“Nur raus aus diesem Land.”

-

„In Oxford gibt es keinen Heldenplatz.
In Oxford ist Hitler nie gewesen“
(Thomas Bernhard, „Heldenplatz“).

Die Narben in den Gesichtern der Ballgäste stammen vom Fechtkampf. Es geht um das Abhärten und die Ehre, um Verwurzelung. Verwurzelung in nationalen Identitäten, Verwurzelung im (Groß)Deutschen. Dort, am Wiener Heldenplatz, wo vor siebeneinhalb Dekaden Abertausende noch die Annexion Österreichs an Deutschland bejubelten, trifft man sich nach wie vor einmal im Jahr. „WKR-Ball“ hat das früher geheißen, irgendwann hat man es dann „Akademikerball“ betitelt. Wie es heißt, ist auch belanglos: hier kommt jährlich – in der Wiener Hofburg – jenes Gedankengut zusammen, das vielleicht offiziell nicht mehr salonfähig sein sollte. In Wahrheit ist es längst wieder salonfähig. Es ist immer noch das Österreich, das Thomas Bernhard in seinem Stück „Heldenplatz“ zeichnete. Jenes Österreich, dem er verbot, auch nach dem Tod seine Stücke aufzuführen.

Draußen tobt der „Mob“, anscheinend empfinden es manche als geschmacklos und empörend, dass man den Rechten wieder die Hofburg überlässt. Die politisch Korrekten, die Linkslinken, die Empörten eben. In Österreich mag man keine Empörung, vor allem keine linke Empörung, egal ob das Tierschützer-Empörung oder antifaschistische Empörung oder feministische Empörung ist. In Österreich echauffiert man sich lieber über das Gendern und das Binnen I, das „unsere“ Sprache – die man anscheinend als statischen Prozess sieht – verdirbt. Man ist Gralshüter der Sprache, Gralshüter für das, das war und bleiben muss, Grabshüter. Grabshüter von Identitäten und gemeinsamen Narrativen. Man sehnt sich nach Zeiten, als man seine Ressentiments, seinen Hass, gegen das „Unnormale“ und „Unnatürliche“ noch unchiffriert artikulieren durfte.

Die Staatsgewalt hat alle Hände voll zu tun um den deutschnationalen Ballgästen in der Hofburg einen angenehmen Abend zu ermöglichen. Es kommt zu Ausschreitungen. Josef, einen Demonstranten aus Jena, hat man sich „herausgepickt“, man hat ihn angeblich gesehen, wie er eine Mülltonne und andere Objekte in der Hand hatte. Angeblich wollte er die werfen, wahrscheinlich auf Polizisten. Angeblich soll er auch der Anführer des „Schwarzen Blocks“ sein, der für die Ausschreitungen verantwortlich war. Sechs Monate lässt man Josef in österreichischer U-Haft sitzen. Weil man glaubt, ihn bei irgendetwas gesehen zu haben. Beweise hat man keine, schuldig wird er dennoch gesprochen. Im Zweifel gegen den Angeklagten: wir sprechen hier wohlgemerkt von einem zentraleuropäischen Staat. Die Zeit in U-Haft wird ihm angerechnet, immerhin darf er nach einem halben Jahr Haft wieder raus. Zwölf Monate teilbedingt lautet das Urteil. Seine Mutter sieht ihn beim Prozess wieder. Nur raus aus diesem Land wolle sie mit ihm, sagt sie.

Offiziell geht es um einen Sachschaden in Millionenhöhe, den die „linken Chaoten“ hinterlassen haben. In Wirklichkeit geht es hier um ein Musterbeispiel für den Umgang der Staatsgewalt mit linken Gegenstimmen und Demonstranten, um ein politisches Klima, um mediale und politische Stimmungsmache. Um die Unanfechtbarkeit jener Staatsmacht und um einen völlig absurden Prozess.

Auch nächstes Jahr werden sich die strammen Burschenschafter wieder in der Hofburg treffen. Die rechte Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) wird bei den Wiener Wahlen wieder ein hohes Ergebnis erreichen, und ihre Plakate werden wohl auch nächstes Jahr wieder nicht weit von den NPD-Slogans entfernt sein. Der Unterschied: die FPÖ ist auf dem besten Weg, zweitstärkste politische Kraft zu werden. Das mit Hitler und dem Heldenplatz wird dann 76 Jahre her sein.



    2 Kommentare:

  • Sebastian schreibt am 23. Juli 2014 um 20:59

    Ich weiß nicht, ob dies ein Grund ist, noch entschiedener gegen Akademikerball und dessen Auswüchse zu demonstrieren, oder man lieber aus Angst vor der österreichischen Justiz daheim bleiben sollte.

  • pennarsson schreibt am 24. Juli 2014 um 10:23

    danke für diesen text. ich habe ihn mir mal in auszügen bei mir reingeklebt. falls das für Dich nicht ok sein sollte: kurze nachricht.
    http://tmblr.co/ZRqQfs1MMQidY

Dein Kommentar:

Kommentarfeed zu diesem Artikel via RSS abonnieren.

Hinweis: Kommentare werden moderiert. Sie können auch ohne Angaben von Gründen gelöscht werden. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht! Weitere Infos zum Datenschutz