Egotronic - Die Natur ist Dein Feind

Die Natur ist Dein Feind – Im Studio mit Egotronic

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Egotronic - Die Natur ist Dein Feind

“Egotronic machen ein neues Album. So richtig mit Band und Studio und willst Du nicht mal reinhören?”, so in etwa die Anfrage von Audiolith. Klar mag ich. Schließlich kenne ich Torsun flüchtig und entdeckte Egotronic erst kürzlich für mich. Zu groß war vorher meine Irritation durch Kirmesbeats. Und jetzt mit Band?! Nice!

Also treffen wir uns an einem Nachmittag bei Kilian, dem Keyboarder von Egotronic. Nicht im Studio, sondern in einer WG. Kilian ist gerade erst eingezogen und es sicht so aus, als habe er nicht nur Rick J. Jordan, sondern auch gleich Michael Simon* von Scooter niedergeschlagen und die Synthesizertürme geklaut. Überall Keyboards. Erstmal werden einzelne Spuren für den Mix exportiert und über einschlägige Webseiten die irgendwas mit Transfer zu tun haben, und sonst der Piraterie dienlich sind, verschickt. Der wird nämlich woanders gemacht. Studioarbeit subversiv, Studioarbeit dezentral, Studioarbeit modern, oder so. Dementsprechend darf ich noch nicht ins ganze Album reinhören. Doch dann geht es los. Vogelgezwitscher, Soundscapes, falscher Film. Öhm ja, also das ist nun?! “Die Natur ist dein Feind”, Opener und Titeltrack des Albums. Irritation scheint mir erwünscht, doch dann geht es los. Mit Gitarren. Torsun erzählt, dass befreundete Musikjournalisten hier eine Single hören. Ich gebe mich kritisch.

Es folgt “Neurosen im Garten” und “Glücksversprechen”, das wiederum könnte eine Single sein! Vielleicht ist der Song auch deshalb auf dem Jubiläumssampler Audiolith – Ten Years From Now (Still Doin’ Our Thing Vol. 3). Der neue Sound steht Egotronic gut. Mehr Gitarren, aber eben auch die unverkennbaren Keyboardsounds. Ja, das ist schon Punk, aber auch Pop und von beiden Genres wird gesagt, dass sie komisch riechen. Deshalb heißt der nächste Song wohl auch “Pop stinkt!” und ironischerweise höre ich auch hier Singlepotential. Die (Live-)Band besteht übrigens neben Torsun und Kilian aus Chrü (Gitarre) und Reuschi (Drums), die sonst Begleitband von The Toten Crackhuren Im Kofferraum sind. Die Crackhuren singen gleich auch noch bei einigen Songs mit. Auffällig da vor allem “Band der Vollidioten”, das einigen schon bekannt sein dürfte. Die neue Version bekommt durch die Chöre ein angenehmes Oma Hans Flair.

Apropos Oma Hans, apropos Jensen. Hier bricht das gemeinsame Fantum von Tosun und mir aus. Torsun erzählt, wie der Originalillustrator des legendären Angeschissen-Covers, auf das Egotronic bei Macht keinen Lärm zurückgreifen, in einem Hamburger Plattenladen eben diese Egotronic-Scheibe kaufte.

Und auch auf “Die Natur ist Dein Feind” wird Jens Rachut wieder referenziert. Dieses Mal in Form eines Dackelblut-Covers von “Edwin van der Sar”.

Torsun erzählt, wie er bei Rachut um Erlaubnis fragen wollte und sich über Audiolith die Handynummer organisierte. Rachut ging aber nicht dran. Also eben per SMS. Die Antwort “Is okay!”.

“Eine Naturkatastrophe nur für Deutschland / alles sollte hier mal endlich explodiern / Warum ham wir kein Vulkan der kotzen muß wie ich / Warum wird das alles blöder hier.”

“Edwin van der Sar” soll der letzte Song auf der Platte werden und fasst thematisch die (mir bekannten) Vorherigen gut zusammen. “Rassismus ist ein starkes Thema auf der Platte”, sagt Torsun. Am prägnantesten wird das in dem großartigen Stück “Wie lange?”.

“Wie lange kann man hier noch leben ohne durchzudrehen
Wie lange darf man hier verweilen ohne draufzugehen
Wie lange kann man hier noch glauben, dass es besser wird
Wann folgt die Einsicht und die Weitsicht dass man hier verliert

Die Stärke der Gemeinschaft war hier immer schon eine Drohung
Ihre Sehnsucht, die Bereitschaft hieß hier immer schon Verrohung”

Als ich den Song höre setze ich mein Pokerface auf. Es täuscht journalistische Integrität vor, dient aber vor allem dazu, dass ich als ehemaliger Hobbymusiker mir das Fachsimpeln und Klugscheißen verkneife. Hier ist es aber anders. Ich bin für einen Moment ergriffen. Und mir wird klar, die Naturkatastrophe wird wohl vorerst ausbleiben. Alles wird blöder werden, denn die Natur ist Dein Feind!

*Ich hätte lieber Jay Frog geschrieben, musste aber lesen, dass der nicht mehr dabei ist.



    2 Kommentare:

  • seppl schreibt am 10. Januar 2014 um 09:25

    brr, das klingt jetzt schon ziemlich platt und weichgespült …

  • Petra schreibt am 10. Januar 2014 um 19:18

    Ich bin echt mal gespannt, ich find die ja richtig toll!

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