolle iRights dabei spielten.)

Ja, die Anlehnung an die WTFPL ist gegeben und auch ausdrücklich benannt.

Mir ist es erstmal egal, ob eine Lizenz erfolgreich ist. Ich will, dass sie 1. tut, was ich will und 2. verständlich ist. Weite Verbreitung ist bei Punkt 2 zwar ein Vorteil, das stimmt. Das gleicht die WTFPL aber durch Verständlichkeit locker wieder aus. “Tu was zum Teufel was Du willst!” ist sehr eindeutig und für jeden verständlich. Es reicht den Titel zu lesen. Deswegen habe ich die WTFPDL an die WTFPL angelehnt.

Im Gegensatz zu den viel populäreren CC-Lizenzen definiere ich keine funktionalen Bereiche – wie Kommerzialität, Veränderung, etc – in denen ich die Freiheit einschränke, sondern ich definiere Sphären: die digitale und die analoge. Es ist wie im richtigen Leben: Nicht alles, was ich digital tun kann, kann ich analog tun. Deswegen macht es Sinn, diese Sphären auch unterschiedlich zu behandeln. Digital ist alles erlaubt, Analog behalte ich mir die Rechte vor. Das ist ja auch die Message in meinem Buch: es gelten eben andere Regeln im Digitalen.

Ich bin mit der Idee zu iRights gegangen, weil ich dachte, dass es eine gute Idee ist, da mal Spezialisten drüber schauen zu lassen. Sie fanden das Projekt spannend genug, mich dabei zu unterstützen. Die Formulierungen, die ich auf der Website habe, bin ich mit iRights durchgegangen und sie haben ein paar Dinge verbessert. Aber im Grunde ist das schon meine Idee.

Meinst Du dass es dadurch schwieriger wird einen Verlag zu finden?

Schwieriger als was? Ohne freie Lizenz? Natürlich! Verlage mögen sowas nicht. Sie wollen (und bekommen traditionell) die vollen Rechte. Für alles und über alle Sphären. Alles, was davon abweicht, bedeutet erstmal, dass sie ihre Prozresse anpassen müssen. Das ist anstrengend und ungewohnt. Aber so ist das eben bei Experimenten. Und niemand würde behaupten, dass die Buchbranche eine Branche ist, die auf Experimente verzichten könnte.

Ich bringe aber auch einige Vorteile für die Verlage mit. Ich bin billiger zu haben, denn ich habe mein Geld schon verdient. Ich bringe weniger Risiko mit, denn ich habe meine Idee bereits am Markt angetestet und enorme Resonanz erfahren. Ich habe außerdem eine eingebaute PR- und Werbekampagne dabei. All das könnte für Verlage wichtig sein, die sich was trauen. In einem normalen Markt mit agilen Akteuren wäre ich eine “low hanging Fruit”. Aber Verlage sind sehr konservativ. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass das was wird.

Haben sich denn Verleger aufgrund der bisher doch großen positiven Resonanz bereits bei Dir gemeldet?

Es gab ein paar Kommentare auf Twitter von Verlagen und ein kleiner Verlag aus Bayern hat sich bei mir gemeldet. Mit dem führe ich bereits vorsichtige, aber durchaus sympathische gespräche. Aber es ist noch nichts abgemacht. Ich will auch erst ein paar Angebote einholen, bevor ich das entscheide.

Dann wünsche ich Dir viel Erfolg dabei. Vor allem beim Erreichen des nächsten Etappenziels, damit Dir ein Audiobook und die begleitende Podcastreihe möglich ist!

Zu wenig Inhalte im Interview? Mehr über Michaels Thesen gibt es in diesem Interview mit der taz.



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