form Presse 2, Fotograf David sehr groß Bruchmann

form im Interview zu den Montagsmahnwachen – “Gerade wenn man in der Öffentlichkeit diskutiert, kann man etwas gewinnen”

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form Presse 2, Fotograf David sehr groß Bruchmann

Lieber form, auf FICKO klärst Du über die Montagsmahnwachen auf. Nun hast Du auch einen Song darüber gemacht. Wieso beschäftigt Dich das Thema so?
Mich beschäftigt das Thema, weil ich ein politisch denkender Mensch bin. Und weil ich einige Leute kenne, die in diesen Montagsdingsen ihre Erweckung gefunden haben. Wenn man sich aber anschaut, auf wessen Mist das gewachsen ist und was im Umfeld dieser Demos so passiert, könnte man mindestens ins Grübeln kommen, ob es denn wirklich um Frieden geht. Wir haben in Mainz auf Grund der Vorfälle auf anderen Montagsdingsen genau hingeschaut. Und der Initiator gibt uns nun mal nicht unbedingt Grund, davon auszugehen, dass es da nur um Peace und Umarmungen geht. Zum Beispiel wurde schon vor der ersten Versammlung selbst im FB-Event ein Link von Ernst Zündel und weitere entsprechende Dinge geteilt. Ernst Zündel kann man mal duck-duck-goen. Wir haben dann nachgefragt, wie es mit der Orga und solchen Inhalten aussieht. Auch in Bezug auf Jebsen, Elsässer wollten wir wissen, was die Mainzer Orgaleute dazu sagen oder denken. Alles, was kam, waren Vorwürfe, wir wären ultra aggressive Spalter, wir haben Mails mit bedrohlichem Unterton vom Orga-Mann selbst bekommen, es kam immer noch kein Statement zur Holocaustleugnung, aber viele Angriffe auf uns voller Capslock, Geifer und Ausrufezeichen.
Was es noch komplizierter macht, ist, dass sehr viele Dinge, die im Umfeld dieser Demos v.a. von den eher “niedrigrangigen” Besuchern z.B. am Mikrofon gesagt werden, auch mindestens einen wahren Kern haben. Dieses Gefühl, dass der Großteil der Menschheit eigentlich nicht davon profitiert, wie unsere Welt so angeordnet ist, das ist ja nicht falsch. Ja, es wird gelogen in der Presse, es werden Dinge hingebogen, die nicht klargehen und Kriegsgründe sind selten die, die angegeben werden. Wer mal auf einer Demo gegen Nazis von der Polizei zu Brei geschlagen worden ist und hinterher noch angezeigt wird, während die BILD noch darüber schreibt, wie gewaltbereite linksgrünversiffte Hetz-SA-Antifa-Stalinisten die wehrlosen Beamten grundlos terrorisierten, weiß ja, was es alles gibt.

Das mit der Holocaustleugnung haben Leute, die FICKO nicht lesen vermutlich gar nicht mitbekommen, kannst Du da näher drauf eingehen?
Ja. Also man muss natürlich aufpassen, dass das nicht verzerrt kommuniziert wird. Ich war am Montag da. Die meisten der Anwesenden waren harmlose, eher esoterisch angehauchte Umarmungsmenschen, die sich schämten, übers Mikrofon ihre “Definition von Frieden” verlautbaren zu lassen, zu dem sie die “Moderatorin”, die komplett esoterisch unterwegs war, im Grundschultonfall aufrief. Es waren aber auch ein zwei drei unterarmtätowierte, bullige Typen mit nicht allzu friedlicher Aura im Publikum. Kein Plan, ob die jetzt irgendwie rechts waren, sonderlich sympathisch geschaut haben sie nicht. Das nur vorab. Die Holocaustleugnung war in dem Link von Ernst Zündel. Es gibt von dem halt natürlich auch Youtube-Videos, er saß ja auch schon im Knast wegen notorischer Leugnung und ständiger “Hinterfragung”. Nun ja, nachdem dieser Link gepostet wurde, gingen wir sogar immer noch darauf ein und fragten, was die Orga davon hält. Die öffentliche Reaktion war, uns zu beschimpfen, uns seine Anhänger auf den Hals zu hetzen, die eine Diskussion mittlerweile quasi unmöglich machen. Ich fühle mich davon aber noch null bedroht, also in Mainz ist es noch von einer Eskalation entfernt. Es nervt halt und die sind leider, nun ja, eher innovativ in Sachen Logik, aber so eine Verwirrtheit gepaart mit Aggression kenn ich ja aus der Rapszene zuhauf, daher macht mir das nicht mehr so viel aus.

Stichwort Umarmungsmenschen. Fühlen sich viele Leute nicht vor allem deswegen angegriffen, weil es ihnen wirklich um Frieden geht? Sie ein positives Statement setzen wollen, sich gar als links wahrnehmen und die Kritik meist abfällig und/oder von oben herab geäußert wird? (Aluhüte, etc.)
Ja, ich denke, dass das durchaus auch ein großes Problem ist. Wir haben wirklich stark darauf geachtet, nicht zu pöbeln, sondern viele Stunden in ziemlich sachliche Kritik investiert. Aber du kommst halt irgendwann, leider meist von Anfang an, nicht weit. Ich habe z.B. den Artikel von der Vice gepostet, in dem wirklich ganz simpel erklärt wird, was diese Veranstaltungen mindestens rechtsoffen erscheinen lässt. Das Personal, das Publikum und die Aussagen. Darauf kam als Antwort, dass wir dem Fernsehen nicht glauben können. Ich meinte, dass das kein Fernseh-Link sei und sie sich doch die Fotos anschauen könnte. Wollte sie nicht. Derartige Beispiele gibt es zuhauf, es ist mir schlichtweg noch nicht ein Mal gelungen, ein ernsthaftes Gespräch, mit einem wirklichen Austausch von Argumenten zu führen. Was soll man auch tun, wenn man so angesprochen wird: “hilfe..kein wunder dass euch niemand wirklich ernst nehmen kann… ihr seid hier nicht mehr erwünscht, capiche? denn dumme leute mag und mochte ich noch nie… ich wünsche euch eines tages geistige erleuchtung, damit ihr aus eurer engstirnigkeit erwacht… ps: google mal unter “sachlich” wenn du NICHTS mich wagst indirekt einen “holocaustleugner” zu nennen! meine anwälte und ich warten sehnsüchtig auf mehr verleumdungspulver von dir und deinen konsorten… wir sehen uns HOFFENTLICH ENDLICH AM MONTAG!!!!!!! peace*****”

Du erwähntest anfangs Leute, die Du kennst, die der Sache auf den Leim gehen würden. Ist da der Dialog ähnlich?
Nein, längst nicht so aggressiv natürlich. Aber ich kann halt nicht täglich mit 20 Leuten stundenlange Gespräche führen, wieso es Quatsch ist, sich dem so naiv anzuschließen.
Und da kommen auch Risse, die denken schon auch nach und sind ja meist offen für Argumente. Daher denke ich, dass das der leider immer noch unumgängliche Weg ist: Wir müssen das ernst nehmen und Dinge tun, die in der Linken leider oft vernachlässigt werden. Und zwar mit normalen Leuten reden, ohne auf sie von oben herab zu sehen.
Und das ist anstrengend und nervig und auch mitunter ultra frustrierend. Aber gerade wenn man in der Öffentlichkeit diskutiert, kann man etwas gewinnen: Die schlauen Leute erkennen ja, wenn zum 20. Mal nicht auf ein konkretes Argument eingegangen wurde.



Eine Friedensbewegung die willens ist etwas zu ändern, die mit (verkürzter) Kapitalismuskritik einverstanden ist. Wäre da nicht ein Ansatzpunkt? Und ist das nicht ggf. sogar der Punkt weswegen so hart gestritten wird? Das viele sich auf der gleichen Seite fühlen?
Joaa… Also “die” bzw. alle Stimmen, die ich bisher hören konnte, sind ja nicht nur mit verkürzter Kapitalismuskritik einverstanden, das gibt es ja häufig. Viel mehr haben sie auch oft kein Problem mit Nazis, solange diese sagen, dass sie “nicht rechts” seien. Weil wer “für Frieden” ist bzw. das halt behauptet, muss auch unbedingt ernst genommen werden und 20 Minuten reden dürfen. Wer sagt, dass hinter allen Kriegen die FED (oder die Rothschilds, also die Juden) steckt, macht sich auch ein bisschen verdächtig und mindestens lächerlich. Dann identifizieren sich die Anhänger_innen, die ich kennenlernen durfte, mitunter übertrieben kindisch mit der “Bewegung”, stampfen auf, krakeelen rum, beleidigen sofort und sind nicht empfänglich für Argumente. Noch einmal der Initiator in Mainz: “”ihr habt mich herausgefordert?? lach..ihr wißt nicht mit wem ihr euch hier gerade anlegt jungs!!! […] ich finde euch , eure namen habe ich bereits alle hier vorliegen!!! und lügner bzw. hetzer bzw. verleumder!!! bekommen das was sie verdienen!! nämlich eine öffentliche zur schau stellung!!!””


Dass sich viele auf der gleichen Seite fühlen, kann ich verstehen. Ich versuche ja auch immer noch händeringend durchzudringen zu einigen. Es fehlt aber die Erkenntnis, dass “für Frieden” sein nicht reicht. So einfach ist es halt dann doch nicht. Denn mein Frieden hat mit dem Elsässer-Frieden überhaupt rein gar nichts zu tun. Der Typ macht eine Konferenz gegen Homosexuelle, lässt sich mit Ahmadinedschad fotografieren und ist im Prinzip der Querfront-Chef hierzulande. Daher ist auch dieses fürchterliche Geschwafel, es sei egal, ob man links oder rechts sei, so gefährlich. Da kommt dann auch die jahrelange BILD-/CSU/etc.-Kampagne zur Extremismustheorie zum Tragen. “Links und rechts sind dasselbe”, so ein Unsinn. Nazis sind die, die Menschen umbringen auf Grund von äußeren Merkmalen, Linke greifen menschenfeindliche Ideen an. Manche Linke schießen dabei auch für meinen Geschmack manchmal übers Ziel hinaus oder nerven total, aber das sind in aller Regel keine gefährlichen Leute. Wer diesen Unterschied nicht checkt, kann natürlich schnell in komische Fahrwasser kommen. 
Das muss aber vermittelt werden. Daher habe ich mich z.B. gefragt, ob es nicht möglich wäre, grundsätzliche Gesellschaftskritik eben auch mal fürs Internet aufzubereiten. Wenn offenbar von vielen eher ein Youtube-Video geschaut als ein Text gelesen wird, muss man so pragmatisch sein und das eben irgendwie machen. Es wirkt. Wer macht mit?

Vorher auf dem Einhorn:
Daniel Kulla im Interview zu den Montagsdemos – Hinzuschauen ist nicht einfach



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